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Aus: Ausgabe vom 18.03.2019, Seite 15 / Politisches Buch
Klassiker der Kirchenkritik

Gänzlich ruiniert

Überall die gleiche Kirche. Zur Neuauflage der »Kleriker« von Eugen Drewermann
Von Horsta Krum
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Eugen Drewermann im April 1992

Als Eugen Drewermanns nun neu aufgelegtes Buch »Kleriker« 1989 erschien, waren die sexuellen Vergehen, die Priester verübten, kein öffentliches Thema. Drewermann gehörte damals selbst noch zu den Klerikern, weiß also, wie es einem Priester, einem Mönch geht. Alle befinden sich auf einer bestimmten Stufe der Hierarchie. Alles in ihrem Leben ist festgelegt: ihr Dienst, der Rhythmus ihres Alltags; von ihrer Vergangenheit sind sie getrennt; ihre Gegenwart ist durch ständige Verfügbarkeit bestimmt, ihre Zukunft durch das Gelübde, das sie bei der Priesterweihe ablegten; sie kommunizieren, indem sie vorgegebenen Rollen entsprechen. Grundlage ihres Lebens bildet das Gelübde der Armut, der Demut (Gehorsam) und der sexuellen Enthaltung, die sich nach außen im Zölibat, der Ehelosigkeit, darstellt.

Das Gelübde bedeutet, so Drewermann, eine »Schwergewichtsverlagerung vom Persönlichen ins Institutionelle (…), in theologischer Reflektiertheit eine extreme Ideologie der Ichschwäche und der Icheinschränkung«. Da Drewermann sowohl Theologe wie Psychoanalytiker ist, kann er die Besonderheit des Klerikerstandes und der Institution Kirche aus zwei Perspektiven analysieren. Die tiefenpsychologische Analyse stellt den Hauptteil von Drewermanns Buch dar. Sein Ziel ist, »ein bestimmtes System religiöser Satzungen psychoanalytisch so weit bewusst zu machen, dass den einzelnen, deren Leben innerhalb dieses Systems bis in die winzigsten Details hinein festgelegt erscheint, wieder die Atemluft zum eigenen Denken und Sprechen, Fühlen und Handeln zurückgegeben wird«.

Der Neuauflage hat Drewermann ein sechzigseitiges aktuelles Vorwort vorangestellt: »Ein notwendiger Nachtrag: Der Missbrauchsskandal«. Es berichtet zunächst über die unglaublich hohe Zahl der Fälle von Missbrauch in aller Welt, angefangen in den USA, wo die katholische Kirche in den 1990er Jahren, nachdem spektakuläre Fälle bekannt geworden waren, eine Versicherung abschloss; sonst hätten die Schadenersatzzahlungen (über Jahrzehnte hinweg insgesamt 1,5 Milliarden Dollar) sie gänzlich ruiniert. Dre wermann zitiert den Mainzer Kardinal Karl Lehmann, der noch 2010 meinte, in Deutschland sei das anders, und sich den Schuh der Amerikaner nicht anziehen wollte. Doch läuft, so Drewermann, die gesamte katholische Kirche »in diesen Schuhen. Sie ist überall, wo sie ist, die gleiche«.

Welches sind die Gründe, dass wortgewandte, oftmals vielseitig gebildete Männer zu Sexualstraftätern werden? Offizielle Antworten gibt es nicht. Drewermann konnte auf die Versammlung aller Vorsitzenden der Bischofskonferenzen, die der Papst zu Ende Februar 2019 zusammengerufen hatte, noch nicht eingehen. Das Ergebnis und auch die Äußerungen des Papstes und einzelner Kardinäle enttäuschen. Sie stellen die Moraltheologie und die darauf beruhende Verfasstheit der Kirche nicht in Frage. Und in der Öffentlichkeit wird auch nur über einen Ausschnitt des Gesamtbildes gesprochen: Der Umgang mit Abhängigen innerhalb der weiblichen Orden und auch innerhalb der evangelischen Kirche befindet sich bisher kaum oder noch gar nicht im öffentlichen Blickfeld.

Drewermanns neue Einleitung ist eigentlich eine akutalisierte Kurzfassung des umfangreichen Buches: Die Einengung des Privaten, Sexualverzicht – auch Selbstbefriedigung und Gedanken an Sexualität gelten als Sünde – erzeugen Angst vor Schuld und lassen menschliche Nähe kaum zu. Das Ansehen des Priesters, der eine besondere Weihe empfangen und ein Gelübde abgelegt hat, geben ihm einen Machtgewinn und machen ihn bereit, »sexuelle Unerfahrenheit als Bedingung späterer Berufsausübung überhaupt zu akzeptieren, ja als ein höheres Gut, als göttliche Berufung, zu verinnerlichen«. Der Priester, der selbst keine Kinder haben darf, wird mit »Pater« (Vater) angeredet, was ihn in die Nähe von Gottvater rückt; die Gemeindemitglieder sind »Pfarrkinder«.

Dass sich Priester besonders von kleinen Jungen, von Jugendlichen angezogen fühlen und dass eine erschreckend hohe Zahl dem nicht widerstehen kann, erklärt Drewermann mit Freud: Gefühle, die in der Jugend und spätestens im frühen Erwachsenenalter unterdrückt werden, kehren wieder. Im kleinen Jungen, im Jugendlichen entdeckt sich der Priester sich als der, der seine Gefühle einst unterdrücken musste, als er im selber Alter war – was Drewermann als »Bindungsenergie zwischen dem potentiellen Täter und seinem Opfer« bezeichnet. Aufgrund seiner Autorität findet der Priester in den meisten Fällen wenig Widerstand.

Die Straftaten an Ordensschwestern analysiert Drewermann weniger ausführlich, wohl deshalb, weil sie erst seit ganz kurzer Zeit thematisiert werden. Einige dieser Straftaten schockieren durch ihre große Frauenverachtung. Allgemeine Moralvorstellungen und Strafverfolgung, so Drewermann, helfen hier nur bedingt, denn die Kirche hat durch falsche Ideale die Persönlichkeit ihrer Kleriker zerstört. Diese falschen Ideale, so der Theologe Drewermann, seien indes nicht in der Bibel begründet. Nachdem die Kirche die Straftaten über Jahrzehnte hinweg herunterspielte und zu verheimlichen suchte, bestehe sie nun auf der Verfolgung einzelner Täter und lenke von sich selbst als Institution ab. Solange sie sich nicht ihrer eigenen Schuld stellt, ihre hierarchisch-autoritäre Struktur und die Inhalte, die sie vermittelt, von Grund auf ändert – solange ist das Buch von Drewermann hochaktuell.

Eugen Drewermann: Kleriker. Psychogramm eines Ideals. Mit einem aktuellen Vorwort. Verlagsgemeinschaft Topos Plus, Kevelaer 2019, 959 Seiten, 35 Euro

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Matthias Bartsch, Lichtenau: Klartext Eugen Drewermann spricht Klartext, er gehört damit gewiss zu der inzwischen stark ausgedünnten geistigen Elite jener Theologen, die eigene Gedanken unverbrämt in Worte und Konsequenzen fassen. Für man...

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