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Aus: Ausgabe vom 23.03.2019, Seite 11 / Feuilleton
Gegenkultur

Der ungeheure Mut

Stoßbrigade Rot Front: Die neue Melodie & Rhythmus
Von Rafik Will
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Spiel mir das Lied vom Kriegshelden (Grafik aus dem Heft)

Print’s not dead. Nachdem das Magazin für Gegenkultur Melodie & Rhythmus durch eine beispiellose Crowdfunding-Kampagne gerettet worden war, wurde Ende Januar in der Berliner Kulturbrauerei gefeiert. Dort trat auch Liedermacherin Maike Rosa Vogel auf. Sie formulierte aus diesem Anlass ihre eigene, wunderbar stimmige Definition des Begriffs Gegenkultur: »Das, was gemacht werden muss. Und das ist wiederum im Moment total gegenläufig zu dem, was sonst passiert.« Dem kann man sich nur anschließen. Und in diesem Sinne muss auch die M & R gemacht werden. Unbedingt.

Seit Freitag ist Heft 2/2019 des nunmehr vierteljährlich erscheinenden Magazins erhältlich. Schwerpunktthema ist Kriegspropaganda. Erinnert wird an den Überfall der NATO auf Jugoslawien vor 20 Jahren, etwa mit beeindruckenden, aber nicht übermäßig auf Emotionalität setzenden Bildern des in Sarajevo geborenen Fotografen Nihad Nino Pusija, der im Interview seine antiheroischen Perspektiven erläutert.

Die Bundesregierung aus SPD und Grünen schwadronierte zur Rechtfertigung des Angriffskriegs damals noch von moralischer Verantwortung, heute sind solche Propagandalügen kaum noch nötig. Es darf wieder selbstverständlich fürs »Vaterland« gekämpft werden. Wirtschaftsinteressen gelten als hinlängliche Begründung für Militäreinsätze (Horst Köhler flog dafür 2010 noch aus Schloss Bellevue). In einem Artikel von Bastian Tebarth wird der Siegeszug des Machiavellismus in der deutschen Politikberatung anschaulich. Verbunden ist er mit revisionistischer Geschichtsforschung. »Man darf darauf wetten«, schreibt Tebarth, »dass in nicht allzu ferner Zukunft auch die ›Schuldfrage‹ des Zweiten Weltkriegs an den Universitäten ganz offiziell neu verhandelt wird.«

Mit der laufenden »Social Media«-Offensive der Bundeswehr beschäftigt sich ausführlich Michael Schulze von Glasser. Er bietet einen präzisen Überblick über die Vielzahl von gleichermaßen martialischen wie kriegsverharmlosenden Trash-Serien, die im Auftrag des Verteidigungsministeriums produziert werden, um junge Leute zur Armee zu locken.

Beklemmend auch eine Reportage aus der Gegend um Rio de Janeiro, die vermittelt, wie gering der Spielraum für Kulturschaffende unter der Bolsonaro-Regierung geworden ist. Rüber kommt auch der ungeheure Mut der porträtierten Künstlerinnen und Künstler, die sich nicht kleinkriegen lassen.

Sehr charmant an dem Heft ist das Understatement, mit dem echte Highlights präsentiert werden, etwa das in dezentem Beige gehaltene, informative und extrem spannend geschriebene Feature zum 100. Bauhaus-Jubiläum. Es ist eine Erinnerung an Hannes Meyer, der die Kunstschule von 1928 bis 1930 leitete. Unter anderem stieß sein hierarchiefreier Unterricht auf Gegenwehr. Gemeinsam mit Wassily Kandinsky erwirkte Walter Gropius – der Meyer als Leiter ans Bauhaus geholt hatte – die fristlose Entlassung des Kommunisten. Der reiste 1933 mit sieben Schülern des aufgelösten Bauhaus in die Sowjetunion. Dort stießen die Entwürfe der »Bauhaus-Stoßbrigade Rot Front« auf immer weniger Gegenliebe. 1936 emigrierte Meyer über die Schweiz nach Mexiko. Er starb 1954 in der DDR, ohne in ihr beruflich Fuß gefasst zu haben.

Neben solcherart historischen Ankerwürfen wird in der M & R viel heißes Zeug der Gegenwart verhandelt. In großen Interviews äußern sich die Sleaford Mods zu ihrem neuen Album »Eton Alive« (der Titel zeigt an, dass »wir immer noch von einer privilegierten Minderheit abgeschlachtet« werden), erläutern die Goldenen Zitronen den Ansatz ihrer Platte »More Than a Feeling« (»Erkenntnisgewinn, auch in die eigene Szene hinein«). Es gibt einen pointiert protokollierten Werkstattbesuch beim Maler Marc Gröszer mit imposanter Bildstrecke (hervorzuheben wäre die Doppelseite mit dem Bild »Fragen eines lesenden Arbeiters«), aber auch die kleineren Artikel, Interviews und Rezensionen haben es in sich. Wenn Franzobel im Fragebogen vorschlägt, gegen Kriegspropaganda »viel Yoga« zu machen und vegan zu essen, ist er einem direkt sympathisch. Und oft will man am liebsten sofort zu den vorgestellten Veranstaltungen, zu Kriegsfotografinnen-Ausstellung in Düsseldorf oder ins Berliner Ensemble, wo Laura Linnenbaum mit »Kriegsbeute« die Weißwaschung eines fiktiven Rüstungsbetriebs in Familienhand auf die Bühne bringt; oder in den Heimathafen Neukölln zur »Künstler-Konferenz« der M & R. Die findet aber erst am 8. Juni statt. Einige der großen Fragen, um die es dort gehen wird, sind im Heft formuliert: Wird linke Kunst in Zeiten übermächtiger Unterhaltungskonzerne nicht immer hermetisch ausgegrenzt oder durch Vermarktung entstellt? Oder: Welche subversive Kraft vermögen Satire und Humor unter den heutigen Verhältnissen noch zu entfalten? Freuen darf man sich jetzt schon mal, unter anderem auf den Teilnehmer Dietmar Dath, von dem auch zwei der klügsten Beiträge in der neuen M & R stammen. Einer ist eine Reaktion auf den Entwurf eines »Manifests für Gegenkultur« aus Heft 1/2019. An diesem wird weiter gearbeitet. Auch der »Work in progress«-Ansatz macht diese Zeitschrift einzigartig. Sie wird sich weiterentwickeln. Der Anteil der Frauen im Autorenteam und unter den vorgestellten Künstlern wird wachsen. Sie wird noch internationaler werden, noch jünger, ganz einfach, weil uns die Zukunft gehört. Wem denn sonst?

Melodie & Rhythmus, Heft 2/2019, 116 S., 6,90 Euro

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