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Aus: Ausgabe vom 11.04.2019, Seite 10 / Feuilleton
Lyrik

Sag nein! Handle!

Rudolph Bauers neuer Gedichtband »Aus gegebenem Anlass« demonstriert, wie machtvoll politische Lyrik sein kann
Von Jürgen Pelzer
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»was ihr besser niemals / vergesst dass das morden / neuen terror erzeugt«

Rudolph Bauer hat einen fulminanten, aufrüttelnden Gedichtband vorgelegt. An »Anlässen« ist wahrlich kein Mangel, und man fragt sich, warum die Kurzform der Lyrik nicht öfter zur kritischen Kommentierung genutzt wird. Bauer verfährt operativ, das heißt: die Texte sind auf einen konkreten Anlass bezogen, der eine politische Analyse oder Position geradezu provoziert. Die Analyse erfolgt aber nicht diskursiv, sondern ist lakonisch-verdichtet, um so besonders wirksam zu sein.

Im ersten Abschnitt knüpft Bauer an Wolfgang Borcherts »Manifest« an, an dessen mehrfach wiederholten Appell »Nein« zu sagen, womit er 1947, wenige Tage vor seinem Tod, auf die Gefahr eines neuen Militarismus hinwies. Bauer aktualisiert. Wo Borchert den »Mann an der Maschine und in der Werkstatt« auffordert, keine Stahlhelme oder Maschinengewehre zu produzieren (»Sag NEIN!«), spricht Bauer, in verknappender, verdichtender Versform, von moderner Waffentechnik und Mitteln, Menschen durch ökonomischen Druck gefügig zu machen. Wie bei Borchert werden verschiedene gesellschaftliche Gruppen angesprochen. Etwa wenn es um Mädchen und Frauen geht, die man mit einem besonders ausgefeilten Konsumterror überzieht, um Fabrikbesitzer, denen der Waffenhandel ein »Bombengeschäft« sowie »Orden aus Blech« verspricht, um Dichter, die bei »Hassgesängen« größere Aufmerksamkeit erreichen, um Schiffskapitäne, Piloten und andere. Nur ein klares Nein muss die Antwort auf diese »modernen« Verführungs- und Verdrängungsversuche sein, die verschweigen oder übertünchen »was ihr besser niemals / vergesst dass das morden / neuen terror erzeugt / neue angst gebiert / neues unrecht / und neue kriege«.

Andere Abschnitte dieses Bandes stellen die Wurzeln des alten und neuen Militarismus als Teil einer unseligen Entwicklung heraus, etwa in der »Hunnenrede des Wilhelm II«, oder den Texten über die nie abreißenden Lobreden auf den Kolonialismus, die Brutalität des KZ-Terrors oder die ungesühnten Massaker im Zweiten Weltkrieg, etwa an Griechen oder italienischen Soldaten (z. B. auf Kephallonia). Bauers Lyrik variiert die Themen und historischen Bezüge und zeigt dabei einen Formenreichtum, der auch Haikus, Distichen und Aphorismen einschließt. Neben traurig-melancholischen Rückblicken finden sich tagesaktuelle Bezüge und frappierende historische Parallelen, die nur noch Sarkasmus und Empörung nahelegen: So war die vermutlich als patriotisch-aufmunternd geltende Parole »Du bist Deutschland« ursprünglich auf Hitler gemünzt. Wie wirksam selbst Mittel der konkreten Poesie sein können, zeigt Bauer in seinen Texten zum Verfassungsschutz, etwa dem »Verfassungsschutzslam« oder auch »Vom Schützenschützen der Verfassung«, das mit den Zeilen endet: »unverhohlen wird auch anempfohlen zu / verstehn / warum verfassungsschützer nazis / schützend müssen schützen gehn«.

Das Spektrum des Bandes baut schließlich auch poetische Versuche ein, die Vision der Gewaltlosigkeit in Worte zu fassen. Doch der Haupttenor dieser Sammlung, die eigentlich eine Sammlung von Flugschriften ist (so Thomas Metscher im luziden Nachwort), bleibt der Appell an die Verweigerung und an ein dementsprechendes Handeln oder Kämpfen. Im Gedicht »Vermächtnis«, genau in der Mitte des Bandes, heißt es: »kämpft für den frieden / gegen den krieg / kämpft gegen krieg / kämpft gegen das unrecht / kämpft«.

Rudolph Bauer/Thomas Metscher: Aus gegebenem Anlass. Gedichte und ein Essay. Tredition, Hamburg 2018, 194 Seiten, 19,80 Euro

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