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Aus: Ausgabe vom 25.03.2019, Seite 16 / Sport
Eishockey

Grazie, ragazzi!

Jugendstilstrategie: Rückblick auf die Saison des Eishockeyklubs HC Ambrì-Piotta
Von Christian Stache, Zürich
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Lang lebe Geronimo! Ambrì-Fans am 16. März beim ersten Play-off-Sieg seit 13 Jahren

Die Saison des HC Ambrì-Piotta (HCAP), dem Eishockeyclub aus der Leventina, dem Norden des italienischsprachigen Schweizer Kantons Tessin, fand jüngst in Biel im Kanton Bern ein jähes Ende. Das Team der Biancoblù, der Weiß-Blauen, unterlag im fünften Viertelfinal-Play-off-Spiel gegen den EHC Biel/Bienne zum vierten Mal. Es verlor damit trotz des ersten Play-off-Siegs seit 2006 die Serie 1:4 (jW berichtete).

Insgesamt ist der Einzug der Bieler ins Play-off-Halbfinale verdient. Ambrì überzeugte in der Endrunde mit starkem Unter- und Überzahlspiel: Fünf der neun Tore fielen mit einem Spieler mehr auf der Platte. Ligabestwert. Die Biancoblù ließen auch nur wenige Gegentore zu, wenn man zu viert oder gar zu dritt verteidigen musste. Das war allerdings auch bitter nötig. Denn bei fünf gegen fünf gelang es Biel weitgehend, Ambrìs Topreihe vom Tor fernzuhalten, und die drei anderen Sturmreihen des HCAP kamen zusammen in fünf Partien auf lediglich einen Treffer. Das lag allerdings auch am besten Spieler der Serie: Biels Torwart Jonas Hiller. Der ehemalige NHL-Torhüter vereitelte souverän zahlreiche Torchancen und ermöglichte seinen Mitspielern dadurch, dreimal einen knappen Vorsprung über die Zeit zu bringen. Biel erspielte sich außerdem durch überfallartige Konter und sicheres Kombinationsspiel viel Zeit vor dem gegnerischen Gehäuse und die fürs Weiterkommen nötigen Tore.

Die Stimmung der Anhänger und Vereinsvertreter des HCAP trübte das Ausscheiden aus den Play-offs nur kurz. Die mitgereisten Tifosi, wie immer mit Che-Guevara- und Geronimo-Fahnen ausgestattet, dankten ihrer Equipe direkt nach dem Ausscheiden auf ihre Weise. Der Gästeblock skandierte unisono »Grazie, ragazzi!«, »Danke, Jungs!«. Ambrì-Sportchef Paolo Duca bilanzierte vor den mysports-Kameras, dass die Mannschaft stolz auf ihre Spielzeit sein könne. Auch der junge Trainer Luca Cereda (37), der seit 2017 bei Ambrì hinter der Bande steht und erstmals ein Profiteam leitet, behielt im Moment der Enttäuschung das Gesamtbild im Auge: »Es war eine positive Saison für uns.« Für diese Einschätzungen gibt es gute Gründe, allen Unkenrufen vor der Saison zum Trotz.

Im vergangenen Herbst hatten die meisten Experten den Verein mit dem Image des ewigen Underdogs nämlich noch als sicheren Kandidaten für die Play-outs, die Abstiegsrunde, gehandelt. In diesem Jahr stehen dort jedoch nicht die Leventiner, sondern Aufsteiger Rapperswil-Jona und der wohlalimentierte Traditionsverein aus Davos. Ambrì hingegen qualifizierte sich zum ersten Mal seit der Spielzeit 2013/14 wieder für die Play-offs. Die Qualifikation ist insbesondere deswegen ein Fingerzeig, weil die Hauptrunde so ausgeglichen wie schon lange nicht mehr gewesen ist. Erst nach allen 50 Spieltagen standen alle Play-off-Teilnehmer fest. Nicht nur dem stark eingeschätzten und gut betuchten Titelverteidiger aus Zürich misslang der Sprung unter die besten acht Mannschaften. Ambrí belegte am Ende Platz fünf, die beste Plazierung seit der Saison 2001/02 (damals vierter) und zwei Ränge über dem kantonalen Erzrivalen HC Lugano. Die vier Siege bei nur zwei Niederlagen im Tessiner Derby setzten der Saison die Krone auf.

Großen Anteil am Erfolg auf dem Eis hatte zweifellos die erste Sturmreihe der HCAP-Auswahl. Das junge Trio aus Center Marco Müller (25) und den Flügelstürmern Dominik Kubalík (23) und Dominic Zwerger (22) begeisterte nicht nur die eigenen Fans mit offensivem, schnellem und dazu erfolgreichem Eishockey. Der Tscheche Kubalík schloss die Hauptrunde mit 25 Treffern und 32 Torvorlagen als bester Punktesammler (57) der Liga ab. Die Trainer und Kapitäne aller Teams der Liga wählten ihn zudem zum »wertvollsten Spieler« (MVP) der Saison. Die Jugendstilstrategie, die der Verein seit zwei Jahren verfolgt, scheint sich vorerst zu bewähren.

Aber der Erfolg in den kleinen Dörfern südlich des Gotthard-Tunnels hat mehr als nur drei Namen. Jiří Novotný wäre da zu nennen. Der tschechische Veteran ist einer der besten Bullyspieler der Liga und hat das von den Rängen immer wieder geforderte Herz eines Löwen. Der überaus quirlige Fabio Hofer belebte insbesondere das Offensiv- und Überzahlspiel. Die individuellen Leistungen fügen sich ein in die Entwicklung des Kollektivs. Ambrìs Defensive um Nick Plastino hat es geschafft, die Zahl der Gegentore im Vergleich zu den Vorjahren deutlich zu reduzieren. Das Überzahlspiel ist in der regulären Saison das zweitbeste der Liga gewesen, das Unterzahlspiel das fünftbeste trotz der zweitmeisten Strafminuten. Vor allem aber hat die Mannschaft spielerisch Wege gefunden, konstant zu punkten und auch mal große Gegner zu schlagen.

Ob es im kommenden Jahr so weitergeht, ist unklar. Die Voraussetzungen sind nicht nur gut. Zwar haben Zwerger, Müller, Novotný und andere ihre Verträge verlängert. Aber Verteidiger Samuel Guerra verlässt die Leventina in Richtung Davos, und Kubalíks Abgang zu den Chicago Blackhawks in die nordamerikanische Profiliga NHL gilt als sicher. Dazu kommt die Mehrbelastung durch die Teilnahme an Spengler Cup und Champions Hockey League. In der ausgeglichenen Liga schließlich wird die Underdogs aus dem Tessin nach dieser Saison sicher auch niemand mehr unterschätzen.

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