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Aus: Ausgabe vom 21.03.2019, Seite 8 / Ansichten

Krieg nicht vorbei

Sieg über den IS
Von Peter Schaber
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Ein Kämpfer der Syrischen Demokratischen Kräfte in Baghouz (17. März)

Die letzte Enklave des »Islamischen Staats« in Syrien ist gefallen. Kämpfer der mehrheitlich kurdischen Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG/YPJ sowie der Syrisch-Demokratischen Kräfte (SDK) verkündeten am Dienstag abend, dass die Stellungen der Dschihadisten bei Baghus eingenommen wurden. Tausende islamistische Milizionäre haben sich ergeben, Hunderte wurden getötet. Der Sieg der an das rätedemokratische Projekt im Norden Syriens angebundenen Militäreinheiten über den noch vor wenigen Jahren ein riesiges Territorium kontrollierenden IS ist ohne Zweifel ein Grund zur Freude: Eine revolutionäre Bewegung, die während der Schlacht um Kobani vielen schon verloren schien, kam in die Gegenoffensive und gewann. Sie setzte sich nicht nur militärisch durch, sondern baute da, wo sie den IS verdrängte, auch neue gesellschaftliche Institutionen auf. Sie führte einen politisch-militärischen Kampf – und sie führte ihn erfolgreich. Jubel ist da sicherlich angebracht.

Der Moment des Feierns und des Gedenkens an die Gefallenen wird aber nicht lang anhalten. Verschnaufpausen gibt es keine in dieser vom Imperialismus zerrissenen Region. Denn mit dem Ende des Islamischen Staats ist keineswegs der Krieg um die Vorherrschaft im Mittleren Osten vorüber. Die Türkei, die USA, Deutschland, Russland und der Iran – um nur einige der Spieler auf dem Schachbrett Mesopotamiens zu nennen – lauern auf ihre Chance. Welche Allianzen sich nun bilden, wer mit wem gegen wen zu Felde zieht, wird die entscheidende Frage der kommenden Wochen sein.

Gerade Ankara diente der Islamische Staat als nützliches Werkzeug zur Durchsetzung der eigenen Interessen. Dieses hat sie zwar nun verloren, aber die Erdogan-Diktatur wird nach Mitteln und Wegen suchen, um ihr wichtigstes Projekt – die Vernichtung des Selbstbestimmungswillens der Kurden – durchzusetzen. In jenem türkisch besetzten Gebiet zwischen Afrin, Dscharabulus und Al-Bab päppelt der türkische Faschismus schon jetzt den kommenden Islamischen Staat hoch. Ehemalige IS-Kämpfer und Dschihadisten unterschiedlichster Fraktionen sammeln sich dort unter dem Label der »Freien Syrischen Armee« erneut. Geschützt werden sie von Ankara – und indirekt von der Bundesregierung. Denn diese gibt Erdogan nicht nur diplomatische Rückendeckung, sie verfolgt auch die Exilopposition und Internationalisten in Deutschland. Und sie stellt einen nicht geringen Teil jenes Arsenals moderner Waffen, mit dem sich die Wiedergänger des IS im Norden Syriens halten können. Wenn also in den kommenden Tagen gefeiert wird, sollte nicht vergessen werden: Solange diejenigen, die vom Krieg im Mittleren Osten profitieren und ihn schüren, nicht geschlagen sind, bleibt auch der Sieg gegen den Islamischen Staat ein vorläufiger Erfolg.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Hacki Münder: Perfide Gleichstellung 1. Die Zusammenarbeit der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDK) mit dem US-Imperialismus (»Gewittersturm Cizire«) als Teil eines Trump-Öcalan-Paktes zu bezeichnen, würde einen Aufschrei hervorrufen. D...

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