Hände weg von Venezuela! Solidaritätsveranstaltung am 28. Mai
Gegründet 1947 Mittwoch, 22. Mai 2019, Nr. 117
Die junge Welt wird von 2189 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 03.04.2019, Seite 1 / Titel
»Eklatante Wahrnehmungslücke«

Aus dem Dunkelfeld

Hunderte Verletzte und ein Toter: Beratungsstellen legen Jahresbilanz rechter Gewalt im Osten vor. Kritik am »blinden Fleck« Westdeutschland
Von Nico Popp
Demo_in_Dortmund_56976366(1).jpg
Nicht in Chemnitz und deshalb nicht im Fokus: Neonaziaufmarsch in Dortmund (14.4.2018)

Im Jahr 2018 hat der Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt (VBRG) in den ostdeutschen Ländern (einschließlich Berlin) 1.212 Angriffe auf Menschen registriert. Das ist ein Anstieg von acht Prozent gegenüber dem Jahr 2017. 1.789 Menschen waren direkt betroffen. Die Zahlen stellte der VBRG, dem nach eigenen Angaben 13 unabhängige Beratungsstellen angehören, am Dienstag in Berlin vor.

Im Durchschnitt wurden demnach 2018 fünf Menschen pro Tag angegriffen, darunter eine Frau und alle zwei Tage ein Kind. Bei der Anzahl der Übergriffe pro 100.000 Einwohner liegt Berlin an der Spitze. Hier sowie in Sachsen und Thüringen nahm die Zahl der Fälle zu, in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ab. Bei den Übergriffen handelte es sich nach Angaben von VBRG-Vorstand Robert Kusche vor allem um Körperverletzungsdelikte – 453 gefährliche und 509 »einfache« Körperverletzungen stehen in der Bilanz. Und ein Tötungsdelikt: Am 18. April 2018 folterten drei Neonazis im sächsischen Aue den 27 Jahre alten Christopher W. zu Tode. W., ein Homosexueller, ist demnach das 183. Todesopfer rechter Gewalt in der BRD seit 1990.

Ungewöhnlich deutlich wies der VBRG auf die »eklatante Wahrnehmungslücke« bei der Erfassung und Gewichtung der Daten hin. Zunächst sei da die »beunruhigende« Diskrepanz zwischen den Zahlen der Beratungsstellen und denen der Strafverfolgungsbehörden bzw. des Bundesinnenministeriums. 2017 habe das BKA eine Zahl rechter Gewalttaten für das ganze Bundesgebiet genannt, die geringer war als die Fallzahl, die der VBRG allein für Ostdeutschland ermittelt hatte. Die offiziellen Zahlen bilden für den Jenaer Soziologen Matthias Quent lediglich ein »Hellfeld angezeigter und korrekt eingeordneter Taten« ab, das nur für »einen kleinen Ausschnitt der tatsächlichen Bedrohung durch rechte Gewalt« stehe. Kusche betonte, dass auch die VBRG-Zahlen das »Dunkelfeld« nicht vollständig abbilden.

Die verbreitete und medial gestützte Wahrnehmung rechter Gewalt als in erster Linie »ostdeutsches« Phänomen relativierten Kusche und Quent nachdrücklich. Kusche zufolge gibt es das vom ersten »NSU«-Untersuchungsausschuss empfohlene bundesweite Monitoring rechter Gewalt noch immer nicht; in Westdeutschland sei nur in Nordrhein-Westfalen und in Schleswig-Holstein eine ausreichende Infrastruktur für deren systematische Erfassung vorhanden. Würde man die westdeutschen Zahlen kennen, dann, so Kusche, »würden wir anders diskutieren«. Vermutlich seien die Zahlen im Westen »ähnlich hoch«. Die Beratungsstellen in den westdeutschen Ländern hätten inzwischen sehr viele »Altfälle« aufgedeckt; auch hier sei Rassismus und rechte Gewalt in den vergangenen Jahrzehnten »an der Tagesordnung« gewesen.

Quent sprach mit Blick auf die öffentliche Diskussion von einem »blinden Fleck für Rechtsradikalismus und rechte Gewalt in Westdeutschland«. Das Problem werde in den Osten »abgeschoben«. So seien die rechten, mit Gewaltausbrüchen verbundenen Aufmärsche im rheinland-pfälzischen Kandel im Frühjahr 2018 kaum beachtet worden. Das konstant hohe Niveau rechter Gewalt im Osten führt Quent zu einem erheblichen Teil auf das »Erbe aus den 1990er Jahren« zurück: Hier gebe es verfestigte, bis heute nicht zerschlagene »rechtsextreme Gewaltgruppen« und »Subkulturen«, die oftmals »viel stärker normalisiert« seien als im Westen, wo man es vor allem mit »alltäglichen«, gleichsam unorganisierten Formen von Gewalt und Diskriminierung zu tun habe. Quent forderte, »auch den Rechtsradikalismus in Westdeutschland stärker und genauer« als bislang in den Blick zu nehmen. Im Osten seien die wesentlichen Fakten bekannt; hier müsse schneller und konsequenter gegen Täter und die sie stützenden Strukturen, in denen sich das Gewaltmilieu »ungestört« bewege und reproduziere, vorgegangen werden.

Ähnliche:

  • Neonazis Paroli bieten: Demonstranten gegen einen extrem rechten...
    28.04.2018

    1. Mai in Sicht

    Bundesweit Demonstrationen von Gewerkschaften und radikalen Linken. Rechte wollen Feiertag der Arbeiterbewegung vereinnahmen
  • Brandstifter in Aktion: Teilnehmer einer NPD-Demonstration gegen...
    12.04.2014

    Mehr rechte Gewalttaten

    Opferberatungsstellen legen Statistik für Berlin und neue Bundesländer vor