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Biosphärisches

Von Helmut Höge
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Jetzt habe ich es endlich verstanden. Der »Lamarckist« Peter Berz, der sich in den letzten Jahren mit Bakterien beschäftigt hat, hielt kürzlich im Hinterzimmer des Kreuzberger Restaurants »Nest« einen Vortrag mit Lichtbildern. Das letzte zeigte den Augustusbrunnen in Augsburg, wo Berz herkommt.

Sein Vortrag handelte von der Biosphäre, beginnend mit Heideggers Technikkritik, Hölderlins Donau-Hymne, Margulis’ Symbiosetheorien und Latours terrestrischem Manifest. Das hatten wir in etwa erwartet. Über die Begriffe »Lichtung, Landschaft und Hüten, Wahren, Schonen« kam er schließlich zu der entscheidenden Klärung des »Göttlichen« und des »Sterblichen«. Unterdes war klargeworden, der Hüter hat eine Herde, die er beschützen will – u. a. gegen Wölfe. Ähnliches gilt auch für den Acker des Bauern: Hier sind die Wölfe z. B. der Maiszünsler, weswegen Berz sich ausführlich dem zum Schutz gegen diese und weitere Schädlinge genetisch veränderten Mais von Monsanto/Bayer widmete.

Während der judäochristliche Hirtengott eine Herde hat, haben die heidnischen Götter einen Raum, sie sind lokal. Im alten Griechenland ebenso wie im heutigen Indien. Die Sterblichen, das sind natürlich wir – Tiere und Pflanzen und Pilze, aber das Territorium bleibt. Und damit die alten Götter. Peter Berz war an der Humboldt-Universität Assistent des eigensinnigen Medienwissenschaftlers Friedrich Kittler, der u. a. ein Buch mit dem Titel »Das Nahen der Götter vorbereiten« (2011) veröffentlichte. Es geht um Flüsse, um ihr Biotop – und, wie der Titel des Vortrags andeutete: um die Biosphäre. Ums Ganze also. Und die von Kittler eingeforderte Vorbereitung auf die Götter heißt für Berz heute, glaube ich, dass man sich strebend bemüht, den Fluss z. B. zu verstehen: das komplexe Zusammenwirken von Gletscherschmelze, Klima, Boden, Wassertieren, Stickstoffeintragungen, menschlicher Nutzung und Vernutzung etc. Und indem man ihn »renaturiert«, ist auch der Flussgott als Subjekt wieder da.

Der Augustusbrunnen zeigt den römischen Kaiser auf einer Säule, die aus dem Wasserbecken aufragt. Drumherum sitzen am Rand halbnackte Frauen und Männer, welche die vier Flüsse von Augsburg symbolisieren, es sind die Flussgötter Lech, Singold, Wertach und Brunnenbach. Der Lech hat einen Kranz aus Fichtenzapfen, ein Wolfsfell und ein Ruder; die Singold eine Ährenkrone aus Dinkel, die Wertach ein Fischernetz mit Fisch und der Brunnenbach ein Füllhorn mit Gartenfrüchten. Es geht nicht darum, diese Flüsse als Götter bzw. Göttinnen anzubeten, und auch nicht, ihnen zu Ehren Rituale zu vollziehen – außer die im Wissensbetrieb üblichen (das Einfühlungsvermögen vergrößern, den Stand der Forschung eruieren, das Interesse wachhalten, an Exkursionen teilnehmen, sich nasse Füße holen … Es handelt sich schließlich um eine Gewässerkunde).

Im heidnischen Denken ist ein Objekt ein unvollständig interpretiertes Subjekt und im europäischen Denken ist ein Subjekt ein ungenügend analysiertes Objekt. Das gilt auch für Flüsse. Hier sei nur an die vielleicht kleinste limnologische Forschungsstation der Max-Planck-Gesellschaft im hessischen Schlitz erinnert. Dort wird seit den 50er Jahren der kaum einen Meter breite und vier Kilometer lange Breitenbach ganzheitlich (ökologisch) erforscht, in allen Aspekten und Wechselwirkungen: die Umgebung, das Wasser, die Temperatur, Pflanzen, Pilze und Tiere, Mikroorganismen zu verschiedenen Tageszeiten, die Strömung zu verschiedenen Jahreszeiten usw. Er ist wahrscheinlich das weltweit am gründlichsten untersuchte Fließgewässer. Der Stationsgründer Joachim Illies interessierte sich vor allem für Süßwasserinsekten, und mit den Jahren kam er dem dortigen Flussgott immer näher, wobei er den reduktionistischen Neodarwinismus überwand und von der Evolution zum »Religiösen« gelangte. Da wollen wir nun aber gerade nicht hin.

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