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Schuften wie bei Amazon

Insolvenz von Zwischenhändler verschärft Krise der Buchbranche. Prekäre Arbeitsverhältnisse bei KNV Logistik
Von Elmar Wigand
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Fordert den Buchhandel heraus: Amazon präsentiert sich auf der Pariser Buchmesse (24.3.2017)

Die Diskussionen in der Buchhandels- und Verlagsbranche werden momentan von der überraschenden Insolvenz des Zwischenhändlers KNV Logistik am 14. Februar beherrscht. Die Pleite ist ein bestimmendes Thema der Leipziger Buchmesse. Das Börsenblatt des deutschen Buchhandels brachte seitenweise Solidaritätsadressen, eine Crowdfunding-Aktion soll gestartet werden. Forderungen nach staatlicher Rettung werden laut, das geflügelte Wort »systemrelevant« flattert durch den Raum.

Monopolisten

Dabei werden die Arbeitsbedingungen und Arbeitsbeziehungen der rund 1.000 Beschäftigten im KNV-Zentrallager in Erfurt gelinde gesagt übersehen. KNV Logistik darf nach Aussage von Beschäftigten und Gewerkschaftern ohne Übertreibung als Knochenmühle gelten. Die dortigen Verhältnisse sind offensichtlich keinen Deut besser als in Amazon-Lagern, was für den Buchhandel ein großes Imageproblem birgt. Gerade kleine Buchhandlungen, die sich als sympathische, lokale Alternative zu Jeffrey Bezos Profitmaschine präsentieren, sind zu einem hohen Prozentsatz vom Barsortiment der beiden Monopolisten KNV und Libri abhängig. Ihr großes Plus ist das Versprechen, jedes lieferbare Buch innerhalb eines Tages zu bekommen. Daraus entsteht für manche Buchhändler bis zu 80 Prozent des Umsatzes. Wenn sich nun herausstellt, dass sie hinter den Kulissen von der Ausbeutung ostdeutscher und osteuropäischer Arbeiter profitieren, wackelt das ideologische Fundament.

Die Arbeitsbedingungen bei KNV sind gut dokumentiert. Der Thüringer Verdi-Sekretär Ronny Streich sagte, im Konzern herrschten »unregulierte, willkürlich zu Lasten der Mitarbeiter ausgeübte Arbeitsbedingungen«. Der Betrieb hetze gegen die Gewerkschaft und betreibe Lohndumping durch Flucht aus dem Tarifvertrag des Großhandels an den ehemaligen Standorten Stuttgart und Köln.

Abenteuerliche Zustände

KNV hatte die Logistik-Standorte Köln und Stuttgart ab 2011 geschlossen, um in Erfurt eine Zentrale zu schaffen, in der bis zu zwei Drittel weniger Lohn gezahlt wurde. Das Erfurter KNV-Lager blieb seit seiner Eröffnung am 1. Oktober 2014 durch gezieltes Union Busting frei von Betriebsräten und aktiven Gewerkschaftern. Mitglieder einer Verdi-Betriebsgruppe, die sich 2015 gebildet hatte, feuerte das Management oder trieb sie zur Aufgabe.

KNV-Mitarbeiter des Erfurter Lagers berichteten gegenüber jW über abenteuerliche Zustände: »Schichtende ist, wenn der Vorgesetzte dies verkündet und nicht etwa, wenn die Arbeitszeit laut Arbeitsvertrag um ist.« Beschäftigte würden aufgefordert, fluchtartig den Arbeitsplatz zu verlassen, damit dem Unternehmen keine Zeit entstehe, in der Mitarbeiter nicht ertragsbringend seien. Ein weiterer Arbeiter sagte: »Die Spanne der Arbeitszeit bewegt sich jeden Tag zwischen fünf bis zehn Stunden, wobei die Arbeitszeit spontan festgelegt wird.« Die Mitarbeiter würden spontan davon in Kenntnis gesetzt, wann sie zu erscheinen hätten.

Die Arbeiter liefen sich in den Gängen buchstäblich die Hacken wund. Dementsprechend groß waren Frustration, Krankenstand, Fluktuation. 2016 hatte KNV Probleme, im Erfurter Raum überhaupt Nachschub zu bekommen. Der Bereich, in dem angeworben wurde, erweiterte sich stetig und ging 2016 bereits bis nach Polen.

Das schlechte Image von KNV beim Buchhandel verwundert daher nicht. Der Bielefelder Buchhändler Hartwig Bögeholz berichtete gegenüber jW von Qualitätsmängeln: »Es gab gerade bei KNV-Lieferungen immer wieder Probleme mit beschädigter, nicht verkaufsfähiger Ware durch falsches Packen. Jedes Buch, das wir zurückschicken müssen, kostet uns als Buchhandlung etwa einen Euro durch den Arbeitsaufwand und die Versandkosten.«

Das Erfurter Bücherlager wurde von Porsche Consulting konzipiert, die auch das Leipziger BMW-Werk zu verantworten haben – ein Leuchtturm für intensive Nutzung von Leiharbeit und Werkverträgen. Verdi-Sekretär Streich fordert als Bedingung für staatliche Rettungsbemühungen: »Eine zukünftige gute Entwicklung ist davon abhängig, dass die Beschäftigten mit Respekt und Wertschätzung behandelt werden.« Dazu gehörten vor allem sichere Arbeitsplätze mit tarifvertraglicher Absicherung, menschenwürdigen Arbeitsbedingungen, einer planbaren Perspektive und die Abkehr vom anhaltenden gewerkschafts- und mitbestimmungsfeindlichen Kurs der Geschäftsführung«, so Streich.

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