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Aus: Ausgabe vom 03.04.2019, Seite 6 / Ausland
Balkan

Tsipras’ Trojanisches Pferd

Erster Besuch von griechischem Ministerpräsidenten in Nordmazedonien. 120 Investoren im Tross
Von Efthymis Angeloudis
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Zoran Zaev (l.), Ministerpräsident von Nordmazedonien, und Alexis Tsipras, sein Amtskollege aus Griechenland, machen ein Selfie in Skopje (2.4.2019)

Es war wahrlich ein historischer Tag. Zum ersten Mal in der jungen Geschichte des Landes, das sich am 12. Februar in Nordmazedonien umbenannt hatte, besuchte am Dienstag ein griechischer Regierungschef seinen Amtskollegen in Skopje. Nach der Vereinbarung und Umsetzung des Prespes-Abkommens zwischen Alexis Tsipras und Zoran Zaev sollte der 27jährige Konflikt um den Namen »Mazedonien« mit dem Staatsbesuch nun offiziell beigelegt werden. Der Streit geht auf den Zerfall Jugoslawiens Anfang der 1990er Jahre zurück, als die damalige Teilrepublik Mazedonien ihre Unabhängigkeit erklärte. Griechenland befürchtete, diese werde Anspruch auf seine Region Mazedonien im Norden des Landes erheben, und blockierte den NATO-Beitritt des nördlichen Nachbarn. Nach dem Namensabkommen soll der Streit der Vergangenheit angehören, und mit der NATO-Mitgliedschaft Nordmazedoniens soll eine neue Ära in den Beziehungen beider Staaten anbrechen.

Entsprechend herzlich war der Empfang. Die beiden Ministerpräsidenten umarmten sich und machten vor der versammelten Presse Selfies in Siegerpose, bevor sie sich mit ihren Ministern ins Innere des Regierungsgebäudes in Skopje begaben. Bei dem Treffen soll der oberste gemeinsame Kooperationsausschuss zum ersten Mal tagen, der eine Reihe von Verträgen zur Zusammenarbeit der beiden Balkanländer in den Bereichen Wirtschaft, Verteidigung, Verkehrs- und Infrastruktur ratifizieren soll. Tsipras führte eine Delegation von zehn griechischen Ministern, aber auch 120 Geschäftsleuten an, die im Nachbarland tätig werden wollen. »Wir bauen Brücken und reißen Mauern nieder«, behauptete der griechische Premier bei der gemeinsamen Pressekonferenz am Dienstag. Auch wenn sich Tsipras als Bahnbrecher für den Handel zwischen den beiden Ländern inszenieren wollte, war die Reise nach Skopje für die Investoren keine Premiere.

Griechenland hat laut seiner Botschaft in Skopje seit den 1990er Jahren bereits mehr als 1,5 Milliarden Euro in das Nachbarland investiert. Die ersten griechischen Unternehmen stiegen 1996 in den Markt Nordmazedoniens ein, den Höhepunkt erreichte diese Entwicklung in den Jahren 2002 und 2003. 2017, ein Jahr vor dem Namensabkommen, war Griechenland mit einem Handelsvolumen von 726 Millionen Euro nach Deutschland und Großbritannien bereits der drittwichtigste Handelspartner Nordmazedoniens. Insgesamt sollen demnach 335 griechische Unternehmen im Nachbarland tätig sein.

Der ehemalige Finanzminister und spätere Ministerpräsident Nicola Gruevski machte dafür den Kosovo-Krieg von 1999 verantwortlich, der westliche Investoren und Handelspartner veranlasst habe zu fliehen. »Griechische Investoren, die diese Region viel besser kannten, haben ihnen die Unternehmen zu Spottpreisen abgekauft«. Seitdem dominieren griechische Konzerne die Bereiche Öl, Energie, Banken und Bauwesen. In dem kleinen Balkanstaat mit einem Bruttoinlandsprodukt von nur 10,1 Milliarden Euro profitieren griechische Unternehmensgruppen, wie Elpe (Erdölraffinerien), Sidenor (Stahl), Titan (Zement), Ellaktor (Baugewerbe), und griechische Banken von dem günstigen Steuersystem und den niedrigen Löhnen: der monatliche Mindestlohn betrug 200 Euro, Zaevs Regierung erhöhte ihn auf 240 Euro.

Nun da der Streit mit Griechenland durch das Abkommen beigelegt wurde und Tsipras beteuerte, der »atlantische Kurs« Nordmazedoniens sei gesichert, wittern griechische Unternehmen die Chance, weiter von den niedrigen Produktionskosten im Nachbarland zu profitieren. Auch Zaev erhofft sich »enorme wirtschaftliche Vorteile« von der Zusammenarbeit. Griechische Unternehmen hätten ihm bereits versprochen, »über 500 Millionen Euro« in den Energiesektor Nordmazedoniens zu investieren. Dafür kann man schon mal ein Selfie in Siegerpose machen.

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