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Aus: Ausgabe vom 02.04.2019, Seite 5 / Inland
Prekäre Arbeit

Pflege als Armutsrisiko

Ein Fünftel der Vollzeitkräfte im ambulanten Bereich erhält nur Mindestlohn
Von Bernd Müller
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Pflegerin betreut älteren Mann in Seniorenpflegeheim in Niedersachsen (29.5.2018)

Im Pflegesektor fehlt Personal. Das liegt unter anderem an der schlechten Bezahlung. Eine am Montag veröffentliche Studie des Instituts Arbeit und Technik (IAT) an der Hochschule Gelsenkirchen verdeutlicht das Ausmaß.

Die Autorinnen Michaela Evans und Christine Ludwig haben die Beschäftigungsstatistiken der Bundesagentur für Arbeit für die Jahre 2012 und 2017 verglichen. Grundlage ihrer Untersuchung ist der Bruttomedianverdienst. 2017 betrug dieser 3.209 Euro. Die eine Hälfte sämtlicher Einkommen in Deutschland liegt darüber, die andere darunter. Die Verdienste von Vollzeitkräften in der Altenpflege waren meist niedriger: Fachkräfte in Krankenhäusern erhielten durchschnittlich 3.252 Euro, in Pflegeheimen gab es nur 2.821 Euro und in der ambulanten Pflege bis zu 2.471 Euro. Ein Fünftel der Vollzeitkräfte in der ambulanten Pflege erhielt sogar weniger als 2.000 Euro brutto.

Die von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung finanzierte Studie belegt, insbesondere die Löhne der Altenpflegehelfer in der ambulanten Pflege liegen gerade einmal im Bereich des allgemeinen Mindestlohns. Für eine Vollzeitstelle erhalten die dort Beschäftigten nur 1.560 Euro im Monat. Verschärft werde das Problem dadurch, so Evans, dass 67 Prozent der Hilfskräfte in der Altenpflege in Teilzeit arbeiteten und deshalb noch niedrigere Einkommen erzielten.

»Die Beschäftigten im gesellschaftlich enorm wichtigen Tätigkeitsfeld der Altenpflege tragen ein überdurchschnittliches Risiko, trotz Arbeit arm zu sein«, konstatiert Studienautorin Ludwig. Das sei nicht nur ein Problem für die Betroffenen, sondern stelle auch »eine schwere Hypothek für die Arbeitskräftesicherung in der Altenpflege dar«.

Damit nicht noch mehr Fachkräfte der Branche den Rücken kehren, müsse diese aufgewertet werden, so die beiden Studienautorinnen. Teil dieser Strategie müssten flächendeckende tarifliche Mindeststandards sein, um »faire Wettbewerbsbedingungen« herzustellen. Daneben seien aber auch verlässlicher Arbeitszeiten, besserer Möglichkeiten zur beruflichen Qualifikation und mehr Personal nötig.

Zudem müssten die gesetzlichen Vorgaben für die Refinanzierung von Lohnerhöhungen in der Branche geändert werden. Bislang würden die Eigenbeiträge der Gepflegten erhöht, wenn das Personal in den Einrichtungen einen höheren Lohn erhält. Das liegt daran, dass die Pflegeversicherung die Lohnerhöhung nicht übernimmt. Durch diesen Mechanismus würden die Löhne in der Altenpflege »faktisch auf relativ niedrigem Niveau ausgebremst«, erklärten die Wissenschaftlerinnen.

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