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Aus: Ausgabe vom 25.03.2019, Seite 15 / Politisches Buch
»Treibsatz der Barbarisierung«

Nicht nur Armenfürsorge

Neuer Sammelband zeigt: Die christliche Kapitalismuskritik lebt noch
Von Gerd Bedszent
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Hier steckt mit Sicherheit kein Kapitalismuskritiker drunter: Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst am 30.8.2013 in Limburg an der Lahn

Marxisten nehmen Publikationen religiöser Gruppierungen meist nicht zur Kenntnis. Zu Unrecht, gab es doch vor wenigen Jahrzehnten eine vergleichsweise starke »Theologie der Befreiung«, kämpften in verschiedenen Regionen Lateinamerikas Armenpriester Seite an Seite mit kommunistischen Guerilleros gegen rechte Militärs. Wer aber vermutet in unserer Gegenwart in einem von christlichen Einrichtungen herausgegebenen Jubiläumsband eindeutige Bekenntnisse zum wissenschaftlichen Werk von Karl Marx?

Dass die Herausgeber des Buches »Die Frage nach dem Ganzen« sich eindeutig gegen Krieg, rassistischen Terror und soziale Grausamkeiten positionieren, macht sie sympathisch. Beiträge des Sammelbandes analysieren beispielsweise den Fetischcharakter der Ware und damit den religiösen Charakter kapitalistischen Wirtschaftens. Andere Texte untersuchen die Möglichkeiten und Grenzen humanitären Eingreifens gegen die Grausamkeiten der spätkapitalistischen Gesellschaft. Hervorzuheben ist dabei, dass die Autoren keineswegs die klassische katholische Armenfürsorge propagieren, sondern eine durchaus zutreffende Analyse der Triebkräfte der kapitalistischen Gesellschaft liefern.

Herbert Böttcher untersucht in seinem Beitrag »Hilft nur noch beten?« den Aufstieg diverser fundamentalistischer Sekten in unserer Gegenwart, die er als »reflexions- und perspektivlose Krisenverwaltung« und als »Treibsatz der Barbarisierung« charakterisiert. Der Fundamentalismus erlaube es durch seinen Verzicht auf kritische Reflexion, als »Fremde« betrachtete Angehörige anderer Gruppen und Kulturen »zu Ersatzobjekten zu machen, an denen sich unbegriffenes Unbehagen und diffuse Ängste ausagieren« könne. Wobei Böttcher ausdrücklich darauf hinweist, dass der Aufstieg der religiösen Rechten ein globales Phänomen und keineswegs auf den islamisch dominierten Teil unserer Welt beschränkt ist.

Dominic Kloos kritisiert in seinem Beitrag »Alternativen zum Kapitalismus« derzeit wieder moderne neokeynesianische Reformkonzepte und weist unter Bezug auf Marx nach, dass der bürgerliche Nationalstaat sozioökonomisch nur eine abgeleitete Größe ist, die aktuellen Krisenerscheinungen der bürgerlichen Demokratie also auf einer Krise der kapitalistischen Ökonomie insgesamt basieren.

Ähnlich argumentiert Böttcher in seinem Beitrag »Wir müssen doch was tun!«. Die auch von der politischen Linken immer wieder erhobene Forderung, die jeweilige Regierung müsse etwas gegen soziale Verwerfungen unternehmen, laufe angesichts einer Handlungsunfähigkeit des Staatsapparates auf die Suche nach Sündenböcken hinaus. In diesem Umfeld würden rechte Gruppierungen blühen und wachsen, die für »komplexe Problemlagen in falscher Unmittelbarkeit Schuldige (…) konkretisieren« und für eine real vorhandene gesellschaftliche Misere entweder »Flüchtlinge«, »Politiker« oder »Banker« verantwortlich machen.

Ökumenisches Netz Rhein-Mosel-Saar (Hrsg.): Die Frage nach dem Ganzen. Zum gesellschaftskritischen Weg des Ökumenischen Netzes anlässlich seines 25jährigen Bestehens, Eigenverlag, 384 Seiten, Bezug gegen Spende

www.oekumenisches-netz.de

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