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Aus: Ausgabe vom 23.03.2019, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage
20 Jahre NATO-Krieg

»Es war Teil des Programms«

Die NATO hatte die Zerstörung von Chemieanlagen und Umwelt in Serbien geplant. Ein Gespräch mit Ursula Stephan
Von Hartmut Sommerschuh
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18. April 1999: Nach Bombardierung der Chemiefabrik in Pancevo durch die NATO zieht eine Rauchwolke über die Millionenstadt Belgrad. An diesem Tag zerstörte die Wertegemeinschaft auch Raffinerien und Chemiewerke in Belgrad, Uzice und Novi Sad

Sie waren 1999 Vorsitzende der deutschen Störfallkommission, die seit 2005 Kommission für Anlagensicherheit, KAS, heißt und die Bundesregierung berät. Wie setzt sich das Gremium zusammen?

Das sind Wissenschaftler von Universitäten, vor allem Leute, die etwas von Brand- und Explosionsschutz verstehen, von Wärmeübertragung und ähnlichen Dingen. Vertreten sind aber auch die Gewerkschaften, die chemische Industrie, Umweltverbände, Nachbarschaftsgruppen und die Oberbehörden, also das Umweltbundesamt und auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.

Sie haben mal im Scherz gesagt, die deutschen Störfallgesetze seien so gut, dass schon reagiert werde, wenn irgendwo eine Farbbüchse umkippt. Und dann 1999 die Angriffe auf die serbische Chemieindustrie?

Ich kann das damalige Verhalten des Bundestages und der Abgeordneten nicht verstehen, das hätte man nicht machen dürfen. Wenn ich Chemikalien freisetze, muss ich immer wissen, was ich tue. Die Eigenschaften der Chemikalien sind bekannt, und es gibt ja auch Störfälle und das Handbuch dazu. Auch die USA haben phantastische Publikationen darüber. Es war nicht so, dass die Abgeordneten nichts hatten, abgesehen davon, dass sie sich nochmal hätten erkundigen können. Es sind auch ethische Fragen, die da eine Rolle spielten.

Sie sind nach dem Krieg gebeten worden, nach Serbien zu fahren. Das haben Sie gemacht und nicht geschwiegen wie andere Wissenschaftler. Warum?

Ich bin damals vom World Wide Fund for Nature, WWF, gefragt worden, ob ich Interesse habe, ihn zu beraten. Es hat mich außerdem fachlich interessiert. Ich denke auch, dass es unserer Verantwortung als Wissenschaftler entspricht, nicht zu kneifen, sondern sich der Aufgabe zu stellen, wenn man die Zeit hat und das machen kann. Ich war betroffen und traurig, dass so etwas überhaupt möglich ist. Weil wir hier in Deutschland eben diese strengen Regelungen haben. Hier bemachen wir uns manchmal wegen nichts, nehmen dort aber billigend in Kauf, dass viele Menschen daran gestorben sind oder Schaden genommen haben.

Warum haben Sie in Ihrem Gutachten für den WWF von einem »exzeptionellen Störfall«, ja von einem Super-GAU gesprochen?

Das ist der Störfall, auf den man sich nicht vorbereiten kann. Wir haben ja in der chemischen Industrie Störfallszenarien, auch die US-Amerikaner haben ausgefeilte. Da überlegen wir uns, was wir machen und was passieren kann. Was ist das Schlimmste, wenn ein Behälter bricht, wenn Rohre brechen? In diesen Szenarien wird z. B. berechnet, wie weit die Auswirkungen reichen, wenn die und die Mengen freigesetzt werden. Kann das Dorf betroffen sein? Die Nachbarschaft? Oder ich habe zwei Sicherheitssysteme, und beide versagen zufällig. Das ist dann der »Dennoch-Störfall«. Aber der »exzeptionelle Störfall«, das ist einer, der Terroristen vorbehalten ist oder bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Jugoslawien war so etwas, hier wurde bombardiert, hier wurde nicht gefragt.

Wenn man das, was mit den serbischen Chemiebetrieben gemacht wurde, auf Deutschland überträgt, welchen großen Betrieb müsste man hier bombardieren, um ein vergleichbares Ausmaß zu haben?

Das wären hier Leuna und Bitterfeld, das mitteldeutsche Chemiedreieck im weitesten Sinne. Oder in Westdeutschland die BASF in Ludwigshafen oder Bayer in Leverkusen. Das sind Großbetriebe, für die Sie große Bombenlasten benötigen.

Ein wichtiges Gutachten erstellte das Umweltprogramm der UNO, UNEP. Da stand als wichtiger Satz: »Die Hauptlast der Schäden lag vor dem Konflikt.« Was sagen Sie dazu?

Ich finde, das ist eine eigenartige Äußerung. Wenn ich ein paar tausend Tonnen, viele tausend Tonnen Öl freisetze, wenn diese Öle auch noch brennen, wodurch ich eine deutliche Rauchbelastung habe – die war noch sichtbar, als wir nach Pancevo kamen, da war eine ganze Allee geschädigt –, wenn ich ein Stickstoffwerk bombardiere, das Düngemittel produziert, dann kann ich nicht mehr bei den Chemikalien, die anschließend dort herumliegen, von Altlasten sprechen. Gerade dieses Werk war kurz vor dem Krieg durch eine Schweizer Firma zertifiziert worden, ich habe die Urkunden dort selbst hängen sehen. Aber wir haben auch die zerstörten Chemieanlagen gesehen.

Welcher von den ausgetretenen Stoffen war besonders gefährlich, und warum ist möglicherweise eine Wolke, die über Land zieht, schlimmer als das, was ausgelaufen ist?

Das, was ausgelaufen ist, das kann ich unter Umständen noch kanalisieren, aber die Wolke kann ich nicht mehr beeinflussen. Wenn es eine Chlorwolke ist, zerstört sie auch die Pflanzen, wenn es Vinylchlorid ist, führt es dazu, dass Menschen, die weit weg wohnen, das einatmen.

Was passiert, wenn soviel Öl verbrennt wie damals? Was geht da in die Luft über?

Das ist vor allem Ruß und zwar karzinogener. 150.000 Tonnen Öl sind damals ausgelaufen und 80.000 Tonnen verbrannt. Dieser Ruß nimmt am Weltkreislauf der Atmosphäre teil, d. h. es trifft uns alle. Darüber müssen wir uns im klaren sein. Wenn ich mit einem Finger auf andere zeige, deuten vier oder drei auf mich, d. h. einiges bekomme ich zurück.

Das bedeutet, dass seit dem Irak-Krieg 2003 und dem Brand der irakischen Ölfelder eine große Menge Ruß und Kohlendioxid in der Atmosphäre hinzugekommen ist?

In der Tat, und das ist eine ganz teuflische Mischung: Wenn Sie Öl verbrennen, dann haben Sie auch sehr viel Schwefeldioxid sowie Rauch und Ruß. Das ist ganz tückisch. Zum ersten Mal wurde bei einem Vorkommnis in London 1952 deutlich, was Rauch und Ruß anrichten. Es war eine Smogkatastrophe mit 4.000 Toten über der durchschnittlichen Sterberate in wenigen Tagen. Zehn Jahre später gab es eine ähnliche Inversionswetterlage, aber keinen Ruß, nur der Wert für Schwefeldioxid war ungefähr gleich. Da gab es keine Toten überm Durchschnitt. Das zeigt ganz deutlich diesen Zusammenhang.

Haben Sie erwartet, dass man die NATO, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zieht?

Das wäre eigentlich notwendig. Ob man sie bestraft, ist eine andere Sache, zumindest hätte man aber einen Prozess machen müssen, um ihnen vor Augen zu führen, was wir davon halten. Es ist verabscheuungswürdig, dass zu Mitteln gegriffen wurde, die dem Giftgaskrieg ähnlich sind. Ich verabscheue jeden Krieg, aber das ist für mich die Spitze.

Der Umweltplaner Knut Krusewitz von der TU Berlin hat damals von einem bewussten Umweltkrieg der NATO gesprochen. Würden Sie sich dem anschließen?

Ja natürlich, ein Krieg, in dem die Chemieanlagen und die Umwelt zerstört werden. Man hat sich das sicherlich vorher überlegt, es war Teil des Programms, sonst wäre es nicht passiert. Wie in Vietnam.

Haben Sie eine Erklärung, warum davon geschwiegen wurde, während des Krieges und danach – von den Umweltverbänden, von den Kollegen? Haben Sie irgendwo einen Aufschrei gehört?

Nein. Wissen Sie, ich halte von vielen Umweltverbänden nichts, das muss ich ganz ehrlich sagen. Viele sind, wenn es ernst wird, für mich Schwätzer. Und das hier war ernst. Die hätten alle nach Serbien fahren oder hier aufstehen müssen. Greenpeace – immer die große Klappe.

Die Grünen im Bundestag?

Ja, auch, alle, wirklich alle haben geschwiegen. Der Bundestag hat auch keine Sondersitzung abgehalten. Alles egal.

Dann wird es beim nächsten Mal wieder akzeptiert?

Bei Kriegen können sie immer die Bevölkerung weichklopfen. Die Leute sind im Kriegsfall total verunsichert. Ich würde noch weitergehen: Viele interessiert es nicht. Die Bevölkerung wird mit Brot und Spielen ruhiggestellt. Gucken Sie sich doch mal die Themen der Fernseh- und Rundfunksendungen an. Da wird der Ernst, der hinter einem solchen Ereignis steckt, nicht erkannt. Es ist ja auch bequemer, man lehnt sich zurück: »Das war damals, wer weiß, wie das alles war.« Und damit ist es abgetan.

Interview: Hartmut Sommerschuh

Prof. Dr. Ursula Stephan ist Chemikerin und Toxikologin, seit 1992 Mitglied der Störfallkommission (jetzt KAS), Schwerpunkte: Arbeitssicherheit, industrielle Sicherheit, Gefahrstoffe. Sie ist Mitherausgeberin des Buches »Anlagensicherheit und Störfallmanagement«, Ecomed 2002, und Mitarbeiterin am »Hommel. Handbuch der gefährlichen Güter«, Springer-Verlag Heidelberg

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