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Aus: Ausgabe vom 25.03.2019, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Hitler-Bildchen im Rucksack

Das nackte Leben: Luce d’Eramos naturalistische Innenschau »Der Umweg«
Von Ambros Waibel
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»Naturalistisches Erzählprogramm«: Luce d’Eramo (1946)

An einem Sonntag vor ein paar Wochen saß ich auf einem weißen und annehmbar sauberen Klo – es war ja auch mein eigenes – und las »Homo sacer: Die souveräne Macht und das nackte Leben« des italienischen Philosophen Giorgio Agamben. Gleichzeitig kündigte die Moderatorenstimme im Deutschlandfunk einen »Versuch über das Denken Carl Schmitts« an. Man wird das einen jener sogenannten Zufälle nennen können, die unsere Zeit sonst algorithmengesteuert zu bieten hat. Werden einem doch über die sozialen Werbeplattformen beunruhigend oft Waren angeboten, die auf einen kürzlichen Suchverlauf, manchmal auch auf Gespräche oder Gedanken verweisen.

Bleiben wir unparanoid und halten fest: Während ich über das nackte Leben – also eines, das straffrei getötet werden darf, etwa das des Flüchtlings – und über »Das Lager als nómos der Moderne« las, hörte ich mit halbem Ohr eine Sendung über den negativen Kronzeugen Agambens, Carl Schmitt. Genauso wichtig ist: Ich saß auf dem Klo, einem privaten, ja intimen Rückzugsort innerhalb des von der aktuellen Ordnung noch gerade so geschützten, »unverletzlichen« Refugiums Wohnung. Carl Schmitt erwischte mich sozusagen mit heruntergelassenen Hosen, in all meiner Privilegiertheit (wem das Wort zu sehr nach kritischer Weißseinsforschung klingt: Nach aktuellen Zahlen haben mehr als zwei Milliarden Menschen zu Hause keine Toilette).

Damit kommen wir nun zu einem Buch, das im letzten Jahr wiederaufgelegt wurde, dessen älteste Bestandteile bis in die fünfziger Jahre zurückreichen und das als Erfahrungsgrundlage das Lager hat, das nackte Leben und die Privilegien – und darunter eben nicht zuletzt jenes, in Ruhe scheißen zu dürfen. Luce d’Eramo (1925–2001) heißt die Autorin von »Der Umweg«, der in der Rekonstruktion ihrer Erlebnisse in Deutschland zwischen Februar 1944 und April 1945 kein körperliches Detail fremd ist – wenn sie etwa beschreibt, wie die durch die Mangelernährung von Blähungen geplagten Gefangenen sich zu Furzsalven verabreden, sobald ein Wärter den Haftraum betritt.

Das ist kein bizarres Detail, sondern Teil des naturalistischen Erzählprogramms d’Eramos, viel mehr aber des Bildungsprogramms, das die Autorin sich auferlegt hat: Nämlich alles, was ihre großbürgerliche, faschistenfreundliche, italienische Familie ihr als kulturelles Kapital mitgegeben hat abzuwerfen und sich dem Gestank, dem Fieber, dem Hunger, den Läusen, der Gewalt und Erniedrigung, kurz: dem Proletariat auszuliefern; und zwar freiwillig.

Diese Freiwilligkeit ist die unerhörte Begebenheit der Geschichte, der sich d’Eramo auf den Umwegen ihres Gedächtnisses angenähert und an der sie sich über die knapp dreißig Jahre Entstehungszeit ihres späteren Welterfolgs schamvoll und bewusstwerdend abgearbeitet hat. Eine 19jährige, die im intellektuell-idealistischen Bann des Faschismus steht; die dann immer mehr Gerüchte hört, wie Menschen in der selbsternannten Führernation des sogenannten Abendlandes herabgewürdigt und gemordet werden; und die schließlich mit Mussolini- und Hitler-Bildchen im Rucksack von zu Hause abhaut, um als Arbeiterin im IG-Farben-Werk in Frankfurt Hoechst die Realität des »Dritten Reiches« kennenzulernen, dann als Häftling in Dachau und schließlich auf einer Odyssee als Illegale durch den zusammenbrechenden Übermenschentraum.

Es gibt also viele Gründe, die Wiedervorlage dieses auf Deutsch erstmals 1981 erschienenen Buches zu bejubeln, das dem Leser keine schmierigen journalistischen »Bilder«, keine miesen »Überleitungen«, keine erfundenen »Protagonisten« zumutet, das ganz ohne die windigen Tricks der »Lesbarkeit« auskommt, sondern in nüchterner, angemessen übersetzter Sprache eine Operation am offenen Herzen vollzieht: an dem der Autorin, der Nazis, an dem aller Menschen, denen in den Lagern nichts als das nackte Leben geblieben ist – auch heute, auch jetzt, und nicht so weit entfernt, wie wir das uns in sauberen Badezimmern gerne weismachen wollen.