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Aus: Ausgabe vom 26.03.2019, Seite 8 / Ausland
Menschenrechte auf den Philippinen

»Ziehen Kraft aus der Courage unserer Mandanten «

Anwälte bedroht und ermordet: Kampf um Gerechtigkeit unter Philippinens Präsident Duterte. Ein Gespräch mit Katherine A. Panguban
Interview: Thomas Berger
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Protestaktion in Manila (Philippinen): Eine Dinosaurierfigur mit dem Gesicht von Präsident Duterte (8.12.2017)

Als Mitglied der »National Union of People’s La wy ers«, kurz NUPL, vertreten Sie unter anderem um ihre Landrechte kämpfende Bauern auf den Philippinen. Vergangenen November wurde Ihr Kollege Ben Ramos ermordet. Durchaus kein Einzelfall. Wie gefährlich ist es, für die Interessen derjenigen zu arbeiten, die am Rande der Gesellschaft stehen?

Nein, ein Einzelfall ist das wirklich nicht. Nach unserer Zählung war es schon das 34. Opfer seit dem Amtsantritt von Präsident Rodrigo Duterte. Wir sind vielfältigen Bedrohungen ausgesetzt. Unmittelbar nachdem Ben Ramos auf offener Straße erschossen worden war, hat unser Verein auch für mich besondere Sicherheitsmechanismen in Gang gesetzt. Ich war gerade mit einem Fall befasst, bei dem uns eine regionale Menschenrechtsgruppe um Unterstützung gebeten hatte. Es ging um eine Mutter, die für die Freilassung ihres Sohnes kämpfte. Die konnten wir durchsetzen. Aus Sorge um seine Sicherheit habe ich den Sohn bei mir untergebracht. Das bescherte mir vom Vater, der von der Familie getrennt lebt, eine Anzeige wegen Entführung. So etwas kommt öfter vor. Zudem wurden Kollegen, die zur Trauerfeier von Ben Ramos gekommen waren, dort von zwei Militärangehörigen bedroht. Wir haben daraufhin Anzeige erstattet.

Präsident Duterte droht Kritikern mit martialischen Worten, zuletzt waren unter anderem eine Lehrervereinigung und Journalisten die Adressaten. Wie wirken solche Einschüchterungsversuche auf die Atmosphäre, in der progressive NGOs wie die Ihrige arbeiten?

Wir sagen immer: Wenn unsere Mandanten mutig sind, dann müssen wir das auch sein. Das war schon das Leitmotiv unserer Gründer. NUPL behandelt ja unter anderem den Fall der Lehrervereinigung, die jetzt als angebliche »Rote«, also Kommunistenfreunde, gebrandmarkt werden. Sie haben uns um juristische Hilfe gebeten. Letztlich ziehen wir aus der Courage unserer Mandanten die Kraft, die wir als Anwälte brauchen. Dennoch haben auch wir zu gewissen Vorsichtsmaßnahmen greifen müssen, weil es gefährlicher wird. NUPL hat extra ein Sicherheitskomitee gebildet.

Glauben Sie, dass die philippinische Justiz unabhängig ist?

Wir erleben nahezu täglich, dass die Rechtsverletzungen, die unsere Mandanten erleben, das Produkt einer Gesellschaft sind, in der Ungleichheit ein Grundprinzip ist und Klassenkampf in vielfältiger Weise stattfindet. Arbeiter kämpfen für menschenwürdigen Mindestlohn, Bauern wiederum dagegen, dass Großgrundbesitzer ihnen Landrechte vorenthalten. Doch wir sehen eben auch die Gerichte als Mittel, solche Ungerechtigkeiten zur Sprache zu bringen und, so möglich, zu bereinigen.

Es gibt sehr verschiedene, teilweise sich in der nahezu gleichen Sache widersprechende Urteile. Wie schwer ist es für Menschen aus ärmeren Schichten, im Gerichtssaal Gerechtigkeit zu finden?

Natürlich ist es kein Kampf auf Augenhöhe. Aber genau deshalb führen wir diese Auseinandersetzungen, weil sich die Leute nicht unterkriegen lassen wollen. Manchmal sitzen einige unserer Mandanten sogar bereits Jahre hinter Gittern, bis es uns gelingt offenzulegen, dass Beweise manipuliert wurden. Derzeit haben wir zudem 530 politische Gefangene, die oft unter höchst fragwürdigen Umständen und Vorwürfen inhaftiert sind. Mitunter werden »Beweise« extra plaziert.

Wie sehen die Zukunftsaussichten derzeit aus?

Wir bemühen uns weiter, die politischen Gefangenen freizubekommen, und hoffen auf Erfolg. Doch wir sind uns bewusst, dass dies wohl nicht so einfach und schnell geschehen wird. Wir lassen uns nicht einschüchtern, bereiten uns aber darauf vor, dass es neue Attacken auch gegen uns geben wird. Doch gerade im Sinne unserer Mandanten können wir uns Zweifel und Angst nicht leisten.

Katherine A. Panguban ist Anwältin und Mitglied der »National Union of People’s Lawyers« (NUPL)

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