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Aus: Ausgabe vom 25.03.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Energiewirtschaft

Die neuen Erdgasfreunde

Durch Pipelineprojekt Eastmed finden Israel, Zypern und Griechenland zueinander. Türkei wird gezielt ausgeschlossen
Von Efthymis Angeloudis
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Heiterkeit in Jerusalem: Mike Pompeo, Außenminister der USA, Nikos Anastasiades, Präsident von Zypern, Benjamin Netanjahu, Ministerpräsident von Israel, und Alexis Tsipras, Ministerpräsident von Griechenland (v. l. n. r. 20.3.2019)

Es hätte ein Gipfeltreffen werden können wie jedes andere in der Region. Doch beim Treffen von Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu mit dem zyprischen Präsidenten Nikos Anastasiades und dem griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras am Mittwoch in Jerusalem blieb es nicht bei Phrasen über Sicherheit und Frieden. Die drei Staatschefs sprachen unter Beteiligung von US-Außenminister Michael Pompeo über das 2.100 Kilometer umfassende Eastern Mediterranean Pipeline Projekt (Eastmed), das ab 2025 Gas von Israels reichen Vorkommen im Mittelmeer nach Europa liefern soll. Die Pipeline soll sechs Milliarden Euro kosten und über Zypern und Kreta auf das griechische Festland und bis zur Adria führen.

Auch Erdgas aus Zypern soll mit der Pipeline transportiert werden. Ende Februar stieß Exxon Mobil auf den laut zyprischem Energieminister Giorgos Lakkotrypis, »größten Erdgasfund weltweit innerhalb der letzten drei Jahre«. Laut Handelsblatt umfasst dieses Vorkommen südwestlich der Insel 140 bis 220 Milliarden Kubikmeter Erdgas. Zuvor hatte man bereits in den benachbarten Erkundungsgebieten »Aphrodite« und »Calypso« zwei kleinere Gasfelder von geschätzt jeweils 110 Milliarden Kubikmetern gefunden. Mit dem neuen, bisher größten Fund unterstreiche Zypern seine Rolle als alternativer Energielieferant für die Europäische Union, sagte Lakkotrypis dem zyprischen Sender Sigma im Februar.

Türkische Hindernisse

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte bereits im November letzten Jahres gefordert, die Bohrungen südwestlich von Zypern einzustellen und Exxon und andere Unternehmen, die sich daran beteiligen als »Piraten« und »Seeräuber« bezeichnet. Bereits im Februar vergangenen Jahres hinderten türkische Kriegsschiffe das Bohrschiff »Saipem 12000« daran, ein Erkundungsgebiet zu erreichen. Dort sollte es im Auftrag des italienischen Energiekonzerns ENI nach Gas suchen. ENI zog sich daraufhin aus der Erdgasförderung vor Zypern zurück. Auch dieses Jahr provoziert die türkische Flotte mit Überschreitungen der zyprischen Hoheitszone.

Seit Mittwoch führt Ankara laut Berichten der griechischen Zeitung Ka­thimerini militärische Übungen in der »ausschließlichen Wirtschaftszone« Zyperns durch, dem Meeresgebiet, in dem nach Erdgasvorkommen gesucht wird. Das Datum der Übung wurde keineswegs zufällig gewählt. Es fällt auf den gleichen Tag wie das Gipfeltreffen der drei »Nachbarn«. Ziel dieses Manövers vor der Insel ist es, Nikosia das Recht abzusprechen, ohne Beteiligung des türkischen Nordteils nach Erdgas zu suchen – Zypern ist seit 1974 in einen von der Türkei besetzten und international isolierten Nord- und einen griechisch geprägten Südteil geteilt. Zyperntürken stellen etwa ein Fünftel der Inselbewohner. Alle Versuche, die Insel wiederzuvereinigen, wie zuletzt 2017 im schweizerischen Crans-Montana, scheiterten an Differenzen über territoriale Fragen, die Rolle der Türkei als Schutzmacht des wiedervereinigten Inselstaates und die Präsenz türkischer Soldaten auf der Insel.

Mit Washingtons Segen

Das Bündnis Israels mit Zypern und Griechenland hat sich erst in den vergangenen Jahren entwickelt, nachdem sich Israels Beziehungen mit dem früheren Bündnispartner Türkei verschlechtert hatten. Die Wende wird nun auch vom US-Außenminister abgesegnet. Bis zum Konflikt zwischen Washington und Ankara über die Zukunft der Kurden in Syrien und zur Kontroverse über die strategische Annäherung Erdogans an Russland und den Iran hatte Washington immer wieder versucht, den Streit zwischen Israel und der Türkei zu schlichten. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Pompeo wurde nicht nach Israel entsandt, um für die Normalisierung der türkisch-israelischen Beziehungen zu plädieren, sondern um die Unterstützung der USA für ein Pipelineprojekt zu verkünden, das die Türkei von der Vergabe der Gasfelder im südlichen Mittelmeerraum ausschließt.

Eine Reihe von strategischen Entscheidungen, wie eine gemeinsame griechisch-israelische Radarstation auf Kreta und ein französischer Marinestützpunkt auf Zypern deuten auf eine gezielte Isolation Ankaras im östlichen Mittelmeerraum hin. Frankreich schließt sich dieser »Blockade« an, um wirtschaftliche Interessen seiner Mineralöl- und Erdgasunternehmen zu sichern, die sich, wie die französische Total, an der Erdgasförderung auf dem zyprischen Erdgasfeld »Aphrodite« südlich der Insel beteiligen.

Allerdings sollten sich die Befürworter von Eastmed nicht zu früh freuen. Das Projekt ist nicht unmittelbar realisierbar. Die Höhe der Kosten und die Route der Pipeline sind noch nicht bekannt. Trotzdem vermag es noch vor seiner Umsetzung, alte Freundschaften zu zerstören, neue Bündnisse zu schmieden und die ohnehin angespannte Situation in der Region weiter eskalieren zu lassen.

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