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Aus: Ausgabe vom 25.03.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Unternehmen

Airline im Sinkflug

Indiens größte private Fluggesellschaft »Jet Airways« steht vor dem Aus. Beschäftigte protestieren
Von Thomas Berger
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Nur noch »Schatten ihrer selbst«: Die Zahl der eingesetzten Jet-Airways-Flugzeuge schrumpft beinahe täglich

Nur 41 von 119 Maschinen, die »Jet Airways« bislang im Einsatz hatten, sind noch in Dienst. Inzwischen schrumpft die Zahl beinahe täglich, weil das Unternehmen nicht mehr in der Lage ist, die anfallenden Leasingraten für die Maschinen zu zahlen. Hinsichtlich der bedienten Verbindungen kommt Jet Airways damit nur noch auf 140 Flüge am Tag; 603 Inlands- und 382 internationale Flüge werden pro Woche noch bedient. All diese Zahlen unterstreichen: Die Airline, die einstmals der wichtigste Konkurrent der staatlichen »Air India« war und als Erfolgsstory des boomenden Luftfahrtsektors auf dem Subkontinent galt, ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Der Rückgang im Flugaufkommen im Vergleich zur Zeit vor der Krise beträgt beinahe 80 Prozent – einstmals waren, Inland und Langstrecke zusammengenommen, pro Woche 4.200 Flüge absolviert worden.

Nach den Piloten, die sich zu Wochenbeginn bereits mit einem Brief an den Arbeitsminister und die nationale Luftfahrtbehörde gewandt hatten, hat nunmehr das technische Personal nachgezogen. Denn gegenüber allen Beschäftigtengruppen ist das Unternehmen mit der Zahlung der Löhne und Gehälter seit Monaten im Rückstand. Die Ingenieure und sonstigen Wartungskräfte warten noch auf drei Monatseinkommen, regulär wurde zuletzt vor sieben Monaten ein ordentliches Gehalt ausbezahlt. Ähnlich sieht es bei den Piloten aus, die inzwischen den Druck auf die Chefetage verschärft haben und ankündigten, ab dem 1. April in den Streik treten zu wollen, sollten bis dahin ihre Forderungen nicht erfüllt sein.

Diese hatte die Gewerkschaft »National Aviation Guild« (NAG), die rund drei Viertel der Cockpitbesatzungen bei Jet Airways vertritt, in ihrem Brief an die Regierung untermauert. Schließlich hinkt die Fluggesellschaft mittlerweile sogar der eigenen Vereinbarung hinterher, die man in den ersten Dezembertagen mit der Pilotenvereinigung erzielt hatte. Diese sah vor, zumindest die Masse der ausstehenden Oktoberlöhne zu begleichen. Selbst das ist nun Makulatur. Die Beschäftigten stünden unter extremer Anspannung, wüssten kaum noch, wie sie Schulgebühren für ihre Kinder oder medizinische Ausgaben für pflegebedürftige Eltern bezahlen sollten, hieß es in den NAG-Schreiben. Dieser Stress könnte auch zu Lasten der Sicherheit gehen. Ähnlich sehen das die Techniker, die daran erinnerten, dass Jet-Flugzeuge bislang, und zwar seit mehr als 25 Jahren, zu den sichersten Indiens gehörten.

Unklar ist, wie lange die mit einer Milliarde Dollar Schulden belastete Airline ihre Gläubiger noch hinhalten kann. Mit dem Bankenkonsortium wird über eine Umschichtung der Kredite verhandelt, mit Fluggesellschaften wie »Etihad« und »Qatar« über einen möglichen Einstieg.

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