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Aus: Ausgabe vom 01.04.2019, Seite 10 / Feuilleton

Ein hundertjähriges Jubiläum

Von Erwin Riess
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Fast wie in den guten alten Zeiten: Francesca Freiin Thyssen-Bornemisza zum Requiem für ihre Schwiegermutter Regina von Habsburg (2010)

Herr Groll und der Dozent waren unterwegs nach Dürnkrut an der March. Der Dozent war nach den Enthüllungen um die »Identitären«, die vom Massenmörder in Christchurch in Neuseeland 1.500 Euro als Spende angenommen und ihn während seines Österreich-Aufenthaltes im Herbst 2018 ganz sicher nicht getroffen hatten, aufgewühlt und wollte der österreichischen Identität und deren Genius Loci nachspüren. Seiner Meinung nach hatte sie am heutigen Grenzfluss zur Slowakischen Republik im Mittelalter ihren Ausgang genommen, als ein unbedeutender schweizerischer Graf, der von der Habsburg, einem entlegenen Nest im schweizerischen Aargau stammte, im Jahr 1278 dem mächtigen Böhmenkönig Ottokar, dessen Herrschaftsgebiet sich bis Kärnten erstreckte, anlässlich der Schlacht von Dürnkrut mit seinen Landsknechten und Berittenen so mächtig aufs Haupt schlug, dass dieser tot umfiel und seine Erben des Territoriums verlustig gingen.

»Seither treiben die Habsburger in Österreich ihr Unwesen«, führte der Dozent aus. »Und Franz Grillparzer, der österreichische Nationaldichter, der einst beim Besuch Goethes in Weimar aus übergroßer Ehrfurcht kein Wort herausbrachte und Brotkrümelchen von links nach rechts schob, begründet im österreichischen Nationaldrama ›König Ottokars Glück und Ende‹ – das zur Wiedereröffnung des Burgtheaters nach dem Abzug der alliierten Befreier im Jahr 1955 gegeben wurde, wobei nicht wenige der an der Aufführung Beteiligten ehemalige Nazis waren –, den Mythos der klugen und tatkräftigen Habsburger, die nur das Beste für ihre Untertanen im Sinn hätten.«

Beschaulich und doch angeregt verlief das Gespräch der beiden, während sie in Grolls altertümlichem Renault 5 durch die Dörfer des Marchfelds gondelten. Zwischen Windschutzgürteln, Bewässerungsanlagen, Schottergruben und den Gestüten des Wiener Finanzadels kreisten sie ihr Thema ein.

»Auch nach der erzwungenen Abdankung der Dynastie, die den Weltkrieg losgetreten hatte, im Herbst 1918, blieb das Haus Habsburg, das ähnlich wie das saudiarabische Königshaus Abertausende Abkömmlinge in allen Graden der Verwandtschaft und in allen Stadien der politischen Verwesung aufweist, in Österreich präsent – durch seinen ausgedehnten Grundbesitz und unzählige Einflüsse in Politik, Finanz und hohem Klerus«, erklärte Groll. »Wenn die Habsburger zu einem Familientreffen blasen, sei es im Burgund, in Oberitalien, in Ungarn, in Wien oder sonstwo in den früheren Erblanden, kommen so viele Angehörige, dass sie die Nordkurve des Borussen-Stadions in Dortmund spielend füllen könnten.«

Der Dozent nahm eine Eintragung in seinem Notizbuch vor. »Derzeit sind die Habsburger in zwei Fragen auffällig, zum einen durch einen spillrigen Jüngling mit Sprechdurchfall, der mit viel Kapital in die Formel I gehievt werden soll, und zum anderen durch Karl Habsburg-Lothringen, Otto Habsburgs ältestem Sohn, der vor Gericht die offizielle Verwendung des nach dem Ersten Weltkrieg abgeschafften Adelstitels mit dem distinguierten ›von‹ erstreiten will. Das Verbot jährt sich übrigens am 3. April 2019 zum hundertsten Mal – und sollte als Feiertag begangen werden, indem man den Habsburgern zwangsweise einen anderen Namen verpasst, Podvodnik, das ist tschechisch, oder Truffatore zum Beispiel.«

Der Dozent sah erstaunt von seinen Notizen auf. »Beides heißt ›Gauner‹«, erklärte Groll. »Allenfalls könnte man auch das ungarische Csaló verwenden.« »Ich sehe, Sie haben sich auf unsere Ausfahrt gut vorbereitet«, sagte der Dozent anerkennend. »Es kommt noch besser«, fuhr Groll fort, der einem Radfahrer in weitem Bogen auswich und fast ein Rebhuhn überfuhr. »Karl ist mit Francesca Anne Dolores Freiin Thyssen-Bornemisza de Kászon et Impérfalva verheiratet. Die bekannte Kunstsammlerin ist eine Tochter von Hans Heinrich Thyssen aus der Nazi-Stahlmagnaten-Familie. Sie stammt aus dessen 1956 geschlossener Ehe mit einem neuseeländischen Modell.« »Womit sich der Kreis schließt. Neuseeland liegt, scheint’s, gleich um die Ecke«, sagte der Dozent. »Ich bin gespannt, was wir auf unserer Reise in die Vergangenheit noch antreffen.« »Die Gegenwart«, erwiderte Groll und setzte hinzu. »Leider.«

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