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Aus: Ausgabe vom 30.03.2019, Seite 8 / Inland
Haft für Friedensaktivistin

»Werde mich weiter gegen Autoritäten auflehnen«

Nach Protest am Fliegerhorst Büchel: Friedensaktivistin saß Ersatzfreiheitsstrafe ab. Ein Gespräch mit Clara Tempel
Interview: Gitta Düperthal
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Solidaritätsaktion von Friedensaktivisten in Büchel (26.3.2019)

Am Donnerstag wurden Sie aus dem Frauengefängnis Hildesheim entlassen. Dort waren Sie eine Woche lang inhaftiert, weil Sie im September 2016 in den Fliegerhorst Büchel in Rheinland-Pfalz eingedrungen waren, während Bundeswehr-Soldaten dort den Abwurf von Atombomben übten. Wieso kam es zu dieser harten Strafe?

Ich wurde nicht zur Haftstrafe verurteilt, sondern zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen in Höhe von insgesamt 900 Euro. Ähnliche Urteile gab es zuvor schon für Umwelt-, Antiatom- oder Friedensaktivisten. Ich habe die sogenannte Ersatzfreiheitsstrafe angetreten, weil ich diesen Betrag nicht vollständig bezahlen wollte. Einfach nur die Geldbuße zu zahlen, wäre mir vorgekommen, als hätte ich eingestanden, etwas Unrechtes getan zu haben. Ich bin aber sehr zufrieden, dass ich gegen die Atomwaffen gekämpft habe.

Den Zeitpunkt meines Haftantritts habe ich selbstbestimmt gewählt. Mehr als 150 Aktivistinnen und Aktivisten hatten mich am Donnerstag vergangener Woche zum Knast begleitet. Während der ganzen Woche haben insgesamt rund 700 Menschen vor dem Gefängnis aus Solidarität eine Mahnwache abgehalten. Etwa 70 Leute haben mich danach wieder begrüßt.

Wie sind solche Urteile aus Ihrer Sicht zu werten?

Wegen der Aktion wurden insgesamt sechs Atomwaffengegner angeklagt. Eine weitere Aktivistin und ich wurden nun als erste zu einer Geldstrafe verurteilt, in der dritten Instanz übrigens. In ihrem Fall haben Unterstützer das Zahlen der Tagessätze übernommen, nachdem das Urteil rechtskräftig wurde. Allein die Tatsache, dass wir überhaupt vor Gericht stehen müssen, zeigt, wie stark Aktive der Friedensbewegung kriminalisiert werden. Es wird so getan, als wären wir Verbrecherinnen, dabei ist das Gegenteil der Fall: Die Kriegstreiber sind die Bösen, nicht wir. Deshalb lassen wir uns auch nicht einschüchtern.

Was haben Sie während der Haft erlebt? Wie war der Umgang des Gefängnispersonals und der Mitgefangenen mit Ihnen?

Die Bediensteten fühlten sich in der Routine ihres Tagesablaufs gestört – zum Beispiel weil ich während der Woche ungefähr 500 Briefe und Postkarten bekam. Sie beharrten auf ihrer Position als Autoritätspersonen. Über die Gründe meiner Inhaftierung konnte ich kaum mit ihnen sprechen. Zum Beispiel darüber, dass ziviler Ungehorsam eine legitime Form des Protests darstellt, wenn staatliche Instanzen versagen. Oder dass trotz der fortschreitenden weltweiten Ächtung durch den von 122 Staaten unterstützten Atomwaffenverbotsvertrag Deutschland an Massenvernichtungswaffen festhält.

Die Mitgefangenen haben anders reagiert. Viele wussten gar nicht, dass Atomwaffen aus den USA hier in Büchel in der Eifel gelagert werden. Sie waren empört, erst jetzt davon erfahren zu haben. Die meisten sagten, sie fänden es nicht gerechtfertigt, jemand für den Widerstand dagegen zu bestrafen. Untereinander haben sie hauptsächlich positiv über mich gesprochen und Sätze gesagt wie: Das ist die, die gegen Atomwaffen gekämpft hat. Sie hat doch etwas Gutes getan.

Werden Sie nach der Haft weiter in der Bewegung aktiv sein?

Grundsätzlich ist die Gefängnisstrafe darauf angelegt, Menschen davon abzuschrecken, zum »Wiederholungstäter« zu werden. Bei mir hat das nicht gewirkt. Ich bin bestärkt und ermutigt, weiter gegen Atomwaffen und anderes Unrecht zu kämpfen. Ich sehe jetzt erst recht die Notwendigkeit, mich gegen Autoritäten aufzulehnen und ungehorsam zu sein. Wir werden weiter in Büchel protestieren. Und am 10. April in den Gerichtssälen, wo die anderen vier in der Sache angeklagten Aktivisten ihren Berufungsprozess haben. Wir haben beim Bundesverfassungsgericht eine Klage eingereicht, weil die Bedrohung, die mit der Lagerung der Atomwaffen einhergeht, völkerrechtswidrig ist. Es wird weitere Aktionen geben.

Clara Tempel, 23 Jahre, ist Atomwaffengegnerin des »Jugendnetzwerks für politische Aktionen« (Junepa), das 2017 mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet wurde

Nächster Berufungsprozess: 10. April, 13.15 Uhr; Mahnwache ab 12 Uhr vor dem Landgericht Koblenz, Karmeliterstr. 14

junepa.blogsport.eu

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  • Siegfried Kotowski: Hochachtung Dieser Beitrag hat mich tief berührt. Diese junge Frau zeigt vielen hochnäsigen Funktionären der linken Szene, was es heißt, mit Überzeugung, Herz und Verstand gegen dieses übermächtige imperialistisc...
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