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Aus: Ausgabe vom 22.03.2019, Seite 8 / Ansichten

Mediensau des Tages: Die »Stasi«

Von Arnold Schölzel
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Lockerbie, 22. Dezember 1988: Untersuchung von Wrackteilen der abgestürzten Boeing 747

Am Mittwoch schlagzeilte Bild: »Lockerbie-Attentat: Spur führt zur Stasi?«, am Donnerstag lief die Schöpfung durchs Mediendorf. Schottlands Generalstaatsanwältin Alison Di Rollo hat laut Bild »knapp 20 ehemalige Offiziere des MfS im Visier«. Neun schottische Staatsanwälte gingen »der Frage nach, ob Ostberliner Agenten aktiver Teil der Terrorverschwörung des libyschen Diktators Muammar Al-Ghaddafi waren, dem das Lockerbie-Attentat zugeschrieben wird.« Die Formulierung »zugeschrieben« ist für Bild-Maßstäbe skandalös, schließlich hat die Justiz Schottlands 2001 einen Libyer als Täter verurteilt. Der Prozess war allerdings von der Art, dass Juristen zahlreicher Länder Zweifel an Verfahren und Schuldspruch äußerten. Nun geht es laut Bild um die Frage, ob die Ostdeutschen den Zeitzünder der Lockerbie-Bombe – ein Schweizer Fabrikat – geliefert hätten.

Die Frage ist berechtigt, denn in Schottland fällt ein Sack mit Whisky-Gerste nur um, wenn die »Stasi« Hand angelegt hat. Das DDR-Ministerium war und ist der einzige Geheimdienst auf der Welt und lenkt Masernausbreitung, Angela Merkel und »Mad cow disease«, volkstümlich Rinderwahnsinn, der im Vereinigten Königreich schlimme Folgen hinterlassen hat.

Die investigativen Medien werden noch herausfinden, was hier schon mal Dank alter jW-Quellen angedeutet sei: Die »Stasi« war es, die am 3. Juli 1988 einen Airbus 300 der Iran Air auf dem Flug von Bandar Abbas nach Dubai über iranischen Territorialgewässern im Roten Meer abschoss und nicht der US-Raketenkreuzer »Vincennes«. Die USA haben sich nie für den Vorfall entschuldigt, sie ahnten, wer’ s war. Auf jeden Fall behaupten Kenner des Lockerbie-Verfahrens, dass das Attentat etwas mit diesem Abschuss zu tun hatte und der Verdacht erst auf Libyen gelenkt wurde, als die CIA der schottischen Polizei die Ermittlungen abnahm. Der Rest ist: »Stasi«.

Debatte

  • Beitrag von Reinhard Gottorf aus Heikendorf (23. März 2019 um 19:27 Uhr)
    Teil 2.

    Der US-amerikanische Forensiker Thomas Thurman präsentierte 1990 das Fragment eines Zeitschalters einer Schweizer Firma, der als Zünder nach Libyen geliefert worden sein soll. Dieses Fragment war aber braun und nicht grün. Vor Gericht stellte sich heraus, dass Beweise von ihm gefälscht worden sind und er wegen Fälschung von Beweismitteln in mindestens drei anderen spektakulären Kriminalfällen vom FBI gefeuert worden ist.

    Der britischen Forensiker Allen Feraday hatte vor dem Lockerbie-Gerichtshof ebenfalls erklärt, dass dieses Fragment Teil eines Zünders sei, der in der Bombe an Bord des Pan-Am-Fluges 103 verwendet wurde. In drei anderen Fällen, in denen er als Sachverständiger für elektronische Bauteile gehört wurde, wurde nach Einlassungen der jeweiligen Verteidigungen vom Lord Chief Justice erklärt, dass Mr. Feraday nicht erlaubt werden sollte, sich als Elektronikexperte zu bezeichnen.

    Ein pensionierter schottischer Polizeibeamter unterzeichnete eine Erklärung und bestätigte, dass das Beweismaterial, auf Grund dessen Al-Megrahi für schuldig befunden wurde, fingiert wurde. Der Polizeichef, dessen Identität bis heute noch nicht enthüllt wurde, bezeugte, »dass die CIA das für die Verurteilung des Libyers entscheidende winzige Fragment eines Schaltkreises eingeschmuggelt (›planted‹) hat«.

    Ein Mitarbeiter, der einst bei Mebo angestellte war, hatte in seiner eigenen Aussage im ersten Prozess sinngemäß angegeben, die Firma habe auch braune Platinen nach Libyen geliefert. Erst im Zuge der Einleitung des Beschwerdeverfahrens hat er diese Haltung in einer Erklärung widerrufen und überdies sogar den Hinweis gegeben, jener Zündschalter, aus dem dann ein Beweisstück wurde, sei einer von drei von ihm selbst hergestellten Prototypen gewesen, die er in unerlaubter Weise an eine offizielle Ermittlungsperson im »Lockerbie-Fall« am 22. Juni 1989 übergeben habe.

    Diese »Beweise« und noch Dutzende Weiter haben zum Ergebnis »Miscarriage of Justice« geführt.

    Weiter im 3. Teil
  • Beitrag von Reinhard Gottorf aus Heikendorf (23. März 2019 um 19:28 Uhr)
    Nun ja, es sollte ja eigentlich bekannt sein, dass das hier von Herrn Schölzel zitierte Drecksblatt zu den herausragenden, stets der Wahrhaftigkeit verpflichteten Elementen der bundesdeutschen Qualitätsmedien gehört. Was dieses Drecksblatt schreibt, hat soviel mit Wahrheit zu tun, wie Kuh mit Klavierspielen. Es reitet in diesem Beispiel einen toten Gaul.

    Fakt ist: In den Verfahren im Zusammenhang mit dem Bombenattentat aus die Pan-Am-Maschine am 21. Dezember 1988 über der schottischen Stadt Lockerbie wurde der lybische Staatsbürger Abdel Basset Ali El Megrahi zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Als Drahtzieher wurde der libysche Staatschef Ghaddafi beschuldigt. Nach einer Beschwerde gegen dieses Urteil wurde 2003 ein Beschwerdeverfahren von der Scottish Criminal Cases Review Commission SCCRC angenommen. Die nun eingeleiteten Untersuchungen liefen bis zum 28. Juni 2007. An diesem Tag wurde das Ergebnis dieser Untersuchung bekannt gegeben. Es lautete: »Miscarriage of Justice«. Zu gut deutsch: Fehlurteil!

    Eine zentrale Rolle bei den Prozessen gegen El Megrahi spielten Schaltelemente, die auch als Zeitzünder eingesetzt werden können. Sie wurden von der Schweizer Firma Mebo hergestellt. Diese Zünder wurden sowohl nach Libyen wie auch in die DDR, an das Institut für technische Untersuchungen, also an die Staatssicherheit, geliefert. Das wurde im Zusammenhang mit dem ersten Prozess auch von ehemaligen Mitarbeitern der Staatssicherheit der DDR bestätigt. Diese Schaltelemente hatten eine grüne Platine, das war auch im Prozess unstrittig und vom damaligen Gericht bestätigt worden.

    Aber, es geschehen halt Zeichen und Wunder, Monate nach dem Attentat wurde viele Meilen vom Tatort, in einer waldigen Gegend, ein etwa Daumennagel großes Fragment einer Platine in einer gezielten Suchaktion gefunden.

    Weiter im 2. Teil
  • Beitrag von Reinhard Gottorf aus Heikendorf (23. März 2019 um 19:29 Uhr)
    3. Teil

    Zehn Jahre nach dem Spruch der Scottish Criminal Cases Review Commission SCCRC kommt nun wohl wieder Leben in die Untersuchung des bisher immer noch nicht geklärten Fall »Lockerbie«. Sollte es zu einem Wiederaufnahmeverfahren kommen, müssen Zigtausende Beweisstücke wieder gesichtet und bewertet werden, 15.000 Zeugen in aller Welt wieder befragt werden. Darunter werden auch ehemalige Mitarbeiter der Staatssicherheit der DDR sein. So what?

    Vielleicht werden nun auch die Spuren verfolgt, die auch in die Bundesrepublik führen und einen Zusammenhang zwischen Lockerbie und dem Abschuss eines iranischen Airbusses durch die USA am 3. Juli 1988 über dem Persischen Golf herstellen.

    Aber wenn dem so wäre, in den deutschen Qualitätsmedien werden sie da nichts finden. El Megrahi ist tot, Ghaddafi ist tot, also warum weiter nachbohren? Die Köter bellen den Mond an, und die Karawane zieht weiter. Dem Deutschen Michel reicht es aus, wenn er vom »Angst-, Hass-, Titten- und dem Wetterbericht-Blatt« verarscht wird. Wahrheit? Wen interessiert schon die Wahrheit!

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Reinhard Gottorf: Stasi zieht immer Nun ja, es sollte ja eigentlich bekannt sein, dass das hier von Herrn Schölzel zitierte Drecksblatt zu den herausragenden, stets der Wahrhaftigkeit verpflichteten Elementen der bundesdeutschen Qualitä...

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