Gegründet 1947 Sa. / So., 20. / 21. April 2019, Nr. 93
Die junge Welt wird von 2181 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 18.03.2019, Seite 10 / Feuilleton

Kein Fisch in Fischamend

Von Erwin Riess
fish-3646493.jpg

An einem warmen Märztag suchten Herr Groll und der Dozent Fischamend an der Donau auf. Es gebe dort zwei der besten Fischrestaurants weit und breit, hatte Herr Groll seinen Freund gelockt. Außerdem könne man Schneeglöckchen als Frühlingsgruß in die Großstadt mitnehmen. Wenn das Jahr so beginne, könne von ihm einiger Progress in den großen Fragen der weltweiten Klassenkämpfe erwartet werden. Aber schon bei der Anfahrt durch den langgestreckten Ort im Weichbild des Flughafens hatte sich herausgestellt, dass der »Merzendorfer«, das älteste, seit 1790 bestehende Fischrestaurant Österreichs, für immer geschlossen hatte. Nachdenklich waren die beiden zum »Goldenen Anker« an den Strom hinausgefahren. Aber auch diese Gaststätte war geschlossen, sie hatte Ruhetag. Herr Groll versuchte, seine Trauer mit dem Dozenten zu teilen. Wegen der Donauhochwasser war das Haus auf Stelzen errichtet worden und nur über fünfzehn Stufen zu erreichen. Eines Tages in den achtziger Jahren wurde ihm jedoch vom Besitzer eine weit geschwungene Rampe zur Seite gestellt. Er habe Herrn Grolls sehnsuchtsvolle Blicke nicht mehr ertragen können, hatte er erklärt, außerdem befänden sich unter den Gästen seines beliebten Lokals an der Einmündung der Fischa in die Donau ältere Herrschaften. Auch ihnen sei die steile Treppe nicht zuzumuten. Seine menschenfreundliche Haltung sei also durch materialistische Interessen unterfüttert, diese Paarung sei nachhaltig und wertvoll. Der Wirt hatte einige Jahre lang ein Philosophiestudium an der Universität Wien vorangetrieben, wobei Marxens Feuerbachthese Nummer sechs es ihm besonders angetan hatte.

Der Dozent munterte seinen Freund auf, indem er ihn über eine Schotterstraße zur Donau begleitete. An der Mündung der Fischa in den Strom habe sich bis ins neunzehnte Jahrhundert der Winterhafen der kaiserlichen Donauflottille befunden, erklärte er. Noch im ’48er Jahr seien an die zweihundert Schiffe an der Fischa vor den verheerenden Eisstößen der Donau sicher gewesen. »Jetzt dümpeln hier die Jachten der Wiener Prominentenanwälte, Nobelwinzer und Politikberater der neuen Regierung. Jene Herren, die mit ihren schlachtschiffgroßen Straßenpanzern nicht nur Frühlingsblumen auslöschen. Es erhebt sich somit die Frage, welche Streitmacht fürchterlicher ist.«

»Diese«, sagte Herr Groll und wies auf die Motorjachten zu seiner Linken. »Wenn die Freizeitschwimmpanzer der Donau auf dem Fluss bewegt werden, vergeht kein Tag ohne Kollisionen und Havarien. Die Stromkilometer unterhalb von Wien zählen zu den unfallträchtigsten«, nahm er das Gespräch an. »Man kann hier den Untergang von Imperien studieren. So erinnere ich mich, dass Mitte der achtziger Jahre hier bei Hochwasser und Sturm ein slowakisches Schubschiff, die ›Dumbier‹, in die Schleusenanlage des Donaukraftwerks Freudenau gedrückt wurde, das Schiff blieb als Schrotthaufen im Abwasser liegen. Neun tote Matrosen wurden gezählt. Die slowakische Mafia nutzte die Gelegenheit und entsorgte etliche Leichen unterhalb von Bratislava in der Donau, alles Opfer der Schiffshavarie, hieß es, aber so viele Menschen hatte die ›Dumbier‹ nie an Bord. Ebenfalls in diesen Jahren krachte ein Tragflügelboot der ungarischen Schiffahrtsgesellschaft Mahart in einen sowjetischen Schubverband, es setzte ein Dutzend Tote, beide Kapitäne waren betrunken. Der sowjetische Kapitän war ein Wiederholungstäter, und das bei der strengsten Reederei auf der Donau, die jahrzehntelang für ihre militärische Disziplin geachtet war und deren Matrosen bei Schiffsmanövern als einzige von allen Schiffsgesellschaften Schwimmwesten trugen. Die UdSSR stellte Hunderte Schiffsbesatzungen auf der Donau, als die Unfälle sich häuften und immer öfter Alkohol im Spiel war, wusste ich, dass die Sowjetunion untergehen wird. Nur über den Zeitpunkt bestand Unklarheit.

Ein paar Kilometer stromabwärts rammte zur selben Zeit ein rumänischer Schubverband ein österreichisches Polizeiboot. Auch der Kapitän dieses Frachtschiffs war betrunken, fünf Flusspolizisten starben. Ich könnte noch von vielen Havarien erzählen, ganz zu schweigen von den Kindern, die von sorglosen Eltern in manövrierunfähige Gummiboote gesetzt werden und denken, dass die Strömung die Kleinen schon führen werde. Was sie auch tut, und so werden die lieben Kleinen unter die Schiffe gezogen und von den Schrauben geschreddert. Schließlich wird Ihnen die Havarie vom Herbst 2018, als eine Motorzille mit Heeresschülerinnen kenterte, worauf zwei Schülerinnen eine Ewigkeit ohne Sauerstoff im gefluteten umgedrehten Schiffsrumpf gefangen lagen, noch frisch im Gedächtnis sein.«

Groll bemerkte, dass er ins Leere gesprochen hatte. Der Dozent hatte sich auf die Suche nach Schneeglöckchen gemacht.

Ähnliche:

  • Bewährt seit 1939. Das Neujahrskonzert im Großen Musikvereinssaa...
    29.12.2018

    In guter alter Tradition

    Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker ist das weltweit bekannteste seiner Art. Erstmals fand es 1939 statt und war Hitlers Kriegswinterhilfswerk gewidmet. Am 1. Januar wird es von einem Preußenverehrer geleitet werden
  • Ein Plakat aus besseren Tagen? Bei der Nationalratswahl am 25.11...
    02.11.2018

    In der Nische

    Vor hundert Jahren wurde in Wien die KPÖ gegründet. Ihre Geschichte war nicht sonderlich reich an Erfolgen. Ihr größter ist wohl, dass es sie immer noch gibt

Regio:

Mehr aus: Feuilleton