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Aus: Ausgabe vom 06.04.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Einfach religiöser

Von Arnold Schölzel
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Am 31. März berichtet FAZ-Korrespondent Jochen Stahnke über die Proteste an der Grenze Gazas zu Israel am »Tag des Bodens«. Der erinnert an den 30. März 1976, als Israel in Galiläa arabisches Land in großem Stil enteignete. Daran wird seit 2018 an jedem Freitag erinnert und außerdem die Aufhebung der Blockade Gazas verlangt. In zwölf Monaten kamen bei den Protesten etwa 270 Palästinenser ums Leben, zumeist von israelischen Soldaten erschossen. Von denen traf es einen. Laut Stahnke nähern sich Israel und die in Gaza seit 2007 regierende Hamas nun bei indirekten Verhandlungen an. Beide hätten die Anfang März Richtung Tel Aviv abgefeuerten Raketen als »Versehen« eingestuft. Am Wochenende habe es einen Durchbruch gegeben, daher sei der geplante »Marsch der Million« an den Grenzzaun weitgehend ausgefallen. Stahnke schreibt: »Rund 40.000 Menschen ziehen in den Matsch vor die Visiere der israelischen Scharfschützen, gerade zwei Prozent der Bevölkerung in Gaza. Die Zugkraft der Hamas hat nachgelassen. Und die Hamas selbst sorgte dafür, dass es dieses Mal vergleichsweise ruhig blieb. Drei 17 Jahre alte Palästinenser wurden am Samstag getötet. Die israelische Armee spricht von einem der ruhigsten Tage seit Beginn der Demonstrationen.«

Das »ruhigste« besagt wohl: Recht auf Leben stört nicht. Das atomar bewaffnete Israel, dessen Existenzrecht angeblich Teil der deutschen Staatsräson ist, hat die Negierung des Rechts auf Existenz von Palästinensern zum Teil seiner Staatsräson gemacht. Die Negierung des Rechts von Palästinensern auf Boden ist ohnehin seine Voraussetzung. Die Kombination von beidem macht Israel zum letzten klassischen Kolonial- und zugleich Avantgardestaat des Imperialismus im 21. Jahrhundert: Der Export von Barbarei ist Daseinsweise, Humanisten sind marginalisiert.

Am selben Tag liefert Alexander Osang im Spiegel ein Porträt der israelisch-US-amerikanischen Journalistin Caroline Glick. Sie kandidiert für die »Neue Rechte« zu den Wahlen am 9. April. Zuvor war sie für die Jerusalem Post und die US-Internetseite Breitbart, einem Tummelplatz von Trumpisten und Faschisten, tätig. Ziel ihrer Partei: Die jetzige rechtsradikale Regierung Israels rechts überholen. Kovorsitzende ist die amtierende Justizministerin Ajelet Schaked, der Freundschaft zu Heiko Maas nachgesagt wird. Sie hat ein Video veröffentlicht, »in dem sie sich mit einem Parfüm einsprüht, das ›Faschismus‹ heißt«, so Osang. Er begleitet Frau Glick drei Wochen im Wahlkampf und besucht sie auch in ihrem Haus in einer illegalen Siedlung im Westjordanland (»eine Art Vorortinsel, wie sie überall auf der Welt schwimmen könnte«). Es gibt die üblichen Versatzstücke: Sie wollen das Oberste Gericht beschränken, den Schulunterricht »religiöser« (was einer Steigerungsform von schwanger gleichkommt) machen und streben eine Einstaatenlösung an. Der koloniale Landraub muss irgendwann komplettiert werden.

Der Rest sind Bekenntnisse wie: »Wir kommen alle zurück, kamen und werden kommen, um unsere Geschichte fortzuschreiben.« Osang: »2.000 Jahre Flucht. Gettos. Holocaust. Kriege. Mauern. Nur der Staubsauger, der irgendwo in ihrem Haus jault, erinnert an die Gegenwart.« So werden Völkermord, Kriege, Mauern und Staubsauger zu einer Wortpampe, in der alles gleich sinnlos ist. Am Ende eine Apotheose: »Ihr Wahlprogramm ist ihre Biographie. Ein zionistisches Abenteuer. Ein Mädchen, das von zu Hause fortlief, um sein Volk zu finden. Das auf dem Weg begriff, wer es war. Dessen Leben mit dem seines Volkes verschmolz. Das die Tempel wiederaufbauen will. Eine Erweckungsgeschichte.« Osang lässt Frau Glick nicht in den Sonnenuntergang reiten, sondern mit ihrem Volk verschmelzen. Rechts ist einfach religiöser, vor allem an den ruhigsten Tagen.

Das atomar bewaffnete Israel, dessen Existenzrecht angeblich Teil der deutschen Staatsräson ist, hat die Negierung des Rechts auf Existenz von Palästinensern zum Teil seiner Staatsräson gemacht. Die Negierung des Rechts von Palästinensern auf Boden ist ohnehin seine Voraussetzung. Die Kombination von beidem macht Israel zum letzten klassischen Kolonial- und zugleich Avantgardestaat des Imperialismus im 21. Jahrhundert: Der Export von Barbarei ist Daseinsweise, Humanisten sind marginalisiert.

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