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Aus: Ausgabe vom 27.03.2019, Seite 4 / Inland
Rechte Bombenbauer

Rechtsterrorist vor Gericht

Dresden: Prozess gegen weiteres Mitglied der »Oldschool Society«
Von Steve Hollasky
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Von einem Computermonitor am 6. Mai 2015 abfotografiert: Logo der Facebook-Seite der »Oldschool Society«

Von der sächsischen Presse weitgehend unbeachtet, begann am Dienstag in Dresden vor dem Oberlandesgericht die mündliche Verhandlung gegen den 39jährigen Marco K. Dem Angeklagten, der inzwischen nicht mehr in Sachsen wohnt, wird vorgeworfen, 2015 Mitglied der »Oldschool Society« (OSS) und als solches an Planungen für einen Bombenanschlag auf eine Unterkunft für Geflüchtete in Borna beteiligt gewesen zu sein.

2017 war die Führungsriege der OSS in München zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Die Gruppe, die sich aus – teils altgedienten – Neonazis aus dem ganzen Bundesgebiet zusammensetzte, soll nach Erkenntnissen der Ermittler seit Herbst 2014 bestanden haben. Damals warb die Gruppe ganz offen für eine Mitgliedschaft in der OSS über eine Facebook-Seite. Dort verschmolzen Slogans wie »Kämpf gegen den Staat« mit Phrasen wie »Für die Zukunft unserer Kinder« und mystischem Irrsinn, der aus Zeilen wie »Für die Ehre unserer Ahnen« hervorgeht, zu einer militanten Rhetorik, die zum Handeln aufstacheln sollte. Dass die Gruppe plante, »ihre rechtsextremistische Ideologie durch terroristische Anschläge« in die Praxis umzusetzen, wie es die Bundesanwaltschaft formulierte, war bei genauerem Hinschauen schwer zu übersehen.

So schrieb ein ebenfalls seit Februar in der Sache vor einem Dresdner Gericht stehender 43jähriger Mann aus Chemnitz im gruppeninternen Chat, er wolle »Türken ausbluten« und »Zecken rösten«. Antifaschistinnen und Antifaschisten wolle er, wie er in dieser Gruppe bekundete, den Hunden der Mitglieder »zum Fraß« vorwerfen. Der Chemnitzer war als »Vollstrecker« innerhalb der OSS für das Eintreiben ausstehender Mitgliedsbeiträge zuständig. Auch sonst war die Gruppe straff geführt: Ein Geheimrat mit einem »Präsidenten«, dem Augsburger Andreas H., lenkte die Organisation. Ihm zur Seite stand mit Markus W. aus Sachsen ein »Vizepräsident«. In Polen beschaffte sich die Gruppe Böller, die in Deutschland zu Bomben umfunktioniert wurden. Aufsehen erregte der Fall eines Jugendlichen im rheinland-pfälzischen Lauterecken, der im Haus der Eltern weit mehr als 100 Kilogramm Sprengstoff versteckt und, angeblich im Auftrag des OSS, eine Bombe angefertigt hatte.

Die Gruppe plante Aktionen unter falscher Flagge, wie 2016 »Frontal 21« aufdeckte. Kirchen sollten gesprengt und die Taten islamistischen Terroristen in die Schuhe geschoben werden, um den Unmut gegen Geflüchtete zu erhöhen. Das von der ZDF-Sendung vorgelegte Abhörprotokoll ließ damals gar einen geplanten Anschlag auf eine Schule für Menschen mit Behinderung wahrscheinlich erscheinen: »Jagen wir eine Förderschule hoch. Auf die Kloppies kann ich auch gut verzichten«, wird dort einer der Chatpartner zitiert. Der Zugriff der Behörden erfolgte am 6. Mai 2015, offenbar kurz bevor die Rechtsterroristen in Borna zur Tat schreiten konnten.

Zwei Jahre später verurteilte das Oberlandesgericht München die vier führenden Mitglieder des OSS, drei Männer und eine Frau, zu langjährigen Haftstrafen. Wenig später erhob auch das Oberlandesgericht der sächsischen Landeshauptstadt Anklage gegen zwei Mitglieder der Gruppe, unter anderem den als »Vollstrecker« bekannten Chemnitzer. Noch unsicher ist, ob dieser Prozess mit dem seit gestern laufenden Verfahren gegen Marco K. zusammengelegt wird. Dagegen kann als sicher angesehen werden, dass die Erklärung des Rechtsanwalts Alexander Hübner, der den Chemnitzer »Vollstrecker« vor Gericht verteidigt, nach der die OSS-Mitglieder allesamt nur einfach »verbal übers Ziel hinausgeschossen« seien, drastisch verharmlosend ist.

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