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Aus: Ausgabe vom 29.03.2019, Seite 15 / Feminismus
Liebe und Sex in Marokko

Verborgenes Frauenleben in Marokko

Leïla Slimanis Essayband »Sex und Lügen« und die Graphic Novel »Hand aufs Herz«
Von Mona Grosche
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Bilder aus der Graphic Novel

Wie lebt man Liebe und Sexualität in einem Land, in dem Jungfräulichkeit als Beweis der Familienehre gilt, außerehelicher Sex zu mehrjährigen Gefängnisstrafen führt – und das dennoch weltweit der fünftgrößte Konsument von Internetpornografie ist?

Diesen Fragen ist die französisch-marokkanische Schriftstellerin und Journalistin Leïla Slimani nachgegangen. Bekannt wurde sie mit ihrem preisgekrönten Roman »Dann schlaf auch du«, der vom zweifachen Kindesmord einer Nanny handelt. Im vergangenen Jahr widmete sie sich in gleich zwei Veröffentlichungen dem Leben und Lieben der Frauen ihres Herkunftslandes. Anlass war eine Lesereise, die sie in die alte Heimat führte, wo ihr Nour, eine junge Bloggerin, aus ihrem Leben erzählte. Auch mit zahlreichen anderen Frauen kam sie ins Gespräch. Sie alle berichteten mit großer Offenheit über ihre Gefühle, ihre Hoffnungen und Enttäuschungen hinsichtlich des Lebens als Frau in Marokko.

Was sie erzählten, inspirierte Slimani zu der Graphic Novel »Hand aufs Herz« sowie zu dem Essayband »Sex und Lügen«. In beiden Werken lässt sie ein breites Spektrum von Frauen zu Wort kommen. Egal ob Ärztin, Studentin, Haushaltshilfe, Büroangestellte oder Prostituierte – sie alle haben unter den Restriktionen einer bigotten Gesellschaft zu leiden, in der der äußere Schein das Leben bestimmt.

Dabei führen die repressiven Normen, die unter dem Vorwand religiöser Werte das Leben reglementieren, natürlich nicht dazu, dass es in Marokko »anständiger« zugeht als in anderen Teilen der Welt. Vielmehr bedeutet es, dass Liebe und Sexualität im Verborgenen ausgelebt werden: So etwa bei zahllosen jungen Frauen in Form von Analsex, um in der Hochzeitsnacht »entjungfert« werden zu können. Auch die rund 600 illegalen Abtreibungen pro Tag, die für mehrere hundert Frauen im Jahr tödlich enden, zeugen von der ausgeprägten Doppelmoral. Aber nicht nur für heterosexuelle Beziehungen gibt es engste Grenzen: Homosexualität, gleich welchen Geschlechts, ist tabu, und muss vor den Blicken der Öffentlichkeit und des Gesetzgebers verheimlicht werden.

Einige der Frauen, die in der Graphic Novel und den Essays zu Wort kommen, lassen sich von den traditionellen Grenzen nicht beirren. Sie bekennen sich öffentlich zu freier Liebe und dem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, kämpfen dafür in Frauenorganisationen oder erheben die Stimme in öffentlichen Medien. Doch der Preis dafür ist vielen zu hoch – schließlich ist der Ruf bereits durch einen zu kurzen Rock dahin und kein Mann würde eine »Nutte« heiraten, mit der er eine außereheliche Beziehung gepflegt hat. So machen viele gute Miene zum bösen Spiel, schweigen über Missbrauch und Vergewaltigung, lassen vor der Hochzeit das Hymen wiederherstellen, oder heiraten zum Schein, damit niemand erfährt, dass sie lesbisch sind.

Geradezu grotesk wirkt das Beispiel aus dem Essayband, wo ein älteres heterosexuelles Paar – beide mit anderen Partnern verheiratet – von der Polizei beim Sex im Auto erwischt wird. Schnell stellt sich heraus, das es sich bei ihnen ausgerechnet um strenggläubige islamistische Wortführer handelt, woraufhin die sozialen Medien voller Häme über ihre Scheinheiligkeit herziehen. Doch Slimani hat auch Mitleid mit ihnen – denn was für ein Leben ist das, in dem man sich heimlich in Stundenhotels oder in Autos treffen muss? So richtet sich ihre Kritik auch nicht gegen »den Islam« oder »die Männer« Sowohl die Autorin als auch ihre Gesprächspartnerinnen haben durchaus eine differenzierte Haltung gegenüber patriarchalen Strukturen und gesellschaftlichen Traditionen. Schließlich sind auch die Männer gefangen in dem System, das sie zwar deutlich privilegiert, aber ihnen ebensowenig alternative Lebensentwürfe zugesteht wie den Frauen.

Erzählt wird das Ganze in beiden Büchern mit viel Empathie. Dabei ist es ebenso Slimanis leicht verständlichem, flüssigem Stil wie den schönen Bildern der französischen Zeichnerin Laetitia Coryn geschuldet, dass man den Comic sofort in einem Rutsch durchliest. Coryn lässt die Energie der Frauen spürbar werden und erweckt die Schönheit der marokkanischen Landschaft zum Leben, sodass über ihre Bilder eine positive Atmosphäre entsteht, die an das Potential einer Veränderung glauben lässt.

Auch wenn dem Essayband die Kraft der Bildersprache natürlich nicht innewohnt, gleicht er das durch die faktenreiche Vertiefung des Themas aus. Ein lesenswertes Buch, bei dessen Lektüre man mehr über feministische Koranexegese und den Kampf um liberalere Gesetze erfährt.

Leïla Slimani/Laetitia Coryn: Hand aufs Herz. Avant-Verlag 2018, 108 S., 25 Euro
Leïla Slimani: Sex und Lügen. Gespräche mit Frauen aus der arabischen Welt. Übersetzt von Amelie Thoma, Btb-Verlag 2018, 208 S., 12 Euro

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