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Aus: Ausgabe vom 22.03.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Frankreich und die »Gelbwesten«

Hoffnung auf eine neue Welt

Einblicke in die französische Gelehrtendebatte über die »Gelbwesten«
Von Hansgeorg Hermann, Paris
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Demonstration der »Gelbwesten« in Paris im Dezember

Für den Pariser Gelehrten Bernard-Henri Lévy war die Sache von Beginn an klar: Die »Gelbwesten«, warnte er seine zahlreichen Jünger aus der Pariser Schickeria im Februar zum wiederholten Mal, seien »getrieben von trister, tödlicher und nihilistischer Leidenschaft« und »im Herzen antisemitisch«. Linke Intellektuelle, »die das alles mit dem Graben erklären, der sich zwischen dem Frankreich der Oberen und dem Frankreich der Unteren auftut«, seien zu bedauern und zu denunzieren. Der Mann, der auch im Winter mit weit geöffneter weißer Hemdbrust durch die besseren Viertel der französischen Hauptstadt eilt, findet dagegen die vom befreundeten Staatschef Emmanuel Macron angestoßene »große Debatte« ganz wunderbar.

Macrons Antwort auf den Protest aus der arbeitenden Mittelschicht sei »ein schöner Moment republikanischer Brüderlichkeit und Suche nach gemeinsamen Lösungen«. Lévy, der sich persönlich zu der Intellektuellengruppe der »Neuen Philosophen« rechnet und das von seinen Gegnern – mit einer gewissen Abscheu – auch bestätigt bekommt, ist ein echter Vertreter jener Gesellschaftsklasse, die ihre Verachtung für das lärmende, handgreifliche Volk der »Gelbwesten« nicht verbirgt. Eine wissenschaftliche Definition des von Macrons streng neoliberaler Sozialpolitik ausgelösten Protests, eine seriöse Analyse der Bewegung, ist von Lévy und den Seinen nicht zu erwarten.

Die lieferte einer seiner härtesten Widersacher im Pariser Philosophengetümmel – der linke, sprich kommunistische, Platoniker Alain Badiou. Der 1937 in Rabat/Marokko geborene Sohn bürgerlicher Eltern schickte der Tageszeitung Le Monde am 10. März einen Text zu den »Gelbwesten« und deren etwaiger Revolutionsfähigkeit. Die Redaktion begutachtete die vier Seiten einige Tage und lehnte den Abdruck – wegen vermeintlich »antisemitischer« Passagen – ab. »Antisemitisch« schien den Le Monde-Journalisten vor allem Badious mit schneidender Schärfe vorgetragene Kritik an den »Neuen Philosophen«.

Badiou schreibt: »Es gibt in Frankreich ein hohes Maß an Unzufriedenheit derjenigen, die man dem arbeitenden Teil der Bevölkerung zurechnen kann; sie stammen mehrheitlich aus der Provinz, müssen mit bescheidenem Einkommen leben und kommen aus der Mittelschicht. Die Bewegung der Gelbwesten ist signifikanter Ausdruck dieser Unzufriedenheit, die sich in Form aktiver, heftiger Revolte ausdrückt.« Die »geschichtlich-wirtschaftlichen Gründe des Aufstands« sind für Badiou »völlig klar«: Ausgelöst hätten ihn »die Rückkehr zu den Scheußlichkeiten des Kapitalismus des 19. Jahrhunderts«, die für ihn als »Konterrevolution und Reaktion auf die zehn ›roten Jahre‹ – grosso modo zwischen 1965 und 1975« daherkam und »deren französisches Epizentrum der Mai 68 war«. Badiou: »Die französische Bourgeoisie ist der Konterrevolution gefolgt, sie war, im Rahmen der Machenschaften der ›Neuen Philosophen‹, sogar deren intellektueller und ideologischer Kopf. Viele Intellektuelle (…) wachten darüber, dass der Kommunismus überall gehetzt wurde, nicht nur als falsche, sondern als kriminelle Lehre, unter Gebrauch unverfänglicher Begriffe wie ›Freiheit‹, ›Demokratie‹ oder ›unsere Republik‹.«

Die Zukunft der »Gelbwesten« scheint dem Philosophen düster: »Die Wahrheit ist, dass sie bisher nicht einmal den Beginn eines realen Antagonismus konstituiert haben, den Beginn eines neuen, universell zu fassenden Weges mit Blick auf den Kapitalismus der Gegenwart. Wieder eine dieser Bewegungen, deren Einheit strikt negativ ist oder zusammenbrechen wird und die oft eine Situation erzeugt, die schlimmer ist als jene, die ursprünglich herrschte (…) Das Beste an den Gelbwesten sind (daher) die Aktivisten, die sich eine neue Welt erhoffen.«

Debatte

  • Beitrag von Rudolf Juengermann aus Gelsenkirchen (22. März 2019 um 22:18 Uhr)
    Die in der jW zitierte düstere Analyse der Bewegung der »Gelbwesten« durch Alain Badiou: »Wieder eine dieser Bewegungen, deren Einheit strikt negativ ist oder zusammenbrechen wird und die oft eine Situation erzeugt, die schlimmer ist als jene, die ursprünglich herrschte«, sollte ergänzt und erweitert werden durch die kenntnisreiche, detaillierte und differenzierte Analyse, die kürzlich in der Zeitschrift Theorie und Praxis erschien, einsehbar unter: https://theoriepraxis.wordpress.com/2019/02/23/gelbe-westen/
    Dort heißt es u.a.: »Die Teilnehmer der Gelben-Westen-Bewegung kommen also zu 75 Prozent aus der Arbeiterklasse und zu 25 Prozent aus kleinbürgerlichen Schichten, die in den Kreis der unteren Einkommen abrutschen. Viele Verschlechterungen aufgrund der Arbeitsgesetze, gegen die die Gewerkschaften bisher ergebnislos kämpften, werden erst im Laufe des Jahres zum Tragen kommen: Kürzungen von Zuschüssen zu Urlaub, Fahrgeld, Mittagessen und Miete. Das betrifft auch Erhöhungen der schon genannten Solidarbeitragssteuer für Rentner und Werktätige, die an Stelle des Sozialversicherungsbeitrags trat. Sie bewirkt den Übergang zu immer mehr Privatversicherungen und damit erhebliche Mehrausgaben für Kranke und Kinder.
    Es sammelt sich weiter Protestpotential an.«

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