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Aus: Ausgabe vom 04.04.2019, Seite 11 / Feuilleton
Rock

»Musik muss fordern«

Krach mit Anspruch: Das Label Exile On Mainstream feiert seinen 20. Geburtstag mit einem Festival in Leipzig
Von Frank Schäfer
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Endlich wieder Teil der großen Metal-Noise-Familie: Gore (aus Venlo)

Ein immerhin viertägiges Festival hat Label-Alleinunterhalter Andreas »Kanzler« Kohl da zusammengebucht. Mit wichtigen Bands aus dem Exile-On-Mainstream-Portfolio: Obelyskkh, Ostinato, dem Conny-Ochs-Trio, Friedemann und anderen.

Auch Payola sind dabei, mit denen 1999 alles begann. Wie immer in solchen Fällen, spielte der Zufall eine gewisse Rolle. »Die Idee, ein Label zu gründen, gab es strenggenommen gar nicht«, konstatiert Kohl im Interview. Die Freunde von Payola kamen nur gerade aus dem Studio und hatten zu viel Material für das nächste Album aufgenommen. Er hörte die Leftovers und war sich einig mit der Band, dass sie nicht in der Schublade versauern dürften. »Also haben wir beschlossen, eine 7-inch-Single zu veröffentlichen, eine einigermaßen beknackte Idee, weil 1999 natürlich kein Hahn nach Vinyl gekräht hat. Ich hab mich dann um die Pressung gekümmert und wir haben ein Label erfunden, damit es auch nach was aussieht. Tja, und so stand ich plötzlich mit Exile On Mainstream da – und hab einfach weitergemacht.«

In einer Zeit, als die Musikindus­trie den Bach runterging. Viel zu holen gab es hier von Anfang an nicht. »Natürlich ist es ein ordentliches Gewerbe, und dem Finanzamt muss man ja auch immer seine Gewinnerzielungsabsicht nachweisen«, räumt Kohl ein, »aber wir haben Gewinne immer dazu genutzt, um sie wieder in das Label zu stecken.« Trotzdem will er das überhaupt nicht als hehren Altruismus verstanden wissen. Im Gegenteil. »Kultur im weiten und Musik im engeren Sinne braucht letztlich Menschen, die sich darum kümmern, Öffentlichkeit bereitzustellen. Ich will die Platte einer Band haben, also veröffentliche ich sie. Das ist zutiefst eigennützig. Der Profit, den ich daraus ziehe, ist allerdings weniger betriebswirtschaftlich als kulturell.«

In den zwanzig Jahren ist auf diese Weise ein beachtlicher symbolischer Mehrwert entstanden. Kohl publiziert gern Krach mit Anspruch, Noi se, Postrock, Postmetal, Doom etc. Aber mittendrin findet man eben auch einen akustischen Folk-Blues-Rocker wie Conny Ochs oder das Underground-HipHop-Duo Dälek, die trotzdem irgendwie hineinpassen in den Roster. »Ich hege Begeisterung für Musik, die vor allem von Emotionen lebt und eine gewisse Sperrigkeit besitzt, die man sich erarbeiten muss«, erklärt er. »Musik muss fordern. Sie muss im Zweifel mehr Fragen stellen als sie selbst beantworten kann.«

Was einen Exile-On-Mainstream-Act ausmacht, ist damit allerdings noch nicht beantwortet. Kohl weiß auch nicht so recht. Man begreift sich halt als Teil einer Gang oder Familie. »Wir teilen viele Einstellungen, politisch und gesellschaftlich, handeln nach einem gewissen Ethos und können einfach gut miteinander. Vieles basiert auf gegenseitiger Unterstützung, so organisieren die Künstler Konzerte für einander, helfen mit Artwork aus oder programmieren Webseiten. Dabei sind diese Verbindungen immer organisch, es gibt keine Aufgabenverteilung oder einen Masterplan, das ergibt sich einfach.«

Doom-Metal-Patriarch Scott »Wino« Weinrich gehört zur Familie. Kohl hat diverse Alben von ihm veröffentlicht: seine großartige Retro-Doom-Truppe Spirit Caravan, die Avantgarde-Doomster von The Hidden Hand und nicht zuletzt einige Wino-Soloalben. »Ich habe lange Zeit als Pressepromoter für einen Musikvertrieb gearbeitet, und als Wino mit Spirit Caravan anfing, habe ich die Promotion übernommen. Ich war vorher schon ein riesiger Fan seiner Bands Saint Vitus und The Obsessed, und als wir uns dann kennenlernten, kamen wir sofort gut miteinander klar. Für Wino zählt Integrität sehr viel. Ich will nicht sagen, dass er bedingungslos und kompromisslos sein Ding durchzieht, weil wir alle bisweilen Kompromisse machen müssen, aber das Entscheidende ist, zu welchen Gunsten diese ausfallen. Bei ihm war und ist das immer die Musik und die Inspiration. Womöglich ist das der Grund, warum er öffentliche Beachtung nicht in dem Maße erfahren hat, wie er es verdient hätte. Wir vertrauen einander, alles wird per Handschlag besiegelt. Verträge brauchen wir nicht.«

Beide sind zudem absolute Vinyl-Aficionados. Kohl macht kein Dogma draus, bringt die meisten Alben auch auf CD heraus, und den Schallplatten liegen Downloadcodes bei, aber wenn man ihn nach seiner persönlichen Meinung fragt, wird er deutlich. »Die Schallplatte ist das einzige Format, auf dem Musik veröffentlicht gehört.« Insofern haben ihn die jährlichen Zuwächse auf dem Vinylmarkt von 30 bis 40 Prozent natürlich gefreut. »Für die Labelarbeit ist das aber kaum von Belang. Wir haben nie irrsinnig viel verkauft, wir waren nie Teil eines Trends. Wir werden so lange Platten machen, wie es in irgendeiner Form Interesse daran gibt. Und wenn nicht, gesteht man sich das ein und hört eben auf. Ich habe in all den Jahren aber ausnahmslos gute Erfahrungen gemacht – Vinyl zwingt den Hörer, sich mit der Musik auseinanderzusetzen, man muss einen bestimmten Ort aufsuchen und verlässt damit schon mal die Komfortzone des Nebenbeihörens. Wirtschaftlich lässt sich Vinyl gut kalkulieren, da es meist ohne Retourenrecht verkauft wird, d. h. Platten, die weg sind, sind weg und bezahlt. Über unseren Webshop und auf Konzerten verkaufen wir eindeutig mehr Vinyl.«

Allein vom Label zu leben, stand nie zur Debatte. »Mir war immer bewusst, dass die notwendigen Kompromisse dazu führen würden, dass mir die Sache keinen Spaß mehr macht. Inhaltliche Freiheit ist letztlich der Treibstoff für das Label. Die würde ich zu einem großen Teil aufgeben müssen, und dann wäre Exile On Mainstream nicht mehr das, was ich mir vorstelle.«

Kohl lebt und betreibt sein Label mittlerweile in Borkheide, einem kleinen Dorf in Brandenburg. Sein Entschluss 2005, aus Berlin weg und hierher aufs Land zu ziehen, war wohlkalkuliert und er hat ihn bisher nicht bereut. »Kurze Wege, bezahlbare Mieten, gute Luft, Post und Supermarkt die Straße runter. Dazu jede Menge Platz fürs Lager und Bands, die auf der Durchreise mal eine Übernachtung brauchen. Für das Konzept und die Arbeit, die wir machen, ist das der perfekte Ort.« Auf die nächsten zwanzig!

»Love. Noise. Freedom. 20 Years Exile on Mainstream«: 4.–7. April, Paul-Gerhardt-Kirche und UT Connewitz, Leipzig; mit Dälek, Gore, A Whisper in the Noise, Bul Bul, Ostinato, Friedemann, Volt, Conny Ochs Trio, The Antikaroshi u. v. a.

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