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Aus: Ausgabe vom 21.03.2019, Seite 8 / Ansichten

Gelobte des Tages: Masha Gessen

Von Reinhard Lauterbach
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Preisträgerin Masha Gessen

Auszeichnungen und Preise sind das, was die Kultur zum Kulturbetrieb macht: Sie machen dem Publikum deutlich, was die Preisverleiher für auszeichnungswürdig halten, und ersparen ihm so das eigene Urteil.

Am Mittwoch ging der Preis der Leipziger Buchmesse an die russisch-US-amerikanische Autorin Masha Gessen. Sie erhielt ihn für ihr Werk »Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und verlor«. Im Original war der Untertitel übrigens deutlicher und lautete »How Totalitarianism reclaimed Russia« (Wie sich der Totalitarismus Russland zurückholte). Da weiß man doch gleich, woran man ist: Die Geschichte von vier jungen Liberalen, die in den 1990ern Zeit und Geld genug hatten, auf »Freiheit« zu hoffen, während die Mehrheit ihrer Landsleute mit dem Überleben beschäftigt war. Der weiß Gott keiner sozialistischen Einstellung verdächtige US-Autor Paul Klebnikov hat die These vertreten, dass damals nur der verbreitete Zugriff auf Schrebergärten und selbstgezogene Kartoffeln eine Hungerkatastrophe in Russland vermieden habe. So nimmt halt jeder seine Welt wahr: die Reichen die »Freiheit«, die anderen die Not. Ausgezeichnet wird ein Machwerk, das in der FAZ selbst der Kommunistenfresser Jörg Baberowski verrissen hat – die Autorin mache es sich wohl »etwas zu einfach«.

Der Preis der Frankfurter Buchmesse trägt immer noch den Namen »Friedenspreis«. Leipzig konkurriert mit Frankfurt am Main. Sein Buchpreis soll der »europäischen Verständigung« dienen. Eben. Verständigen kann man sich auch auf einen gemeinsamen Gegner.

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