Gegründet 1947 Sa. / So., 20. / 21. April 2019, Nr. 93
Die junge Welt wird von 2181 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 20.03.2019, Seite 11 / Feuilleton
Jugoslawienkrieg

»Dieser Angriff wird kommen«: Chronik eines Überfalls (4), 20.3.1999

Von Rüdiger Göbel
RTRN0VO.jpg
»Eine einzige Inszenierung«: Kosovo-Albaner am 18. März 1999 bei der Unterzeichnung eines »internationalen Friedensplans« in Paris – Vertreter Jugoslawiens waren nicht zugegen

Die als »humanitäre Intervention« verbrämte Aggression der NATO gegen Jugoslawien vor 20 Jahren legte auch das Völkerrecht in Trümmer. Es waren SPD und Grüne, die deutsche Soldaten in den ersten Angriffskrieg seit 1945 schickten. jW erinnert in einem Tagebuch an Folgen und Verantwortliche, Fake News und Hetze, vor allem aber an die Kriegsgegner jener Zeitenwende. (jW)

USA und BRD fordern ihre Staatsbürger auf, Jugoslawien zu verlassen; die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) beginnt, ihre Beobachter aus dem Kosovo abzuziehen – die Vorbereitungen für NATO-Luftangriffe laufen.

***

Zoran Jeremic, Botschafter der Bundesrepublik Jugoslawien in Bonn, ist ein Diplomat der alten Schule: politisch klar, integer, weitblickend. Im Interview mit jW vom 20. März legt er dar, warum sein Land den »Friedensplan« der sogenannten Balkan-Kontaktgruppe nicht unterzeichnen könne: »Zunächst einmal handelt es sich nicht um ein Abkommen, sondern um ein Diktat, das die USA mit den Albanern ausgearbeitet haben. Es (…) verstößt gegen das Prinzip der territorialen Integrität und Souveränität Jugoslawiens. Zudem beinhaltet es nicht die Gleichberechtigung aller ethnischen Gruppen, die im Kosovo leben, sondern es favorisiert die albanische Bevölkerungsgruppe. Es macht auf eine nationalistische Art und Weise aus einer multikulturellen, multiethnischen und multireligiösen Gesellschaft eine Dominanz der Albaner. In Kosovo leben 250.000 Serben, 150.000 Moslems, 150.000 Roma, dann Türken, Ägypter und andere. Sie alle fühlen sich nicht als Albaner.« Bei den Verhandlungen haben diese Minderheiten des Kosovo keine Stimme, nach dem NATO-Krieg werden nahezu alle Nicht-Albaner aus dem neu errichteten Protektorat vertrieben.

Jeremic zufolge sind die laufenden Verhandlungen in Paris eine einzige Inszenierung, so gebe es keine direkten Gespräche zwischen den Vertretern Belgrads und der Kosovo-Albaner. »Die Albaner haben das abgelehnt, und die Amerikaner haben sie darin unterstützt. Auch in Rambouillet gab es während der zwei Wochen keine direkte Zusammenkunft, von der 20minütigen Fernsehshow, als Frau Albright kam, einmal abgesehen. (…) Im Prinzip haben wir mit den Amerikanern verhandelt, nicht mit den Albanern.«

Es sei absurd, wenn das US-Außenministerium behaupte, sein Land bereite sich auf einen Krieg gegen die NATO vor und dabei auf Truppenverlegungen im Kosovo verwiesen werde. »Das ist blanker Hohn. Niemand spricht davon, dass die USA und die NATO ihre Kriegsmaschinerie – Panzer, Flugzeuge und Zehntausende Soldaten – in unsere Nachbarländer verlegen mit dem klaren Ziel, Jugoslawien anzugreifen. Dieser Angriff wird kommen. In dieser Situation zu sagen, wir würden den Krieg vorbereiten, wenn wir Vorsichtsmaßnahmen treffen, ist doch nichts anderes als Zynismus.«

Jermic möchte aber ausdrücklich betonen: »Wir sind bereit. Jugoslawien bereitet sich auf seine Verteidigung vor. Egal wer uns angreift, es ist eine Aggression. Wir werden diese Aggression bekämpfen, mit allem, was wir haben.« Auf die Frage, ob die Tage bis zum Kriegsbeginn gezählt sind, sagt Belgrads Botschafter: »Das hängt nicht von uns ab, sondern von den Plänen der NATO.« Diese wolle sich »zum 50. Geburtstag ein Geschenk machen: das Recht auf eine weltweite Militärintervention. Dafür werden wir Kosovo aber nicht opfern.«

***

Werner Pirker kommentiert am selben Tag in gewohnter Schärfe die Unterschrift der Kosovo-Albaner unter den »Betrug von Paris«: »Was ihr die Westmächte gutheißen, hat die kosovo-albanische Führung getan. Sie hat den Freibrief zum Krieg gegen Jugoslawien unterschrieben. Nichts anderes war ihr Ziel. Sollten die verkrachten Existenzen mit oder ohne Diplom der Universität von Pristina tatsächlich glauben, sie hätten die ›internationale Gemeinschaft‹ für ihre großalbanischen Ziele gewonnen, haben sie sich getäuscht. Sie sind nur die Marionetten in einem imperialistischen Powerplay für eine globale Neuordnung, welche die rassistische Unterscheidung in Herren- und Herdenvölker zur offiziellen Norm erheben soll. Und dass den Herrenmenschen zu den Albanern etwas anderes einfällt als Hammelherde, mag bezweifelt werden.«

Pirker mahnt, das »Pariser Abkommen« hinter dem Rücken eines souveränen Staates beende die Nachkriegsordnung in Europa. »Der erste Krieg zwischen Staaten seit 1945 träfe ausgerechnet das Land, das durch die Jahrhunderte einen hohen Blutzoll für seine Unabhängigkeit zu entrichten hatte (…). ›Bolje grob, nego rob‹ – Lieber das Grab als die Knechtschaft. So empfingen die Partisanen die faschistische Wehrmacht. Serbien darf nicht sterbien.«

Teil 5 am Freitag: Kritik am Rambouillet-Plan – Bombenstimmung auf dem Balkan

In der Serie Krieg gegen Jugoslawien:

Krieg gegen Jugoslawien

Anlässlich des Überfalls auf die Bundesrepublik Jugoslawien vor 20 Jahren erinnert junge Welt an die »humanitäre Intervention« der NATO von 1999.

Ähnliche:

Mehr aus: Feuilleton