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Aus: Ausgabe vom 29.03.2019, Seite 12 / Thema
Zweiter Weltkrieg

Im Angesicht des Krieges

Ende März 1939 erklärte die britische Regierung Polen ihren Beistand im Falle eines deutschen Angriffs. Ein Bündnis mit der Sowjetunion aber lehnte sie ab
Von Reiner Zilkenat
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»Peace for our time«. Der britische Premier Neville Chamberlain glaubte, einen ehrenvollen Frieden mit Hitler erwirkt zu haben, und gab dem Drängen der deutschen Faschisten immer weiter nach (Chamberlain mit Hitler am Tag der Unterzeichnung des Münchener Abkommens, 30. September 1938)

Am 31. März 1939 trat das britische Unterhaus zu einer mit großer Spannung erwarteten Sitzung zusammen. Die Presse meldete: Premierministers Neville Chamberlain werde angesichts der rasant gestiegenen Kriegsgefahr in Europa eine überaus wichtige Erklärung abgeben. Was war geschehen?

Nach dem Einmarsch der Naziwehrmacht in die »sudetendeutschen Gebiete« der Tschechoslowakei Anfang Oktober 1938, so hoffte man in London und Paris, seien die territorialen Forderungen des deutschen Faschismus endgültig erledigt. Doch mit den im »Münchner Abkommen« vom britischen und französischen Imperialismus Deutschland zuerkannten Gebieten der CSR waren die expansiven Ziele der Nazis noch lange nicht erreicht. Die Aussage Chamberlains bei seiner Rückkehr nach London, der Friede in Europa sei jetzt gesichert (»peace for our time«), sollte sich als eine gefährliche Illusion erweisen.

Auf die leichte Schulter genommen

Mit dem am 15. März 1939 begonnenen Einmarsch der Wehrmacht sowie der Gestapo und des »Sicherheitsdienstes« der SS in die »Resttschechei«, wie die Nazis das nach dem Münchner Abkommen verbliebene Staatsgebiet der CSR zynisch bezeichneten, wuchs die Kriegsgefahr in Europa dramatisch an. Man befürchtete, dass als nächstes Opfer einer faschistischen Aggression Polen an der Reihe wäre; auch Rumänien vermutete, mit seinen reichen Erdölfeldern bald das Ziel eines militärischen Überfalls der Wehrmacht zu werden. Am 23. März 1939 besetzte die deutsche Wehrmacht zudem das an Ostpreußen grenzende, 140.000 Einwohner zählende Memelland, das nach der Okkupation durch litauische Truppen 1923 auf der Grundlage eines Beschlusses des Völkerbundes vom 8. Mai 1924 einen integralen Bestandteil Litauens darstellte. Großbritannien zeigte sich über diesen neuen Gewaltakt wenig besorgt, hatte Hitler doch einen entsprechenden »Vertrag« mit Litauen abgeschlossen. Der britische Botschafter in Berlin, Sir Neville Henderson, schrieb in seinen Memoiren: »Memel wurde unter ziemlich vernünftigen Bedingungen an Deutschland ausgehändigt.« Allein die Wortwahl lässt erahnen, dass auch dieser Völkerrechtsbruch in London auf die leichte Schulter genommen wurde.

Wie würden sich die Regierungen in London und Paris angesichts des Völkerrechtsbruches des deutschen Faschismus gegenüber der CSR und Litauen und weiterer zu erwartender Aggressionen verhalten? Würden sie Hitler und seinen Generälen endlich mit Waffengewalt entgegentreten? Würden sie gemeinsam mit anderen Staaten eine Allianz gegen den vordringenden deutschen Faschismus schmieden und rechtzeitig militärische Gegenmaßnahmen beschließen? Wollten sie die Sowjetunion, die sich vehement gegen die Preisgabe der Tschechoslowakei gewandt und statt dessen vergeblich ein System kollektiver Sicherheit mit einer militärischen Komponente gefordert hatte, weiterhin als eine zu vernachlässigende Größe in den internationalen Beziehungen behandeln?

Halbherzige Garantie

Chamberlains Erklärung vor dem Unterhaus, die er zugleich im Namen des französischen Kabinetts abgab, konnte die Nazis nicht davor abschrecken, weitere Aggressionen vorzubereiten. Sie war eine Enttäuschung für alle, die einen neuen Weltkrieg verhindern wollten. Der Premierminister verkündete, dass er eine Garantie der britischen und französischen Regierungen für den Fall abgebe, dass eine auswärtige Macht die Souveränität Polens verletzen würde: »Ich habe jetzt das Haus davon in Kenntnis zu setzen, dass im Falle einer Handlung, durch die Polens Unabhängigkeit deutlich gefährdet würde, und der mit Waffengewalt entgegenzutreten die polnische Regierung demnach für lebensnotwendig hielte, die Regierung Seiner Majestät sich verpflichtet fühlen würde, der polnischen Regierung unverzüglich alle in ihrer Macht stehende Unterstützung zu gewähren.« Zugleich beinhaltete die Erklärung jedoch keinerlei Garantien für den territorialen Status quo des polnischen Staates. Es fehlte jeder Hinweis auf die Bereitschaft Großbritanniens und Frankreichs, die bestehenden Grenzen Polens verteidigen zu wollen. Weshalb war diese Frage von entscheidender Bedeutung?

Deutschland hatte wiederholt gefordert, dass die nach dem Versailler Friedensschluss unter Oberaufsicht des Völkerbundes stehende »Freie Stadt Danzig« wieder in das Deutsche Reich inkorporiert, zugleich aber auch auf polnischem Territorium eine exterritoriale Zone geschaffen werden sollte, in der zwischen Pommern und Ostpreußen eine von Deutschland zu verwaltende Autobahn sowie eine Eisenbahnverbindung errichtet werden müssten. Außerdem wurde, analog zu den seinerzeitigen Forderungen bezüglich der »Sudetendeutschen« in der CSR, eine weitgehende Autonomie für die deutschstämmige Bevölkerung Polens gefordert. London hatte den Deutschen ungeachtet des Widerstands der polnischen Regierung mehrfach große Zugeständnisse gemacht. Chamberlain hatte öffentlich angekündigt, in diesen von Hitler und seinem Außenminister Joachim von Ribbentrop immer wieder angesprochenen Fragen kompromissbereit zu sein. Mit anderen Worten: Das britische Kabinett war bereit, Teile des polnischen Staatsgebietes dem deutschen Faschismus zu opfern. Ein deutliches Zeichen, dass Großbritannien nicht ernsthaft willens war, Polen zu verteidigen oder dabei zu helfen, die polnischen Streitkräfte für den Schutz ihres Landes angemessen auszurüsten, war die Ablehnung der britischen Regierung, Polen einen Kredit über 60 Millionen Pfund zu gewähren, um moderne Waffen zu kaufen. Wie ein Hohn klang das Angebot Londons, einen Kredit privater Banken über fünf Millionen Pfund zu vermitteln.

Großbritanniens führende Kreise hatten den deutschen Faschisten aber noch mehr anzubieten. Während einer Fragestunde im Unterhaus am 23. März 1939 hatte der Premierminister hervorgehoben, dass seine Regierung keinerlei Einwände gegen »vernünftige Bestrebungen Deutschlands« habe, »neue Exportmärkte« zu erschließen und ein eigenes Einflussgebiet zu schaffen. Was Chamberlain genau unter »Einflussgebiet« verstand und ob damit auch weitere territoriale Eroberungen gemeint sein könnten, ließ er offen. Auf jeden Fall, so äußerte sich der Premierminister bei der Zusammenkunft des Kabinettskomitees für Außenpolitik am Tage der »Garantieerklärung« für Polen, seien »Grenzrevisionen« zugunsten Deutschlands gegenüber Polen auf dem Verhandlungswege durchaus denkbar.

Hinter den Kulissen waren außerdem seit längerer Zeit diplomatische Bestrebungen Londons im Gange, die Naziführung für den Gedanken zu gewinnen, wieder Kolonialmacht zu werden und dafür als »Gegenleistung« auf weitere Aggressionen in Europa zu verzichten. Allerdings hatte die deutsche Regierung auf dieses Angebot abwartend reagiert. Ihr ging es primär um die Herstellung der politischen, ökonomischen und militärischen Vorherrschaft in Europa.

Unbeeindruckt

Die Erklärung Chamberlains bestimmte die öffentliche Meinung und die diplomatischen Aktivitäten in den folgenden Wochen. Der deutsche Botschaftsrat in London, Erich Kordt, teilte dem Auswärtigen Amt in Berlin Beruhigendes über die Chamberlain-Rede mit: »Besonders bemerkenswert« sei gewesen, »dass die englische Hilfeleistung erst dann eintreten wird, wenn feststeht, dass erstens eine deutsche Aktion eindeutig die polnische Unabhängigkeit bedroht (was in britischem Ermessen liegt) und zweitens die polnische Regierung demzufolge es für vital ansieht, der deutschen Aktion militärischen Widerstand entgegenzusetzen«. Und weiter: »Erster Teil der Erklärung lässt Regelung sämtlicher Streitpunkte, auch Kolonialfragen, im Verhandlungswege offen.« Und Danzig betreffend fügte er hinzu: »Zweiter Teil der Erklärung lässt mindestens zweifelhaft, ob militärisches Vorgehen gegen Danzig den casus belli (Kriegsfall, jW) für die britische Regierung darstellt.«

Hitler und seine Generäle zeigten sich von der Garantieerklärung völlig unbeeindruckt. Am 3. April 1939 legte Hitler vor den wichtigsten Kommandeuren der Streitkräfte den Plan für einen Überfall auf Polen, den »Fall Weiß«, dar. Man könne ab dem 1. September 1939 jederzeit mit dem Angriff beginnen. Nur wenige Tage später kündigte Hitler das deutsch-englische Flottenabkommen von 1935 auf, das eine maritime Aufrüstung der deutschen Marine bis zu einem Drittel der Stärke der Royal Navy zugelassen hatte. Als schließlich am 7. April Benito Mussolini den Einmarsch italienischer Truppen in Albanien befahl, war mehr als deutlich geworden, dass die britisch-französische Garantieerklärung zugunsten der Souveränität Polens ihre Wirkung nicht nur auf die in Deutschland Regierenden verfehlt hatte.

In England selbst debattierte das Unterhaus an mehreren Tagen die »Garantieerklärung«. Dabei unterzogen einige Abgeordnete den Text einer detaillierten Analyse und Kritik. Einer der Kritiker war Leo Amery, Abgeordneter der an der Regierung befindlichen Konservativen Partei und ehemaliger Erster Zivillord der Admiralität. Er analysierte die sich unter Umständen aus der Erklärung ergebenden militärischen Aktionen und kam zu einem ernüchternden, ja vernichtenden Urteil. Die für Großbritannien auf dem europäischen Kontinent verfügbare Armee habe derzeit eine Stärke von lediglich fünf Divisionen. Soldaten, Waffen, Munition und Ausrüstungen für ein größeres Heer stünden nicht zur Verfügung. Diese Argumente wogen umso schwerer, als erst am 26. April 1939 in Großbritannien die Wehrpflicht, allerdings zunächst nur für 21- und 22jährige Männer, eingeführt wurde. Andere Abgeordnete warfen die Frage auf, ob die Garantieerklärung lediglich deklaratorische Bedeutung habe, da Großbritannien und Frankreich allein außerstande seien, Polen gegen eine Aggression Hitlerdeutschlands beizustehen. Schließlich wurde die Frage nach einer Beteiligung der UdSSR an einer zu errichtenden Abwehrfront gegen den deutschen Faschismus aufgeworfen.

Allianz mit der Sowjetunion?

Nicht nur in der Presse und innerhalb der politischen Linken, sondern auch im Unterhaus wurden die Stimmen lauter, die nach der Zerschlagung der CSR die Zeit für gekommen hielten, ein politisch-militärisches Bündnis mit der Sowjetunion zu schließen. Am 6. April 1939 nahm hierzu im Unterhaus der Abgeordnete Vernon Bartlett Stellung. Er schlug vor, mit der »größten Geschwindigkeit« eine Allianz mit Russland zu bilden. Die Garantieerklärung für Polen könne abschreckend auf Hitler wirken, es sei aber notwendig, dass sie »so schnell als möglich« auch Moskau einbeziehen müsste. Was immer man über die inneren Zustände in Russland denke, so könne man nur wenig Zweifel daran haben, dass die Rote Armee sehr viel effektiver sei als die zaristische Armee am Vorabend des Ersten Weltkrieges.

Drei Tage zuvor hatten sich in einer Fragestunde mehrere Abgeordnete danach erkundigt, ob Kontakte mit der sowjetischen Regierung über den Abschluss eines Bündnisses gegen Hitlerdeutschland bestünden, ja ob Verhandlungen zwischen den Generalstäben der beiden Armeen vorgesehen seien. Am deutlichsten sprach der ehemalige Premierminister David Lloyd George den militärisch zweifelhaften Wert der Garantieerklärung und die sich daraus ergebende Notwendigkeit an, auf die Sowjetunion zuzugehen: »Wenn morgen der Krieg ausbräche, könnten wir nicht ein einziges Bataillon nach Polen entsenden. (…) Ich kann nicht verstehen, warum wir uns nicht im voraus des Beitritts Russlands versichern.« Die Frage einer Allianz mit der UdSSR blieb ein ständiges Thema der öffentlichen und der parlamentarischen Debatten, in deren Verlauf die Zahl prominenter Politiker ständig größer wurde, die ungeachtet der unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen eine politisch-militärische Kooperation mit der Sowjetunion gegen den Hitlerfaschismus forderten.

Ein schwerwiegendes Problem aller Versuche, eine Allianz gegen den Kriegskurs des deutschen Faschismus zu schmieden, stellte die Haltung der polnischen Regierung dar, deren Außenminister Jozef Beck der Sowjetunion mit Hass begegnete. Jeder Gedanke an ein Bündnis zwischen Frankreich, Großbritannien, der UdSSR und Polen zur Abwehr der faschistischen Gefahr war ihm fremd. Statt dessen hatte er sich darum bemüht, dass im November 1938 ein Teil der Tschechoslowakei mit Billigung der deutschen Regierung dem polnischen Staat zugeschlagen wurde. Neville Henderson schreibt hierzu in seinen Memoiren: »Polen hatte einen Anteil an der tschechischen Beute erhalten. Es hatte nach dem Münchner Abkommen das gesamte Teschener Gebiet, sowie das Kohlezentrum von Oderberg, dessen Bevölkerung stark deutsch durchsetzt war, erlangt.« Im Anschluss an die Okkupation durch Polen wurden 30.000 Tschechen gezwungen, ihre Heimat zu verlassen.

Vor allem in Paris, aber auch in London existierten Bestrebungen, Warschau von der militärischen Notwendigkeit eines Bündnisses mit Moskau zu überzeugen. Besonders der französische Außenminister Georges Bonnet bemühte sich um eine Akzeptanz der polnischen Regierung für eine derartige Allianz, einschließlich der Genehmigung, im Kriegsfalle sowjetischen Einheiten den Kampf gegen die Naziwehrmacht bereits auf polnischem Territorium zu gestatten. Doch seine Versuche blieben vergeblich. Während der britisch-französischen Konsultationen in London am 21. März 1939 äußerte Bonnet seine Überzeugung, dass »der größtmögliche Druck« auf die polnische Regierung ausgeübt werden müsse, um ihre Zustimmung für die Einbeziehung in eine Allianz gegen künftige Aggres­sionen Hitlerdeutschlands zu erreichen. Russlands Hilfe, die eine große Unterstützung bedeute, könne nur dann effektiv sein, wenn Polen der Zusammenarbeit zustimme. Auch Rumänien sei nicht bereit, militärische Hilfe der UdSSR gegen einen deutschen Angriff in Anspruch zu nehmen. Der rumänische Botschafter in Paris habe ihm erklärt, dass Russland in seiner Heimat nicht beliebt sei. Dies gelte vor allem für die Angehörigen der »Upper classes«, von denen einige Hitler gegenüber Stalin bevorzugten.

Beschwichtigen statt bekämpfen

Das größte Hindernis für ein Bündnis mit der Sowjetunion bildete aber die unversöhnliche antikommunistische Haltung von Neville Chamberlain. Für den britischen Premier war es völlig unvorstellbar, mit der UdSSR eine Koaliton gegen den Faschismus zu bilden. Seine politische Konzeption in der Auseinandersetzung mit Hitlerdeutschland bestand darin, mit einer Politik der Beschwichtigung (»Appeasement«) einen Weltkrieg zu verhindern. Dazu sei es notwendig, einige Forderungen aus Berlin (z. B. Aufhebung der Rüstungsbeschränkungen, weitgehende Autonomie für deutsche Minderheiten in Mittel- und Osteuropa, Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich, die Anerkennung Südosteuropas als eines von Deutschland politisch und ökonomisch dominierten Raumes) als legitim und ihre Durchsetzung als verhandelbar zu erklären. Chamberlain stand mit diesen Auffassungen keineswegs allein.

Am 1. November 1938 hatte hierzu der britische Außenminister Edward Wood, Lord Halifax, an den Botschafter in Paris, Sir Eric Phipps, geschrieben: »Fortan müssen wir mit Deutschlands Vorherrschaft in Mitteleuropa rechnen. ­Übrigens habe ich immer das Gefühl gehabt, dass für Deutschland, wenn es einmal seine normale Stärke wiedererlangt haben wird, diese Vorherrschaft aus offensichtlichen geographischen und ökonomischen Gründen unvermeidlich wäre.« Am 15. März 1939 brachte der Botschafter in Berlin, Neville Henderson, diesen Gedanken in einem Bericht an das Foreign Office in noch deutlicheren Worten zu Papier: »Der ›Drang nach Osten‹ ist eine Realität, während der ›Drang nach Westen‹ erst dann dazu wird, wenn Deutschland findet, dass alle Wege nach dem Osten versperrt sind. (…) Deutschlands kontinentale Zukunft liegt im Osten, und das ist möglicherweise gar nicht so schlecht.«

Wen wundert es vor diesem Hintergrund, dass die Garantieerklärung zugunsten Polens wenig entschieden ausfiel und zahlreiche Hintertüren enthielt? Deutschland sollte unter Aufgabe seiner gegen Großbritannien gerichteten aggressiven militärischen Planungen in Mittel- und Südosteuropa als dominierende Großmacht fungieren und zudem mit einigen Kolonien in Afrika seine »weltpolitischen« Ambitionen realisieren können. Im Rahmen solcher Überlegungen gab es keinen Platz für eine Allianz mit der Sowjetunion, obwohl deren Befürworter im Frühjahr und Sommer 1939 sogar in den Reihen der Konservativen Partei zu finden waren, unter ihnen der später zum Nachfolger Chamberlains berufene Winston Churchill. Letztlich konnten sie sich jedoch nicht durchsetzen.

Faschismus als Bollwerk

An dieser Stelle ist es nötig, einen weiteren Aspekt zu beleuchten, der die Politik der britischen Regierung gegenüber Hitlerdeutschland beeinflusste: die positive Haltung führender Politiker, Angehöriger der Aristokratie, Journalisten und Industrieller zu den Nazis und ihrem »Führer« Adolf Hitler. Im »Cliveden-Set« der Lady Astor, benannt nach ihrem Landhaus Cliveden, trafen sich die Sympathisanten des deutschen Faschismus. Ihre Zahl und ihre gesellschaftliche Stellung dürfen nicht gering geschätzt werden. Auch Premierminister Chamberlain und Außenminister Lord Halifax zählten neben dem seit 1939 als Botschafter in Washington amtierenden Lord Lothian, dem Chefredakteur der meinungsbildenden Times, Geoffrey Dawson, und dem Pressemogul Harold Harmsworth, Lord Rothermere, sowie anderen einflussreichen Persönlichkeiten zu den Gästen Lady Astors. Einige der hier Versammelten versäumten es nicht, das faschistische Deutschland zu besuchen und sich mit Nazigrößen ablichten zu lassen. Andere, wie z. B. der Schwiegersohn Winston Churchills, der konservative Abgeordnete Duncan Sandys, der ehemalige Labour-Abgeordnete und Exfinanzminister Philip Snowden und der ehemalige Luftfahrtminister Charles Vane-Tempest-Stewart, Lord Londonderry, publizierten sogar Artikel in der Nazipresse. Londonderry wurde zu den Olympischen Winterspielen 1936 von Hitler persönlich als Ehrengast eingeladen, mit einem Flugzeug der Lufthansa vom Londoner Flughafen abgeholt und von Hermann Göring mit der Teilnahme an Jagdausflügen geehrt.

Worum es diesen Sympathisanten des deutschen Faschismus letztlich ging, brachte der ehemalige Premierminister Lloyd George am 28. November 1934 im Unterhaus zum Ausdruck (er änderte seine Meinungen zu den Nazis allerdings später): »Ich sage voraus, dass in einer sehr kurzen Zeit (…) die konservativen Elemente in England auf Deutschland als ein Bollwerk gegen den Kommunismus in Europa blicken werden. Wenn Deutschland vor dem Kommunismus niederbricht und der Kommunismus Deutschland ergreift, so wird Europa folgen (…). Ihr werdet Deutschland als euren Freund begrüßen.«

Diese durchaus unter den Herrschenden verbreitete Geisteshaltung verhinderte, dass Großbritannien rechtzeitig der Sowjetunion die Hand reichte und gemeinsam gegen die faschistische Gefahr kämpfte. Deshalb galt im Frühjahr 1939, was Thomas Mann hellsichtig zwei Tage vor Chamberlains Erklärung im Unterhaus in sein Tagebuch notierte: »Die Situation scheint sich dem Kriege zu nähern, wird voraussichtlich sich wieder von ihm entfernen, um am Ende doch in ihm unterzugehen. Die kapitalistische Welt wird durch ihr Hätschelkind, den Faschismus, zum Kriege gezwungen werden.«

Reiner Zilkenat schrieb an dieser Stelle zuletzt am 18. Februar 2019 über den Alldeutschen Verband.

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