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Aus: Ausgabe vom 18.03.2019, Seite 8 / Ausland
Bücher und Politik

»Jetzt gibt es Schwule, die rechts wählen«

In der spanischen LGBT-Community hat sich in den letzten 25 Jahren viel verändert. Ein Gespräch mit Mili Hernández
Interview: Carmela Negrete
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Ihre Buchhandlung haben Sie bereits vor vielen Jahren eröffnet. Ergibt Ihre Arbeit noch Sinn?

Als wir den Laden Berkana eröffneten, war das Stadtviertel Chueca im Zentrum Madrids praktisch verlassen. Ein Jahr später öffnete ein schwules Restaurant und ein schwuler Blumenladen. Irgendwann haben wir festgestellt, dass fast alle Geschäfte im Viertel von Leuten der Gay-Community betrieben wurden. Seit dieser Zeit betreiben wir auch unseren Verlag Egales, in dem LGBT-Autoren (Abkürzung: Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, jW) ihre Texte veröffentlichen können, weil sie es in den traditionellen Verlagen noch immer schwer haben. Unsere Arbeit ist also immer noch notwendig. 80 Prozent unserer Bücher findet man nicht in anderen Buchhandlungen.

Wie haben sich die Themen der LGBT-Literatur verändert?

Als wir anfingen, waren die Leute auf der Suche nach etwas fast Kindlichem. Sie wollten Geschichten von anderen LGBT-Menschen lesen. Alle diese Romane hatten damals ein
glückliches Ende. Die Leser haben das gesucht, weil es sonst nur Romane gab, in denen sich die Protagonisten entweder umbrachten oder in der Psychiatrie landeten. Das war der Hauptgrund, Egales zu gründen. Neu ist, dass es jetzt spanische Autoren gibt. Damals lagen nur Übersetzungen vor.

Es gibt relativ viele bekannte schwule Autoren. Haben es Lesben oder Transsexuelle schwerer?

Es war schwieriger. Aber es stimmt schon, die lesbische Literatur findet in den Medien weniger
Aufmerksamkeit. Dennoch, wir haben schon einige bekannte Autorinnen.

Die feministische Bewegung in Spanien ist mächtig. Wie macht sich das bei Ihnen bemerkbar?

Die Buchhandlungen werden mit feministischer Literatur überflutet. Wir pflegen eine Politik der Nichteinmischung in die Belange der anderen beiden feministischen Buchhandlungen in Madrid und versuchen, uns auf die LGBT-Bücher zu beschränken.

Kann man Teil der LGBT-Community sein und sich zugleich als rechts verstehen?

Die LGBT-Bewegung war immer sehr kämpferisch, aber wir haben stets versucht, uns von den Parteien fernzuhalten. Wir wollten für unsere Rechte kämpfen. Dabei ist daran zu erinnern, dass die spanische Linke während des Übergangs zur Demokratie in Sachen LGBT ziemlich viel dummes Zeug abgesondert hat. Dennoch wussten wir, dass von der Linken die meiste Unterstützung zu erwarten war. Jetzt gibt es Schwule, die rechts wählen. Sie wählen sogar Vox.

Vox ist eine rechtsextreme, eine Neonazipartei. Ist das nicht ein Widerspruch?

Für mich ja. Die rechten Schwulen verstehe ich nicht. Vielleicht ist das eine Konsequenz der Inklusion, der Normalisierung. Seitdem die Homoehe legal ist, hat die LGBT-Bewegung irgendwie keine großen Ziele mehr, außer in der Transgenderfrage.

Das Symbol Ihrer Buchhandlung ist der rosa Winkel, die Kennzeichnung von Homosexuellen in den Konzentrationslagern der Nazis. Jetzt gibt es mit Alice Weidel eine Lesbe, die an der Spitze der AfD steht, einer Partei, die die Nazizeit immer wieder relativiert. Sind sich die Rechten innerhalb der LGBT-Community so sicher, dass ihre erstrittenen Rechte nicht wieder zurückgenommen werden?

Wir werden sicherlich weniger betroffen sein als andere gesellschaftliche Gruppen. Vor allem die Migranten werden als Sündenböcke herhalten müssen. Jeder konnte sehen, dass die Gesellschaft nicht an den Rechten kaputt geht, die wir erkämpft haben. Zur LGBT-Community gehören viele Menschen, die über Ressourcen und Geld verfügen. Und Schwule und Lesben gibt es in allen Parteien. Von denjenigen, die sich rechts positionieren, wüsste ich gerne, warum sie jetzt, wo sie doch selbst viele Jahre unterdrückt wurden, andere unterdrücken wollen. Die extremen Rechten scheinen mir oft wenig belesen und vor allem Opportunisten zu sein. Aber ich glaube nicht, dass uns diese Bewegungen angreifen werden. Vox hat zum Beispiel vorgeschlagen, die LGBT-Gesetze abzuschaffen, aber das mussten sie in Andalusien sehr schnell vom Tisch nehmen, weil es dafür keine gesellschaftliche Akzeptanz gibt. Da hat sich dauerhaft etwas geändert.

Mili Hernández gründete 1993 ­Berkana, die erste lesbisch-schwule
Buchhandlung Spaniens

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