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Aus: Ausgabe vom 03.04.2019, Seite 6 / Ausland
Utrecht

Streit um Che Guevara

Ein Denkmal für den Revolutionär sorgt im niederländischen Utrecht für Aufregung
Von Gerrit Hoekman

Im niederländischen Utrecht ist in der Nacht zum Dienstag ein Denkmal für den argentinischen Revolutionär Ernesto Che Guevara mit roter Farbe beschmiert worden. Das berichtete die Onlinezeitung De Utrechtse Internet Courant (DUIC). Zeugen wollen gesehen haben, wie zwei Personen nach der Tat mit einem Eimer davonliefen.

Die auf einem Sockel stehende, mannshohe Bronzestatue des deutschen Künstlers Christian Jankowski wurde erst vor wenigen Tagen an der Croeselaan aufgestellt. Kerniger Blick, die berühmte Mütze und im Mundwinkel eine Zigarre – unverkennbar Che. Das Denkmal ist Teil eines aus acht Skulpturen bestehenden neuen Kunstparks im sogenannten Börsenviertel der Universitätsstadt. Nur einen Steinwurf entfernt liegt die Zentrale der Rabobank – wenn die Manager aus dem Bürofenster schauen, können sie Guevara, den ehemaligen Direkter der kubanischen Nationalbank, sehen. Doch dieser Platz für den Freiheitskämpfer passt nicht allen in Utrecht. Und das reaktionäre Lager sinnt auf Revanche, nachdem in den vergangenen Jahren hart um das Erbe von zwei angeblichen Seehelden gerungen wurde: Jan Pieterszoon Coen und General Joannes Benedictus van Heutsz. In beinahe jeder niederländischen Stadt erscheinen ihre Namen auf Straßenschildern, hier und dort steht ein Denkmal. Auch in Utrecht.

Coen war Anfang des 17. Jahrhunderts Generalgouverneur in Indonesien und gründete Batavia, das heutige Jakarta. Van Heutsz hatte diese Funktion rund 300 Jahre später inne. Beide haben reichlich Blut an den Händen. Che Guevara sei auch nicht besser gewesen, dröhnt es nun aus der rechten Ecke. Der Revolutionär sei ein »Mörder« und außerdem »homophob« gewesen, behauptet die »Partij voor de Vrijheid« von Geert Wilders und fordert von der Stadtverwaltung den Abriss des Denkmals.

Es ist jedoch nicht hinnehmbar, Che Guevara auch nur in die Nähe der Schlächter Coen und Van Heutsz stellen zu wollen. Kolonialherr Coen ließ mehr als 10.000 Indonesier umbringen, und als er merkte, dass er deshalb nicht mehr genug Arbeiterinnen und Arbeiter für die Gewürzplantagen der Ostindienkompanie hatte, schaffte er Sklaven aus Afrika heran. Die Niederlande haben die Greuel bislang nur bedauert – eine Entschuldigung verweigern sie bis heute, aus Angst, eventuell Schadenersatz zahlen zu müssen.

»Ich halte die ganze Aufregung um die Statue für Unsinn«, sagte hingegen der frischgebackene Stadtrat der Sozialistischen Partei (SP) in Utrecht, Michel Eggermont, am vergangenen Freitag dem Algemeen Dagblad. Auf Twitter postete der Lokalpolitiker ein Foto von sich neben dem Denkmal, die linke Faust geballt: »Viva la Revolución!« Che Guevara sei Teil der Geschichte: »Ich finde es prima, Standbilder von historischen Personen zu machen«, so Eggermont. Dass die Statue Che Guevaras nun genau an der Rabobank-Zentrale steht, hält er für eine gute Symbolik: »Es sind zwei Welten nebeneinander.«

Insgesamt acht Werke umfasst der Skulpturenpark. Die Statuen an der Croeselaan waren bereits 2013 in der Ausstellung »Call of the Mall« in Utrecht zu sehen. Danach verschwanden sie in einem Lager der Gemeinde. Der Künstler ließ sich von den »lebenden Skulpturen« inspirieren, den inzwischen in den Sommermonaten in fast allen Metropolen zu bewundernden Aktionskünstlern.

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