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Aus: Ausgabe vom 18.03.2019, Seite 11 / Feuilleton
NSU

Scham und Beischlaf

Und gelegentlich wird jemand erschossen: Jan Bonnys unpolitischer NSU-Film »Wintermärchen«
Von Felix Bartels
Tommi (Thomas Schubert) und Becky (Ricarda Seifried)
Und gleich wieder Geschrei und Beischlaf: Tommi (Thomas Schubert) und Becky (Ricarda Seifried) ergeben sich dem Gewaltnaturalismus

»Wintermärchen« – der Titel drängt sich auf. Man denkt an Deutschland, Heine, das dumme Sommermärchen von 2006 und müsste noch am ehesten jenes kaum bekannte, späte Drama Shakespeares erinnern, worin gleichfalls das Politische hinterm Persönlichen verschwindet. Denn das passiert in diesem Film, und allein seine Atmosphäre – die hektische Kameraführung, die karge Beleuchtung, worin der Eindruck eines nie enden wollenden Novembers entsteht – wird dem Titelmotiv gerecht. Der Rest hängt so im Raum.

Am Anfang stand, was eigentlich jedem Kunstwerk guttut: dezidierte Beschränkung. Regisseur Jan Bonny wollte die Geschichte des NSU mit voller Konzentration auf die Gruppe selbst erzählen, deren innere Dynamik auf eine Weise erfahrbar machen, die den Zuschauer daran hindert, selbstgefällig im Dünkel des besseren Milieus auf die Akteure zu blicken. Ziel sei, dass sich die »Zuschauer nach dem Film gegen den Film wehren müssen, dass wir ihn nicht abhaken können, dass er uns in die Auseinandersetzung zwingt«. Aufklärung will hier nicht mittels Begriffen, sondern durch Empfindungen wirken. Gewiss liegt in jeder theoretischen Einordnung ein Moment des vorschnellen Bewältigens. Was abgelegt wird, ist bald auch weggelegt. Politische Impulse ergeben sich nicht aus Erkenntnissen, sie müssen ihnen eher noch entgegenwirken. Daraus folgt durchaus nicht, dass aufs Begreifen zu verzichten sei.

Für den Film selbst hat die Konzentration auf die drei Hauptpersonen zunächst den Vorteil, dass dramatische Dichte an die Stelle epischer Weitläufigkeit treten konnte. Zum anderen wurde unvermeidlich, das Verhältnis der tatsächlichen NSU-Zelle auf drei fiktive Personen zu übertragen. Die damit eröffnete Freiheit nutzt der Film, so tief in das Seelenleben der Beteiligten vorzudringen, dass praktisch alles andere auf der Strecke bleibt. Es wird gebrüllt, geheult, gesoffen und gefickt. Gelegentlich wird jemand erschossen. Dann wieder Geschrei und Beischlaf. Als Verhaltensstudie langt das hin; behutsam und pointiert wird eine Dreiecksbeziehung entwickelt, in der Sadismus und Narzissmus den Antrieb ausmachen, während sich unterdrückte sexuelle Neigung als Aggression nach außen richtet. Und vermöge des Terrortreibens verwandelt sich entmutigte Liebe, die zu Hass wurde, tatsächlich wieder zurück in eine neue Form der Liebe. Das kann, wer Lust hat, als Metapher auf die Volksgemeinschaft verstehen, die ja auch als soziales Konstrukt ihr Miteinander über den (juristischen oder physischen) Ausschluss eines Anderen herstellt. Den ganzen Film zu tragen, aber reicht das nicht hin.

Terror hat psychologische Wurzeln, zugestanden, und bleibt doch ein politisches Phänomen. Jan Bonny setzt in »Wintermärchen« fort, was er vor zwölf Jahren mit »Gegenüber« (2007) schauderhaft bedrückend begann. Nur dass hier die Behandlungsweise dem Stoff nicht angemessen ist, da es um mehr als bloß das Private geht. So ergibt der Film sich bald einem Gewaltnaturalismus und erinnert dann tatsächlich mehr an Monumente der Ratlosigkeit wie »Perdita Durango« oder »Natural Born Killers«. Es dauert unglaubliche 40 Minuten, bis das erste politische Gespräch zu vernehmen ist. Die für das Nazimilieu typische Überfrachtung mit Ideologie – Verschwörungstheorien, Rassenkunde, alternative Geschichtsdeutungen – gibt es hier gar nicht. Die Verwicklung der Staatsorgane in die militante Neonaziszene, die Scheinheiligkeit des Juste Milieu, das dieselben Ressentiments notdürftig entstellt reproduziert, die politische Auswirkung von Armut und Perspektivlosigkeit in Regionen, die der Kapitalismus nach 1990 in Ödland verwandelt hatte – all das, was dem konkreten Phänomen des NSU-Terrors einen allgemeineren Hintergrund geben könnte, bleibt in dieser Story unverhandelt. So wird eine interessante, effektvoll inszenierte, psychodynamische Story verschenkt, denn als Mantel für den NSU-Skandal ist sie einfach zu klein.

»Wintermärchen«, Regie: Jan Bonny, Deutschland 2018, 125 Min., Deutschland 2018, Kinostart: 21. März

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