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Aus: Ausgabe vom 29.03.2019, Seite 1 / Titel
Infrastruktur

Auf dem Abstellgleis

Verspätung, Ausfälle, Servicemängel: Privatisierungskurs hat der Deutschen Bahn erheblichen Schaden zugefügt. Protest gegen Profitorientierung
Von Katrin Küfer
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Warten auf die Bahn. Der Konzern wird seit langem auf Verschleiß gefahren

Der Vorstand der Deutsche Bahn AG hat am Donnerstag in Berlin die Jahresbilanz 2018 präsentiert. Das von Konzernchef Richard Lutz und Finanzvorstand Alexander Doll verkündete Ergebnis enthält wenig Licht und viel Schatten.

So lässt etwa der vierprozentige Zuwachs auf ein Rekordniveau von 148 Millionen Reisenden in den Fernzügen der Marke ICE, IC oder EC das riesige Potential für einen Umstieg von Straße und Flugzeug auf die Schiene erahnen. Ohne die anhaltenden Zugausfälle, Servicemängel und großen Verspätungen dürfte hier das Plus noch viel höher sein. Die offiziell auf 74,9 Prozent veranschlagte Pünktlichkeit der Fernzüge sei »nicht zufriedenstellend«, räumte Lutz ein. Zu den Schattenseiten der Bilanz gehört der Einbruch der Verkehrsleistung der Güterverkehrstochter DB Cargo um 4,8 Prozent. Während der Konzernumsatz um drei Prozent auf 44 Milliarden Euro stieg, schrumpfte der Gewinn um 29 Prozent auf 542 Millionen Euro. Die Nettofinanzschulden haben den Rekordwert von 19,5 Milliarden Euro erreicht.

»Wir nehmen sehr viel Geld in die Hand für eine bessere Bahn«, erklärte Doll und verwies auf elf Milliarden Euro Investitionen, die 2018 vor allem in die Infrastruktur und neue Fahrzeuge geflossen seien. Für Kritiker ist der hohe Investitionsstau eine anhaltende Folge der Fixierung früherer DB-Manager auf einen Börsengang. So wurde versucht, durch drastische Kürzungen bei Personal, Material und Infrastruktur eine »positive Börsenstory« zu schreiben.

Dass die mit der Umwandlung der Staatsbahnen zur privatrechtlichen Aktiengesellschaft 1994 eingeleitete »Bahnreform« den Beschäftigten viel Kummer bereitet, macht der Brandbrief eines DB-Lokführers deutlich, den die FAZ jüngst abdruckte. »Wir haben 10.000 Häuptlinge und 100 Indianer, es müsste umgekehrt sein«, beschreibt der erfahrene Eisenbahner das Missverhältnis zwischen dem aufgeblähten Management in »zahllosen unübersichtlichen Gesellschaften« unter dem Dach des DB-Konzerns und den Beschäftigten mit ihren großen Überstundenbergen. »Die Bundesbahn war wohlstrukturiert, hat größtenteils funktioniert und wurde von Praktikern geführt«, erinnert er sich an Zeiten vor 1994. Statt Zugausfällen und Mangelverwaltung habe es früher Reserven an Personal, Wagen und Loks gegeben. Die Privatisierung sei auch von den Gewerkschaften »einfach abgenickt« worden und erweise sich heute als »grundlegender schwerwiegender Fehler, der sich bitter rächt«. Auch die EU sei mit dem Zwang zur mehr Wettbewerb auf der Schiene »auf einem völlig falschen Pfad«, so das Fazit des Lokführers. »Schon Bismarck wusste, dass die Eisenbahn nicht rentabel geführt werden kann und Staatsunternehmen bleiben muss.«

Ähnlich warnt auch das privatisierungskritische Aktionsbündnis »Bahn für alle« seit Jahren vor einer Unterfinanzierung der DB und Ausrichtung auf kurzfristige Bilanzgewinne, Börsengang und internationale Expansion. »Alle wichtigen Ziele der Bahnreform wurden rundweg verfehlt«, so Bündnissprecher Bernhard Knierim. »Weder wurde mehr Verkehr auf die Schiene verlagert noch ist die Qualität besser geworden«. Das Bündnis fordert eine Bürgerbahn mit »Gemeinwohlorientierung statt Gewinnmaximierung«.

Unterdessen wies der DB-Aufsichtsrat den DB-Vorstand an, die Konzerntochter Arriva zu verkaufen. Davon wird ein Erlös in Milliardenhöhe erhofft. Arriva mit Sitz in England wurde 2010 durch die DB im Zuge des globalen Expansionsstrebens aufgekauft und betreibt europaweit Busse und Bahnen. Mit einem Verkauf droht den betroffenen Belegschaften ein weiteres Stück Privatisierung.

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Ralf Hohmann, München: Milliardenspiel Beim Lesen des Artikels musste ich unweigerlich an eine andere Glanzleistung der Bahn denken: »Stuttgart 21«. Nach den jüngsten Meldungen sollte es wohl besser »Stuttgart 25 plus x« heißen: Zum Jahres...

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