Hände weg von Venezuela! Solidaritätsveranstaltung am 28. Mai
Gegründet 1947 Montag, 27. Mai 2019, Nr. 121
Die junge Welt wird von 2189 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 29.03.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Nomadisierende Arbeitskräfte

Osteuropa leergefegt

Fluch der Erwerbsmigration: Wiener Forschungsinstitut konstatiert »in Friedenszeiten beispiellosen Bevölkerungsrückgang« in Teilen der Region
Von Reinhard Lauterbach
Spargelernte_in_der_48679154.jpg
Flexible Arbeitsnomaden sehr begehrt: Polnische Erntearbeiter auf Spargelfeld in Sachsen-Anhalt, 2016

Ein Drittel der erwerbsfähigen Bevölkerung der Republik Moldau lebt im Ausland, desgleichen mindestens ein Zehntel der Ukrainer und immerhin fünf Prozent der Polen. Das sind die Zahlen, auf die das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche jetzt in einer Studie über die ökonomischen Perspektiven Ost- und Südosteuropas hingewiesen hat. Das Institut konstatiert einen »in Friedenszeiten beispiellosen Bevölkerungsrückgang«, der die in Abhängigkeit von der EU gelangten Staaten ergriffen habe. Die Autoren sprechen von einer der größten »Herausforderungen« für die mittelfristige Entwicklung der Region.

Im einzelnen stellte das Institut dar, dass in Moldau und der Ukraine das Lohnniveau kaufkraftbereinigt um etwa 20 Prozent des deutschen Werts betrage. In Polen liegt es bei der Hälfte, in Tschechien, der Slowakei und Slowenien bei rund 70 Prozent. Letztere Länder haben also vom Boom der deutschen Exportwirtschaft, in die ihre eigene Industrie als Zulieferer integriert ist, durchaus profitiert. Das gilt in bestimmten Grenzen auch für ihre Lohnabhängigen.

In Polen und Tschechien herrscht nach kapitalistischen Kriterien Vollbeschäftigung. Beide Länder ziehen inzwischen ihrerseits Migranten aus den noch ärmeren Staaten östlich ihrer Grenzen ins Land. Die Zahl der Ukrainer in Polen wird aktuell auf 1,5 Millionen Personen geschätzt, und sie besetzen durchaus nicht mehr nur Jobs im Billiglohnsektor. Solche überwiegen zwar noch, aber auf den einzelnen Migranten bezogen scheint solche Beschäftigung »unter Wert« inzwischen in wachsendem Maße eine Übergangsphase zu sein. Die polnische Wirtschaftspresse berichtet, dass die Ukrainer im Lande, wenn sie über gehobene Qualifikationen verfügten, auch relativ schnell diesen gemäß eingesetzt würden – etwa vom Bauarbeiter zum Vorarbeiter und von diesem zum Bauleiter aufstiegen.

Die Entwicklung zeigt, dass vom Standpunkt der Herkunftsländer die Anreize zur Migration – und nichts anderes ist der »visafreie Reiseverkehr« objektiv – eine durchaus zweischneidige Sache sind. Sich als Billiglohnstandort bei trotzdem relativ qualifiziertem Arbeitskräftepotential anzupreisen, wie es die Ukraine auf Konferenzen für westliche Investoren tut, hat immer auch den Effekt, dass es für jene qualifizierten Arbeitskräfte einen ständigen Anreiz darstellt wegzugehen, wenn das inländische Lohnniveau so niedrig gehalten wird, wie es ist. Inzwischen fehlen in der Ukraine neben Krankenschwestern auch Metall- und Elektrofacharbeiter. Die dortige Eisenbahn reaktiviert pensionierte Lokführer, um überhaupt noch ihren Fahrplan einhalten zu können. Insbesondere die Rentensysteme der betroffenen Länder leiden darunter. Ironie der Geschichte: Damit untergräbt die Auswärtsmigration auch vom Standpunkt der internationalen Investoren die Attraktivität der osteuropäischen Billiglohnstandorte. Denn wenn die Migration Arbeitskräfteknappheit erzeugt, tendieren die Löhne dazu, trotz allem zu steigen. Und dies lässt Kapital, das auf billige Arbeitskräfte als wesentlichstes Kriterium der Standortauswahl achtet, zunehmend in noch »günstigere« Länder ausweichen.

Auf der makroökonomischen Ebene und vom Standpunkt der EU bedeutet dies, dass das Niedrighalten des örtlichen Lohnniveaus im Interesse der »Wettbewerbsfähigkeit« bei gleichzeitig offenen oder halboffenen Grenzen für Arbeitsmigranten eine Möglichkeit ist, aus den peripheren Ländern das letzte abzuschöpfen, was ihnen nach dem Zusammenbruch ihrer Industrie geblieben ist: ihr Arbeitskräftepotential. Was vom Standpunkt der einzelnen Migranten absolut plausibel ist: dorthin zu gehen, wo es bessere Bedingungen als zu Hause gibt, erweist sich vom Standpunkt der Nationalökonomien dieser Länder als fatal. Wenn die Wiener Ökonomen als Ausweg für die vom »Workforce drain« erfassten Länder eine verstärkte Digitalisierung und Automatisierung empfehlen, ist dies nicht mehr als ein trauriger Witz. Denn woher kann das Kapital kommen, um diese Automatisierung auf breiter Front zu finanzieren? Auch wieder nur aus dem Ausland.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Artur Pech, Schöneiche: Große Verführung Der Beitrag »Osteuropa leergefegt« veranlasst mich, Euch einen Text zur Kenntnis zu geben, den ich vor einigen Wochen im Zusammenhang mit einer Konferenz zu diesem Thema erarbeitet habe. Es liegt ein...
  • Emil Schaarschmidt: Wovon der Kapitalismus profitiert Wovon der Kapitalismus profitiert, ist die unterschiedliche Entwicklung in den Ländern. Ega, ob das EU-Länder sind oder nicht, natürlich wird das ausgenutzt. Auch innerhalb Deutschlands zeigt sich das...

Ähnliche:

  • Wer ein Smartphone nutzt, hinterlässt viele Daten - und ist leic...
    09.03.2019

    Rasterfahndung 2.0

    Dank Metadaten von Smartphones: Polnisches Unternehmen zählt ukrainische Arbeiter. Auch Apps für Schwangerschaftsplanung erfasst
  • Erdbeerernte 2015 in Ostpolen: Viele Pflückerinnen kommen aus de...
    09.04.2018

    Wie Arbeitslager

    Wenig Geld, miese Unterbringung: Polens Kapital braucht ukrainische Migranten als Billigjobber, behandelt sie aber oft schlecht
  • Bauarbeiten in Warschau: Polens Wirtschaft brummt und braucht zu...
    28.01.2017

    Einwanderungsland Polen

    Die Regierung in Warschau erleichtert die Arbeitsmigration für Bürger der Ukraine. Denn im eigenen Land steigen die Löhne, und es gibt Bedarf

Mehr aus: Kapital & Arbeit