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Aus: Ausgabe vom 18.03.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Finanzkapital

Knast einkalkuliert

Westliche Konzerne bemängeln fehlende Rechtssicherheit in Russland. Doch diese verspricht ihnen hohe Gewinne. Moskau geht gegen Kapitalflucht vor
Von Reinhard Lauterbach
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US-Investor Michael Calvey sendet Grüße aus dem Gefängnis (Moskau, 28.2.2019)

Sage niemand, dass Börsenjournalisten nicht auch literarisch bewandert wären. Das Handelsblatt zitierte in der vergangenen Woche den ansonsten nicht übermäßig berühmten russischen Dichter Fjodor Tjutschew, dessen Nachruhm vor allem aus einem Zitat in schönen Reimen besteht: Russland sei mit der Vernunft und fremden Maßstäben nicht zu fassen, es lebe nach eigenen Gesetzen, und man könne an es nur glauben.

Anlass des Rückgriffs auf die Poesie war eine Analyse der Chancen und Risiken des russischen Aktienmarkts. Der zeichnet sich nämlich nach Aussage verschiedener Fondsmanager und Vermögensverwalter durch zwei Faktoren aus: ein unter dem Marktdurchschnitt liegendes Kurs-Gewinn-Verhältnis und eine über diesem Durchschnitt liegende Dividendenrendite – also das Verhältnis des ausgeschütteten Gewinns zum Börsenkurs.

Unterbewertete Kurse

Die Dividendenrendite betrage quer über den russischen Aktienindex 6,8 Prozent – was allerdings auch den Umstand spiegele, dass russische Aktien als Folge der westlichen Sanktionen »unterbewertet« seien. Allerdings besteht neben dem allgemeinen Kurs- für ausländische Investoren auch das Währungsrisiko, denn die russische Zentralbank tut wenig, um die Abwertung des Rubels gegenüber Dollar und Euro zu bremsen. Im Gegenteil, diese Abwertung kommt der Regierung sogar recht, weil sie Importe verteuert und so inländische Produzenten wettbewerbsfähiger macht.

Auch die politische Vorgabe des russischen Präsidenten Wladimir Putin, russische Konzerne mit staatlicher Beteiligung darauf zu verpflichten, mindestens die Hälfte ihrer Gewinne an die Aktionäre auszuschütten, ist in diesem Zusammenhang zu sehen. Putins Empfehlung ist ein betriebswirtschaftlich riskanter Appell an die Kapitalbesitzer, ihr Geld ins Land (zurück) zu holen. Denn in Russland erwirtschaftete Profite, die nicht auf dem heimischen Kapitalmarkt angelegt werden, dämpfen natürlich auch die Nachfrage nach inländischen Aktien und halten so deren Kurse relativ niedrig. Die Kapitalflucht aus Russland betrug nach einer im Januar veröffentlichten Analyse der niederländischen Bank ING 2018 rund 67 Milliarden US-Dollar (ca. 59 Milliarden Euro). Allerdings hatte sie 2014, im ersten Jahr der Sanktionen, mit 152 Milliarden Dollar mehr als doppelt so hoch gelegen. Was allerdings Regierung und Experten ohne große Nervosität auf diese Zahlen blicken lässt, ist der Umstand, dass die Kapitalflucht gegenüber dem Bruttoinlandsprodukt Russlands im selben Zeitraum von zwölf auf vier Prozent gesunken ist – eine offenbar aus Regierungssicht verkraftbare Größe. Denn gleichzeitig verzeichnete Russland 2018 einen Leistungsbilanzüberschuss von 100 Milliarden US-Dollar. Die Fundamentaldaten der russischen Volkswirtschaft sind also nicht schlecht.

Liebe der Oligarchen

Warum sich russische Geldbesitzer diese auf dem Papier beeindruckenden Chancen auf dem heimischen Aktienmarkt entgehen lassen, dürfte mit einem ebenfalls von Putin bei seiner Jahresbotschaft knapp angesprochenen Thema zu tun haben: dem nach wie vor fehlenden Vertrauen in die Rechtssicherheit und Verlässlichkeit der russischen Justiz. Während Putin forderte, Unternehmer nicht mehr ständig mit einem Bein im Gefängnis stehen zu lassen und beim Verdacht auf Wirtschaftsdelikte Untersuchungshaft im Regelfall sogar auszuschließen, tut die Justiz in der Praxis das Gegenteil: Nur fünf Tage später steckte sie den US-Fondsmanager Michael Calvey wegen eines undurchsichtigen Aktionärsstreits gleich für zwei Monate hinter Gitter. Die »Märkte« reagierten »entsetzt«. Nur wenige kommentierten so cool wie der britische Wirtschaftsdienst BNE Intellinews: Das Risiko, verhaftet zu werden, müsse ein Russland-Investor eben »eingepreist« haben.

Mit der Rechtssicherheit in Russland steht es offenbar auch auf anderen Gebieten nur mäßig. Die englischsprachige Zeitung Moscow Times brachte am 11. März einen langen Artikel darüber, wie Leute mit Geld ihre Prozesse gezielt von Moskau oder St. Petersburg in die südrussische Provinzregion Krasnodar verschöben. Ob Rosenkrieg um Kindesunterhalt oder Auseinandersetzungen um Wasserschäden im Wohnhaus: In dieser schon zu Sowjetzeiten für ihre besonders hohe Korruption berüchtigten Region ließen sich immer Strohmänner anheuern. Über fiktive, aber zum Verhandlungstermin schon ausgelaufene Bürgschaften ließen sich wirtschaftliche Verbindungen zu den eigentlich Geschädigten glaubhaft machen. Dadurch werde ihnen erlaubt, Urteile im Sinne der Schuldner zu erwirken. Korrupte Richter, die das alles ermöglichten – auch das war schon in der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts ein beliebtes Thema. Neu ist allerdings, dass eine durch einen so verschobenen Prozess Geschädigte, die frühere Geliebte eines Oligarchen, ihre Klage in einer populären Talkshow des staatlichen Fernsehens vortragen durfte. Und Russland wäre nicht Russland, wenn nicht im Anschluss sofort spekuliert worden wäre, dass der Ex der Frau offenbar von seiten der Staatsmacht zum Abschuss freigegeben worden sei.

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