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Aus: Ausgabe vom 06.04.2019, Seite 10 / Feuilleton
Jugoslawienkrieg

Friedensbewegung meldet sich zurück

Chronik eines Überfalls (Teil 15), 6.4.1999: Bomben auf Arbeiterviertel in Aleksinac
Von Rüdiger Göbel
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Ein Mitarbeiter des jugoslawischen Roten Kreuzes mit einem Schrapnell nach der Bombardierung eines Hauses in der südserbischen Stadt Aleksinac

Es waren SPD und Grüne, die deutsche Soldaten vor 20 Jahren in den ersten Angriffskrieg seit 1945 schickten. jW erinnert in einem Tagebuch an Verantwortliche und Kriegsgegner in jener Zeitenwende. (jW)

Mit Ostermärschen in rund 60 deutschen Städten hat sich die Friedensbewegung zurückgemeldet. In Berlin sind bei sonnigem Wetter etwa 20.000 Menschen durch die Innenstadt gezogen, angeführt von einem Block jugoslawischer Demonstranten. In der Kreuzberger Passionskirche findet ein Konzert mit internationalen Künstlern unter dem Brechtschen Motto »… und nicht über und nicht unter anderen Völkern woll’n wir sein«.

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Opposition wie Regierung schimpfen über die Ostermarschierer: CDU-Generalsekretärin Angela Merkel, die später als Kanzlerin deutsche Soldaten gleich in mehrere Kriegseinsätze gleichzeitig schicken wird, nennt es »unglaublich heuchlerisch, dass sich die PDS zum Sprachrohr der Menschen macht, die Angst haben«. Erwin Jordan, Grünen-Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, wirft der Friedensbewegung eine »völlige Ausblendung der Kriegsverbrechen des jugoslawischen Präsidenten« vor. Es gehe nicht an, dass sie »ihr pazifistisches Herz immer dann entdecken, wenn Deutsche oder die NATO an Kriegseinsätzen beteiligt sind«.

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Wie kein zweiter demonstriert der deutsche Außenminister Joseph Fischer am Osterwochenende seine persönliche Opferbereitschaft: In Kriegszeiten verzichtet er vorläufig auf seine geplante Trauung, die Journalistenschülerin Nicola Leske muss auf das Jawort warten. Begründet wird die Absage mit der »enormen Beanspruchung« des Außenministers.

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Im Interview mit jW berichtet der Schüler Nebojsa Popovic über Protestaktionen in seiner Stadt Kragujevac. »Vor einer Woche gab es in Sumarice eine große Veranstaltung. In Sumarice wird an die Tausenden Opfer erinnert, die im Oktober 1941 von der Wehrmacht erschossen wurden. (…) Wir haben dieses Jahr die Veranstaltung nicht nur den Opfern des 21. Oktober, sondern auch uns selbst gewidmet. Neben den Schülern und Studenten kamen auch viele ältere Menschen. Einfach alle, die gegen die NATO protestieren wollten. (…) Am Wochenende gab es im Stadtzentrum ein großes Konzert. Wir haben dort für unsere Freunde in Russland, Griechenland und Mazedonien gesungen sowie gegen unsere Feinde in den USA, Frankreich, Großbritannien und den anderen Ländern, die uns angreifen. Wir haben im Fernsehen Bilder der zerstörten Brücken in Novi Sad gesehen. Tragischerweise waren sehr viele Menschen auf der zweiten Brücke, als sie bombardiert wurde. Einige Flussschiffer haben Verletzte gerettet, die nach dem Angriff in die Donau gestürzt waren. Viele hatten gebrochene Arme, Beine … Es war sehr hart, das zu sehen. Umso wichtiger ist es, einen klaren Kopf zu behalten und nicht zu resignieren. Die Konzerte und Proteste helfen uns dabei.«

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Etwa 100 Kampfjets der NATO haben in der Nacht zum 6. April ihre bislang heftigsten Angriffe geflogen und »mehr als 30 Ziele« unter Beschuss genommen. Das serbische Fernsehen zeigt Bilder des halb zerstörten Zentrums des Bergarbeiterortes Aleksinac rund 200 Kilometer südlich von Belgrad. Die Behörden sprechen von mindestens sieben Toten und mehr als 30 Verletzten. »Das ist ein Kriegsverbrechen, und es geschieht am Jahrestag der deutschen Bombardierung«, sagt ein Bewohner der Stadt. Auf den Tag genau 58 Jahre zuvor hatte die Wehrmacht ihren Überfall auf Jugoslawien begonnen.

Nächster Teil Montag: Kuba zeigt Solidarität, Scharping schmiedet den Hufeisenplan

In der Serie Krieg gegen Jugoslawien:

Krieg gegen Jugoslawien

Anlässlich des Überfalls auf die Bundesrepublik Jugoslawien vor 20 Jahren erinnert junge Welt an die »humanitäre Intervention« der NATO von 1999.

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