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Aus: Ausgabe vom 25.03.2019, Seite 12 / Thema
Romantik und Reaktion

Überflüssiger Ärger

Vor 200 Jahren wurde der Schriftsteller August von Kotzebue ermordet
Von Kai Köhler
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»Du Verräter des Vaterlandes!« Mit diesen Worten stößt der Theologiestudent Carl Ludwig Sand seinem Opfer den Dolch zunächst ins Gesicht, anschließend in die Brust (»August von Kotzebues Ermordung«, kolorierter Kupferstich, vermutlich von J. M. Volz, gedruckt in Nürnberg bei A. P. Eisen um 1820)

Am Vormittag ist das Opfer noch beschäftigt. Ein Bediensteter rät dem Theologiestudenten Sand, er möge es doch gegen fünf Uhr nachmittags noch einmal versuchen, dann sei der Staatsrat von Kotzebue sicherlich zu sprechen. So muss der Mörder noch ein paar Stunden durch Mannheim schlendern, ein letztes Mittagessen in Freiheit einnehmen, bis er es erneut versucht. Diesmal wird er vorgelassen. Mit den Worten: »Du Verräter des Vaterlandes!« stößt er Kotzebue zuerst das Messer ins Gesicht. Wie geplant, reißt der Angegriffene instinktiv die Arme hoch und lässt damit das eigentliche Ziel, das Herz, ungeschützt. Mit aller Kraft zieht Sand das Messer aus dem durchstoßenen Oberkiefer und führt den tödlichen Stich aus. Der Besuch von Anatomievorlesungen an seiner Universität Jena hat sich gelohnt: Lunge, Herzbeutel und Lungenarterien werden schwer verletzt. Sand schaut dem Sterbenden in die Augen, nach seiner späteren Aussage: »Ich glaube, er hat noch mit den Augenwimpern immer gezwinkert, so, dass man bald das Weiße der Augen, bald nichts sah. Daraus schloss ich, er sei noch nicht tot, wollte aber doch nichts weiter dazu tun, weil ich glaubte, genug getan zu haben.«

Doch dann geschieht etwas nicht Einberechnetes: Alexander, der vierjährige Sohn Kotzebues, tritt in das Zimmer und schaut auf die blutige Szene. Sand gerät, wie er später dem Richter sagt, »in eine Stimmung von so vermischten Gefühlen, dass er sich gleichsam dem Kinde zum Ersatz anbot«, stößt sich einen zweiten Dolch in die eigene Brust, zieht den aber selbst heraus und taumelt aus dem Haus. Einem Diener drückt er ein mitgebrachtes Manifest in die Hand. Auf der Straße gibt es schon Aufsehen, nicht nur wegen des blutenden Mannes, sondern weil Frau von Kotzebue und einige Besucherinnen laut schreien. In der Öffentlichkeit funktioniert die politische Rechtfertigung wieder. Sand ruft: »Ja, ich habe es getan, so müssen alle Verräter sterben«, und: »Hoch lebe mein deutsches Vaterland und im deutschen Volke alle, die den Zustand der reinen Menschlichkeit zu fördern streben!« Mit den Worten »Herrgott, ich danke dir für meinen Sieg« kniet er endlich hin, stößt sich ein zweites Mal den Dolch in die Brust und sinkt vornüber. Lebensgefährlich verletzt, wird Sand verhaftet.

So ungefähr trug es sich am 23. März 1819 zu. Die Berichte über den Ablauf unterscheiden sich in Einzelheiten. Zeugen nehmen in der Aufregung ungenau wahr; manches mag auch später aus Gründen des Effekts ausgeschmückt worden sein. Aber die Hauptsache: Mehrmaliger Besuch, Stiche in Gesicht und Herz, der Schrecken über das unerwartete Kind, auf der Straße das Lob von Gott und Vaterland, dann der Versuch des Suizids – das ist belegt. Ratlos war die Nachwelt vor allem, weshalb ausgerechnet ein Theaterdichter zum Opfer der nationalen Wut wurde. Wer war August von Kotzebue?

Das Opfer

Für das Nationaltheater Mannheim gibt es eine Aufführungsstatistik, die von 1779 bis 1870 reicht. In diesen gut neunzig Jahren standen an 486 Abenden Dramen von Schiller auf dem Programm. Goethe wurde fast so selten gespielt wie von heutigen Bühnen, nämlich 181mal. Kotzebue: 1.870 Aufführungen. Auch Goethe selbst kam nicht um den Autor herum, den er persönlich und ästhetisch geringschätzte: Unter den etwa 600 während seiner Weimarer Theaterdirektion gespielten Stücken haben 87 Kotzebue zum Autor; 667 Vorstellungen von insgesamt 4.809 entfallen auf Kotzebue.

Zahlen beweisen keinen künstlerischen Wert. Hier zeigen sie immerhin, dass ein Autor, der von der späteren Literaturgeschichtsschreibung als oberflächlich, unmoralisch und effekthascherisch abgewertet wurde, sein Publikum zu fesseln vermochte; dabei war der Erfolg international. All dies verweist auf eine schnelle und routinierte Produktion. Tatsächlich brachte es Kotzebue im Laufe seines Lebens auf etwa 250 Stücke, zu denen nicht nur einige Romane kommen, sondern auch mehrbändige, auf Aktenstudien gestützte Geschichtswerke und etliche Pamphlete. Unter den streitbaren Dichtern einer an Literaturfehden reichen Zeit war Kotzebue einer der regsamsten; die Romantik war eines seiner liebsten Angriffsziele.

Das war konsequent. Schnell und wirkungssicher produzieren kann nur derjenige, der sich nicht als Originalgenie für jedes Werk eine ganz neue Ästhetik ausdenkt. Man braucht Handwerk, Routine sowie Wissen über das Publikum und das Theater. Bühnenkenntnis erschloss sich Kotzebue von Jugend an, von Nebenrollen in Laienaufführungen bis hin zu bestens dotierten Theaterdirektionen in Wien und St. Petersburg. Dabei zeigt sich eine ungeheure Arbeitsleistung.

Kenntnis des Publikums hat Kenntnis der Welt zur Voraussetzung. Schließlich braucht jedes Werk, über das sich zu reden lohnt, einen Inhalt und damit Stoff. Anders als die Romantiker, die sich in kleinen Literaturzirkeln gegenseitig versicherten, wie außerordentlich sie seien, lernte der 1761 geborene Kotzebue nach seiner Jugend in Weimar nicht nur als Jurastudent in Jena und Duisburg andere Städte kennen. Als Theaterautor erprobte er die Öffentlichkeit, mit vorerst zwiespältigem Ergebnis: So beliebt er in den Salons als angehender Künstler gewesen war, so unbeliebt wurde er, als die anderen Gäste sich in den Bühnenfiguren wiedererkannten.

In Weimar, wohin Kotzebue nach seinem Studium zurückgekehrt war, wurde er gesellschaftlich unmöglich. Eine Anstellung in St. Petersburg 1781, die der Beginn einer lebenslangen Verbindung mit Russland war, bedeutete die Lösung; und dass Kotzebue dort mit dem Deutschen Theater in Verbindung kam, für das er erste gültige Dramen schrieb, verhinderte, dass er eine unauffällige Beamtenlaufbahn einschlug.

1783 wurde er Assessor am Oberappellationsgericht im damals russischen Estland, wo er nicht nur sogleich eine Theatergruppe ins Leben rief, sondern in den Adel einheiratete, was der Beginn seines materiellen Aufstiegs war. Russland überhaupt, das Baltikum insbesondere, blieb für ihn ein Rückzugsort – auch wenn er immer wieder längere Zeit in Deutschland lebte und bald seine Anstellung aufgab.

Mehrfach war er wieder in Weimar – zuerst versuchte er, eine Verbindung zu den verehrten Klassikern Goethe und Schiller herzustellen, später war er, als die ihn öffentlich herabgesetzt hatten, deren Gegner. Dazu kommen Reisen nach Paris, die Theaterleitung in Wien, Theatergeschäfte in Berlin und 1800 eine fatale Reise in die russische Wahlheimat. Dort nämlich galten Dichter, französischer Umtriebe auf dem Kontinent wegen, als überhaupt verdächtig. Unerwartet fand sich Kotzebue in einer Kutsche nach Sibirien, wo er zwar mit dem Gouverneur von Tobolsk noch einen Kenner seiner Werke kennenlernte, aber sich dann ins damals winzige Kurgan und eine elende Hütte abgeschoben fand.

Ein Befehl des tyrannischen Zaren Paul I. befreite ihn nicht nur; der Zar machte ihn zum Theaterdirektor der deutschen Hoftruppe und befahl ihm, die Kunstwerke in seinem neuen Palast, dem Michailowschen Palais, zu beschreiben. Das war wenig zukunftsträchtig, insofern Paul I. vor der Publikation ermordet wurde. Doch behielt der Nachfolger, Alexander I., Kotzebue in seiner Gunst.

Auch war er weiterhin erfolgreicher Theaterdichter. Nur wenige seiner Stücke sind unmittelbar politisch. Sie sollten unterhalten, die Gefühle anrühren, damit natürlich ihrem Autor Ansehen und Geld einbringen; doch waren sie auch als sittliche Erziehung konzipiert. Die damaligen Fehler des Bürgertums, die teils noch die heutigen sind, wurden verlacht: Geldgier etwa, oder ein fixer Moralismus, der sich besonders gegen Frauen richtete. Kotzebue konnte Frauenfiguren schreiben, die selbstbewusster auftreten als manches Gretchen oder Käthchen heute bekannterer Dichter.

Dass am Ende alles ins gesellschaftlich Akzeptable zurückgebogen wird, ist Merkmal des Genres Komödie, dem die Mehrzahl der Stücke angehört. Das Publikum lacht, erkennt die eigenen Schwächen, bessert sich (sehr vielleicht). Die Gegensätze werden nicht zugespitzt, die Katastrophe der Tragödie bleibt aus.

Die Komödie ist die Theaterform des Reformismus. Sie hat in Zeiten Berechtigung, in denen eine grundlegende Umwälzung unmöglich ist (wie in Deutschland um 1800) oder zu etwas Schlechterem führen würde (wie in der DDR). Allerdings war Kotzebue nicht nur Dichter, sondern Vertreter des russischen Staates und damit Vertreter einer Macht, die fast durchgehend gegen Napoleon stand; also gegen jenen Mann, der das Maximum an damals möglichem Fortschritt in Deutschland durchsetzte. Hegel und Goethe unterstützten Napoleons durchaus eigennütziges Bemühen, in Deutschland, im Interesse des damals progressiven Bürgertums, vernünftige Staatlichkeit an die Stelle feudaler Stände zu setzen. Kotzebue dagegen wandte sich, meist vom sicheren Estland aus, seit 1808 gegen Napoleon.

Wenn er auch die Entwicklung der Geschichte verkannte, so konnte er doch auf Erscheinungen verweisen. Bürgerliche Herrschaft bedeutete schon um 1800 militärische Expansion, und dafür griff Napoleon bedenkenlos auf Kontingente zurück, die ihm die deutschen Vasallenstaaten zu stellen hatten. Als 1812 Napoleon Russland angriff, und als dann von 1813 an seine Vorherrschaft über Mitteleuropa zusammenbrach, da schien Kotzebue der Publizist des Tages. Im Rückblick aber wird deutlich, was ihn von jenen Schreibern trennte, die als Dichter des »Freiheitskrieges« in Erinnerung blieben. Wo ein Theodor Körner oder ein Ernst Moritz Arndt fanatisch das Deutsche preisen und in Vorstellungen von Tod und Vernichtung schwelgen, als gälte es 1945 Berlin zu verteidigen, da will Kotzebue den Hass begrenzen: »Ohne Erbitterung« sollten die Deutschen die Franzosen bekämpfen, ein Volk, »dessen Feinde wir ungern sind« und das seinerseits unter Napoleon leide. Friede und Freundschaft will er mit den Franzosen, und Feindschaft nur mit ihren »Tyrannen«, und auch mit denen nur, wenn sie »auch unsere Tyrannen bleiben wollen«.

Die Ausgangslage

Napoleon wurde besiegt, und zwar nicht durch einen völkischen Vernichtungskrieg, wie ihn neben Arndt und Körner oder dem Dichter Heinrich von Kleist auch der Wehrsportgruppenleiter Friedrich Ludwig Jahn erträumt hatte, sondern durch eine Koalition gegnerischer Staaten. Damit stellte sich die Frage nach einer Neuordnung Europas und als dessen Teil auch Deutschlands.

Ein Teil der nationalistischen Gegner Napoleons dachte zugleich bürgerlich-demokratisch. Diese Gruppe zielte auf eine deutsche Einigung, forderte zumindest für die deutschen Bundesstaaten eine Verfassung mit politischer Teilhabe für alle echten deutschen Männer. Ihr Begriff von Nation zielte auf Abgrenzung: Was heute für die AfD der Muslim ist, war für sie der Franzose. Insofern die meisten dieser Leute zugleich offene Antisemiten waren, sind sie rechts von der AfD anzusiedeln.

Manche der deutschen Fürsten hatten sich, sehr zögerlich, dieser Leute bedient, solange sie nützlich waren, die napoleonische Vorherrschaft zu beseitigen. So wirksam deren Schriften waren, so misstrauisch schauten die etablierten Herrscher auf das Gerede von Volksbewaffnung und Machtteilung. Nach Napoleons Waterloo von 1815 aber erwies sich, dass die Sache so schlimm nicht war. Die fanatischen Frankreich-Hasser wurden nur so lange gebraucht, wie es eine Bedrohung von außen gab. Mit der Stunde ihres Triumphs waren sie überflüssig.

So begann, was heute als »Restauration« bekannt ist und dennoch keine vorrevolutionären Zustände wiederherstellte. Die historisch notwendige Entfaltung der bürgerlich-kapitalistischen Produktion wurde gefördert, mit entsprechend modernisierten Staaten. Es gab politische Unterdrückung – doch steht auf der Habenseite dieses Regimes, dass es über Jahrzehnte keinen großen innereuropäischen Krieg gab, dass keine Regierung Nationalhass propagierte.

Unzufrieden war, verständlicherweise, die nationale Opposition, die sich um die Ergebnisse ihrer Bemühungen gebracht sah. In linker Geschichtsschreibung treten diese Leute oft als fortschrittlich auf, weil sie für Freiheit und gegen den Monarchismus waren; mit einer verschämten Seitenbemerkung wird dann eingestanden, es habe unter ihnen auch problematische Personen gegeben.

Interessant ist aber weniger, wogegen sie waren – ganz unterschiedliche Gruppen können denselben Gegner aus ganz unterschiedlichen Gründen mit teils denselben Argumenten angreifen. Doch Neonazis, die heute über deutsche Obdachlose jammern, sind nicht links. Man sollte sich also anschauen, wofür die Jahn und Arndt waren. Sie waren begeistert von germanischer Mythologie (oder was sie dafür hielten) und ebenso von christlicher Tugend. Sie wollten den Zwangsstaat abschaffen und ihm gleichzeitig alle Mittel in die Hand geben, die Tugend zu erzwingen. Sie forderten bürgerliche Freiheit und – gegen alle Tendenz des beginnenden Kapitalismus – eine Abschottung gegen das Ausland. Sie redeten von Freiheit, doch meinten sie die Freiheit der feudalen Stände. Sie forderten Gleichheit, wollten die aber nur auf völkischer Grundlage. Der Dichter Heinrich Heine, selbst in Deutschland ein Opfer der Zensur, erkannte 1825, von welcher Seite ihm die größere Gefahr drohte: dass nämlich beim Sieg der Jahnschen Partei »einige tausend jüdische Hälse, und just die besten«, abgeschnitten würden.

Peter Hacks hat diese äußerlich so widersprüchliche Bewegung 1988/89 in seiner Schrift »Ascher gegen Jahn. Ein Freiheitskrieg« durchleuchtet und die Staatsfeindschaft als gemeinsamen Nenner der Opposition ausgemacht. Wer heute mit der Bundesrepublik zu schaffen hat, mag ja Staatsfeindschaft sympathisch finden. Nur bedeutet, alle anderen Bedingungen unverändert gelassen, ein ohnmächtiger Staat eben kein Glück, sondern dass die Angelegenheiten von anderen Mächten geregelt werden.

1817 stand das Wartburgfest an; vorgeblich eine Feier zum 300jährigen Jubiläum von Martin Luthers Reformationsthesen und tatsächlich eine Erinnerung an Napoleons Niederlage bei der »Völkerschlacht« von Leipzig, die allerdings ein Kampf zwischen Staaten gewesen war. Es versammelten sich die Burschenschaften, die wichtigste Gruppierung der nationalen Opposition, die vor allem an den Universitäten stark war (der deutsche Nationalismus war bis über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus eine Angelegenheit fast ausschließlich des Bürgertums). Am letzten Tag des Wartburgfests übten sich die Burschenschaften in dem, was sie 1933 mit staatlicher Unterstützung in größerem Maßstab wiederholen konnten, nämlich einer Bücherverbrennung.

Diese Parallele hat auch gutwillige Betrachter stutzen lassen. Doch fragten auch sie nicht, welche Bücher verbrannt wurden. Dieser Mühe nun hat sich wiederum Hacks unterzogen und gefunden, dass unter den 27 Titeln vor allem Verfasser pronapoleonischer Literatur zu finden waren: Vertreter eines modernen bürgerlichen Rechtsstaats, was formale Rechtsgleichheit meint. Das ist blind gegenüber Klassenunterschieden, aber fortschrittlich gegenüber feudalen Ständeprivilegien.

Der Weg zum Mord

Doch auch ein Buch des Napoleon-Gegners Kotzebue wurde verbrannt, nämlich seine »Geschichte des Deutschen Reiches«. Weil er auf der Seite Russlands stand, nun also im feindlichen Lager? Weil es in seinen Stücken – »frivol«, hieß es später – Verständnis gibt für moralische Schwächen, er sich dem altgermanisch-christlichen Tugendterror entzog? Der Grund ist nicht bekannt. Sicher ist aber, dass auch sein späterer Mörder Carl Ludwig Sand am Wartburgfest teilnahm und sogar eine eigene Schrift, »Gründung einer allgemeinen freien Burschenschaft«, dort ohne viel Erfolg verteilte.

Sand, 1795 als Sohn eines bayrischen Juristen geboren, hatte früh als Musterschüler gegolten, der zum Lernen um vier Uhr morgens aufstand. Fleiß, Selbstdisziplin, zu diesem Zweck dauernde Selbstbeobachtung: Diese Züge haben Biographen auch in den Tagebüchern gefunden, die Sand seit 1813 führte. Für jede einzelne Stunde legt der junge Mann sich Rechenschaft ab, ob er sie auch genutzt habe, nach Höherem zu streben; jedes nicht ganz so frühe Aufstehen wird als peinliche Selbstanklage vermerkt, wie natürlich auch jeder Gedanke, der ihm als unmoralisch gilt. Hier mischen sich auf ungute Weise die nüchternen Tugenden von Fleiß und Wissensdurst mit einem schwärmerischen Streben nach Reinheit.

Dem kam als Fach die evangelische Theologie entgegen, die Sand ab 1814 in Tübingen und Erlangen, nach dem Wartburgfest 1817 dann in Jena studierte. Dort konnte er sich an einer starken burschenschaftlichen Bewegung beteiligen; als leidenschaftlicher Turner in der Gefolgschaft Jahns stellte er sogar einen Antrag bei dem zuständigen Minister von Goethe, es möge doch an der Universität Jena eine Turnhalle erbaut werden, um »wie die Alten, stark zu werden«. Goethe, Gegner burschenschaftlicher Umtriebe, lehnte ab. Was er noch nicht verhindern konnte, waren nationalistische Dozenten in Jena. Dort gab es den Philosophen Jakob Friedrich Fries, von dem Sand eine obskure Einheit von Andacht, Gefühl und Tat lernen konnte. Zu ihm stieß Karl Follen, der während seines Gießener Studiums als burschenschaftlicher Aktivist aufgefallen war. Schon 1816 hatte Follen als Gefolgsmann Jahns einen »Ehrenspiegel« der »Christlich-Teutschen Burschenschaft« entworfen, einer Gemeinschaft, die »durch Geschichte des Blutes, Glaubens, der Erziehung« bestehe, was Juden zielgerichtet ausschloss.

Die »gelebte, freudige Opferbereitschaft«, die Follen verlangte, musste auf einen Schwärmer wie Sand anziehend wirken: Mord und Selbstopfer würden jede moralische Anfechtung erledigen. Die Ideologen der Bewegung mussten gar nichts selber tun. Ohnehin hatten sie sich immer dort herausgehalten, wo es allzu hart herging. Kurz vor der Bücherverbrennung hatte Fries sich, angeblich weil er fror, vom Wartburgfest entfernt. Solch ein Zufall, dass danach die 27 Bücher zur Hand waren! Und auch Follen mochte sich nicht mehr erinnern, weshalb er Sand 20 Taler für die Reise nach Mannheim gegeben hatte.

Man hatte also den ausführenden moralistischen Trottel, aber das gab noch kein Ziel. Weshalb Kotzebue, weshalb kein Politiker? Tatsächlich galt Kotzebue als Politiker. Kurz nach dem Wartburgfest hatte er für die russische Regierung eine Denkschrift verfasst; der Jenaer Historiker Heinrich Luden – der auch den Burschenschaften nahestand, aber vorsichtiger als Fries und Follen agierte – war an den Text gekommen und hatte ihn in seiner Zeitschrift Nemesis veröffentlicht. Nun hielten Kotzebues Gegner ihn nicht nur für einen Verteidiger der bestehenden Ordnung (was er war), sondern für einen russischen Agenten. Es geht wohl nie in die Köpfe hinein, dass Spione kaum je die auffälligen Abweichler sind, sondern meist die äußerlich braven Mitläufer, die auf Posten streben, von denen aus sie effektiv arbeiten können.

Danach

Die Folgen waren absehbar trübe. Sand überlebte seine Verletzungen und beharrte darauf, als Einzeltäter gehandelt zu haben. Als er nach längerem Prozess zum Tode verurteilt wurde, war er zwar immer noch geschwächt. Doch ein Gerichtsarzt bescheinigte mit gewissem Humor, der Delinquent sei derart wiederhergestellt, dass er »seine Hinrichtung aushalten« könne. Am 20. Mai 1820 wurde Sand geköpft.

Anders als er es erträumt hatte, wurde seine Tat nicht zum Fanal für einen allgemeinen Freiheitskampf. Der marxistische Literaturhistoriker Franz Mehring erklärte, das Attentat sei »vom politischen Standpunkt aus (…) unsinnig wie jeder Mord, der in einer einzelnen Person ein ganzes System zu vernichten sucht«, gewesen. Das ist untertrieben. Zwar gab es – um eine Formulierung aus dem bundesdeutschen RAF-Umfeld aufzugreifen – eine »klammheimliche Freude« bei manchen Beobachtern. Auch Schwärmerei fehlte nicht: Holzsplitter von dem Schafott, auf dem Sand seinen Kopf ließ, sollen wie Reliquien gehandelt worden sein. Aber Sands Ansatz wurde von seinen Gesinnungskameraden nicht organisiert fortgesetzt.

Die Gegenseite allerdings handelte. Der Mord war nicht nur unsinnig, sondern er gab – wie individuelle Terrorakte meist – den Regierungen einen willkommenen Anlass, die Repression zu verschärfen. Der österreichische Staatskanzler Klemens Fürst von Metternich, der bereits im Dezember 1818 eine interne Denkschrift zur Lage an den Universitäten formuliert hatte, freute sich nun brieflich über den Anlass, den ihm »der vortreffliche Sand auf Kosten des armen Kotzebue« geliefert habe, und fragte sich, wie »die beste Parthie« aus ihr zu ziehen sei.

Er tat, was er konnte, und er konnte viel. Die »Karlsbader Beschlüsse« vom August 1819 verpflichteten die Einzelstaaten des Deutschen Bundes auf eine verschärfte Zensur, die Unterdrückung der Burschenschaften und eine genaue Aufsicht über die Universitäten. Die folgenden Maßnahmen trafen auch das engere Umfeld Sands. Der vorsichtige Fries wurde nur als Philosoph suspendiert, durfte aber als Physiker weiter unterrichten. Follen, dem eine direkte Beteiligung an dem Mord nicht nachzuweisen war, musste dennoch in die Schweiz und von dort in die USA fliehen, wo er 1840 starb. Der Kopf der Gruppe, Jahn, wurde zu fünf Jahren Haft verurteilt und durfte sich danach – bis zu seiner Rehabilitierung 1840 – in keiner Universitätsstadt mehr niederlassen.

Außer ihnen aber traf es eine Anzahl aufmerksamer Studenten und Professoren, die nur einmal einen Gedanken gedacht hatten, der nun verdächtig war; und es traf viele andere, die – dadurch gewarnt – eine Zeitlang ängstlich Gedanken vermieden, die vielleicht nicht einmal verdächtig gewesen wären. Zensur, auch wenn es für sie Gründe gibt, arbeitet selten genau.

Am Ende stand dennoch ein Unentschieden. Nach ein paar Jahren machte sich wieder bemerkbar, dass der Deutsche Bund aus 38 Einzelstaaten bestand, mit sehr unterschiedlichen Politiken, was Freiräume schaffte. Auf lange Sicht misslang der Karlsbader Schlag gegen die völkische Rechte. Das kann man historisch bedauern und muss mit dem Widerspruch leben, dass heute der Staat den Terror, den er geschehen lässt, gegen die Linke benutzt.

Kai Köhler schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 23./24. Februar über chinesisches Kino.

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