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Aus: Ausgabe vom 08.04.2019, Seite 10 / Feuilleton
Faschismus

Adenauers braune rechte Hand

Ein Standardwerk über den Nazijuristen Hans Globke
Von Gerhard Henschel
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Bis zum letzten Tag: Hans Globke (r.) gratuliert seinem Kanzler zum 85. Geburtstag (5.1.1961)

Im deutschen »Who’s Who« von 1962 steht zu lesen, dass Hans Globke, Konrad Adenauers Staatssekretär im Bundeskanzleramt, als Liebhaberei die Numismatik betreibe, also das Sammeln alter Münzen – nicht jedoch, dass er und der Jurist Wilhelm Stuckart als offizielle Kommentatoren der Nürnberger Rassengesetze von 1936 Geschichte geschrieben hatten.

Der Historiker Klaus Bästlein hat in seiner Studie »Der Fall Globke« die eindrucksvolle Karriere dieses Mannes nachgezeichnet. Von 1932 bis 1945 diente er als Ministerialrat im Reichsinnenministerium, und schon bevor die Nazis an die Macht kamen, wirkte er darauf hin, allen Juden gesetzlich die Änderung ihres Nachnamens zu verbieten. Am Erlass der »Nürnberger Gesetze«, die den Juden den Geschlechtsverkehr und die Ehe mit »Ariern« untersagten, war er dann zwar nicht unmittelbar beteiligt, aber er verfasste die 1. Verordnung zum Reichsbürgergesetz, das 1935 verabschiedet wurde. »Damit machte er den nationalsozialistischen Rassenwahn zur Norm«, schreibt Bästlein. »Fortan entschied die zufällige Religionszugehörigkeit der Großeltern über das Schicksal der Betroffenen.« Adolf Eichmann, der Organisator der »Endlösung«, berief sich später in seinen Deportationsbefehlen ausdrücklich auf das von Globke formulierte Gesetz.

Im Kommentar zu den »Nürnberger Gesetzen« legte Globke, um der »Rassenschande« Einhalt zu gebieten, den Begriff »Geschlechtsverkehr« extrem weit aus: Darunter seien »nicht nur der Beischlaf, das heißt die natürliche Vereinigung der Geschlechtsteile, zu verstehen, sondern auch beischlafähnliche Handlungen, z. B. gegenseitige Onanie«. Das Reichsgericht folgte dieser Auffassung und erkannte schließlich auch in Küssen und Zärtlichkeiten den Straftatbestand der »Rassenschande«. Mit seinem Kommentar hatte Globke, wie Bästlein feststellt, »das Tor für eine unbegrenzte Auslegung geöffnet«.

1938 arbeitete er ein Gesetz aus, das allen Juden vorschrieb, zusätzlich den Vornamen »Sara« beziehungsweise »Israel« anzunehmen: ein weiterer Schritt auf dem Weg der bürokratischen Vorbereitung des Völkermords. Bästlein erwähnt in diesem Zusammenhang eine bezeichnende Amtshandlung: »Als einmal ein Jude seinen Familiennamen ›Deutsch‹ nicht ändern wollte, schaltete Globke die Sicherheitspolizei ein, was die Einlieferung in ein KZ zur Folge haben konnte.«

Globke wurde 1953 zum Staatssekretär im Kanzleramt ernannt. Adenauer ging es dabei nicht allein um Globkes verwaltungsjuristischen Sachverstand, sondern auch um Wählerstimmen: Die nach Millionen zählenden alten Nazis sollten sich von der CDU vertreten fühlen. Globke hatte sein Amt zehn Jahre lang inne. Er sah sich zwar immer wieder scharfer Kritik wegen seiner Vergangenheit ausgesetzt, aber Adenauer stützte ihn bis zum letzten Tag seiner Kanzlerschaft. In deren letztem Jahr, 1963, wurde in der DDR ein Haftbefehl gegen Globke erlassen und in seiner Abwesenheit ein Prozess gegen ihn eröffnet. Bästlein schildert ausführlich die Vorbereitungen und den Verlauf. In diesem Prozess kam unter anderem zur Sprache, wie es vielen erging, die wegen »Rassenschande« verurteilt worden waren: »So bekundete ein Zeuge, der am 23. September 1938 in das KZ Sachsenhausen eingeliefert worden war, dass die 76 ›Rasseschänder‹ im Lager einen schwarzen Kreis um ihr Erkennungszeichen nähen mussten. In den Folgetagen hetzten SS-Angehörige die so Gebrandmarkten auf dem Appellplatz systematisch zu Tode. Wer liegen blieb, wurde mit kaltem Wasser begossen und mit fürchterlichen Fußtritten in die Weichteile malträtiert. Nach einer Woche waren 75 der ›Rasseschänder‹ tot; der letzte erlag eine Woche später im ›Krankenrevier‹ seinen Verletzungen.«

Zur Last gelegt wurde Globke auch seine Beteiligung an der Entstehung der Dreizehnten Verordnung zum Reichsbürgergesetzes vom 1. Juli 1943, in dem es hieß: »Nach dem Tode eines Juden verfällt sein Vermögen dem Reich.« Das war nichts anderes als eine Legalisierung des Raubmords. Zudem hatte Globke eine Verordnung ersonnen, die den Rechtsweg für Juden ausschloss und sie der vollständigen Willkür preisgab: »Strafbare Handlungen von Juden werden durch die Polizei geahndet.« Und schon 1936 hatte er geschrieben, »ausserhalb der faschistischen Gemeinschaft« gebe es »kein Leben im Rechtssinne«, sondern nur »biologisch vegetatives Leben«.

Das Gericht verurteilte ihn zu lebenslänglicher Haft. Natürlich diente der Prozess der DDR im Kalten Krieg zu propagandistischen Zwecken, aber es handelte sich, wie Bästlein feststellt, um ein »in seinem historischen und juristischen Gehalt kaum zu beanstandendes Urteil«. Davon kann sich jeder selbst überzeugen, denn in diesem Band ist es in voller Länge abgedruckt.

Klaus Bästlein: Der Fall Globke. Propaganda und Justiz in Ost und West. Metropol-Verlag, Berlin 2018, 304 Seiten, 22 Euro

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Hans-Jürgen Nagel, Berlin: Konterfei im Kanzleramt Globkes Konterfei hängt nach wie vor im Bundeskanzleramt! Auf Anfrage schrieb mir die Poststelle des Kanzleramts am 22. August 2018: »In einem Verwaltungsflügel des Bundeskanzleramtes hängen, wie auch...