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Aus: Ausgabe vom 22.03.2019, Seite 15 / Feminismus
Machistisches Wertesystem

Bedrohung für ganze Gesellschaft

OSZE-Studie über machistische Gewalt in acht südosteuropäischen Ländern
Von Carmela Negrete
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Demonstration zum Internationalen Frauentag in Kiew (8.3.2019)

Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hat die Gewalt gegen Frauen in Südosteuropa systematisch untersucht. Acht Staaten nahm die Organisation dabei unter die Lupe: Albanien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Nord-Mazedonien, Serbien, Republik Moldau, Ukraine und Kosovo. Die am 6. März veröffentlichte Studie »Wellbeing and Safety of Women« (Wohlergehen und Sicherheit von Frauen) fand in der deutschen Presse bisher kaum Beachtung. OSZE-Generalsekretär Thomas Greminger erklärte bei der Präsentation, dass »die Gewalt gegen Frauen und Kinder einen anhaltenden Bruch der Menschenrechte« bedeute. Die Ergebnisse seien beunruhigend. Berechnungen zufolge wurden 16 Millionen Frauen in der Region auf verschiedene Weise misshandelt, rund drei Millionen wurden verletzt oder gegen ihren Willen geschwängert.

Rund 70 Prozent der Frauen ab 15 Jahren sind demnach Opfer sexueller Gewalttaten geworden oder waren anderen Formen der Gewalt beziehungsweise Mobbing ausgesetzt. Greminger plädierte für eine Verbesserung der nationalen Gesetze. Die Gewalt gegen Frauen sei »eine Bedrohung für Frau und Gesellschaft«. Er betrachtet die Erhebung als »einen wichtigen Schritt zur Abschaffung der Gewalt gegen Frauen«. 31 Prozent der Missbrauchsfälle ereigneten sich in den vergangenen zwölf Monaten, in rund 23 Prozent der Fälle soll der Partner der Täter gewesen sein.

Für die Datenerhebung waren 1.500 Frauen im Frühjahr und im Sommer 2018 nach quantitativer wie qualitativer Methode befragt worden – es gab sowohl Fragebögen wie auch längere, tiefer gehende Interviews. Polizei und Justiz der jetzt untersuchten Länder scheinen so gut wie untätig zu sein, denn drei Viertel der betroffenen Frauen wissen nicht einmal, woher sie Hilfe bekommen können. Nur drei Prozent der Angegriffenen erstatteten Anzeige. Sechs von zehn Frauen gaben an, dass die Gewalt sehr häufig in ihrem direkten Umfeld stattfindet. In Albanien sagten das sogar 88 Prozent.

Ein höheres Risiko tragen Frauen, die in Armut leben sowie diejenigen, die von ihrem Partner wirtschaftlich abhängig sind, Mütter, jüngere Frauen und Angehörige gesellschaftlicher Minderheiten. Naheliegend scheint, dass Frauen, deren Männer Alkoholiker, erwerbslos oder beides sind oder in einem bewaffneten Konflikt gekämpft haben, zu Hause häufiger Gewalt erleben. Frauen mit höherem Bildungsniveau sind insbesondere Aggressionen von Männern ausgesetzt, die nicht ihre Partner sind. Als Erklärung wird angegeben, dass die Emanzipation dieser Frauen nicht in das traditionelle machistische Wertesystem passt. »In dieser Region herrscht noch immer die Vorstellung von der weiblichen Unterwerfung, vom ehelichen Gehorsam sowie dem Schweigen über Gewalt an Frauen und Mädchen«, heißt es in dem Bericht.

Selbst Frauen fehlt das Problembewusstsein: Beispielsweise gaben sich 55 Prozent der Befragten aus Moldawien überzeugt, häusliche Gewalt sei »eine private Angelegenheit«. Wenn in der aktuellen Studie zu lesen ist, dass rund 850.000 Männer ihre Partnerinnen vergewaltigt haben sollen, erinnert das an noch nicht lange vergangene Zeiten in der BRD, wo bis 1997 Vergewaltigung in der Ehe legal war.

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