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Aus: Ausgabe vom 16.03.2019, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Geschichte Spaniens

Fundstücke des Krieges

Das »Museo de la Batalla del Jarama« in Morata kämpft gegen das Vergessen
Von Olga Garcia Domingues und Renate Drommer
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Lebendige Erinnerung: Soldat aus Metall inmitten der noch vorhandenen Militärstellungen

Etwa dreißig Kilometer von Madrid entfernt liegt in einem weiten grünen Tal, umgeben von einer Hügelkette, Morata de Tajuña, ein kleines spanisches Provinzstädtchen. Bekannt ist der Ort wegen seiner guten Küche. Das Restaurant »El Cid« in altspanischem Stil lockt jedes Wochenende Hauptstädter und Einwohner der Umgebung an seine gedeckten Tische. An der Plaza Major von Morata befindet sich das Rathaus mit dem Büro des Bürgermeisters. Ihm gegenüber haben die Falangisten ihre Zentrale. Sie arbeiten dort nicht versteckt, sondern präsentieren sich mit deutlichen Symbolen. Fahnen wehen am Gebäude und ein übergroßes Porträt des Parteigründers José Antonio Primo de Rivera ziert den Eingang. Der Bürgermeister, ein Sozialist, blickt mit Unbehagen auf dieses Treiben. Verbieten kann er die Faschisten nicht, die Partei ist offiziell zugelassen. Bittere spanische Realität.

Wir, meine spanische Freundin Olga und ich, sind auf dem Weg von Madrid nach Morata. Gregorio Salcedo, genannt Goyo, hat angerufen. Es gibt Ärger mit seinem Museum. Sobald wir die Hauptstadt auf der Autovia Richtung Valencia hinter uns gelassen haben, erscheint links von der Straße eine kleine eiserne Brücke. Wir befinden uns auf historischem Boden. Um die Arganda-Brücke wurde im Februar 1937 inmitten des Spanienkrieges, der landläufig auch als Spanischer Bürgerkrieg bezeichnet wird, erbittert gekämpft. »In dem Tal dort am Rio Jarama schlugen wir unsere blutigste Schlacht«, sang der Kommunist und Künstler Ernst Busch, »doch wir haben, auf Tod und Verderben, die Faschisten zum Stehen gebracht.« Und in einem anderen Lied heißt es: »Mit Tanks und mit Fliegern, so griffen sie an, wir hatten nur Mut und Gewehre.« Wir, das waren die regulären Truppen der spanischen Republik, unterstützt von den Bataillonen der XI. XII. und XV. Internationalen Brigade. Es war den putschenden Franco-Truppen im Juni 1936 nicht gelungen, Madrid einzunehmen. Deshalb versuchten sie im Februar 1937, die lebenswichtige Verbindung zwischen der Hauptstadt und Valencia unter ihre Kontrolle zu bringen. Zu Beginn der Kämpfe, die westlich und östlich vom Rio Jarama tobten, verlor die republikanische Brigade 1.800 Kämpfer. Die XV. Internationale Brigade verteidigte gemeinsam mit einem britischen Bataillon am 12. Februar den sogenannten Suicide Hill an der Straße nach Morata. Bei diesem Gefecht warfen die Faschisten, unterstützt von der deutschen Legion Condor, ihre gesamte Reserve in die Schlacht. Beide Seiten hatten schwere Verluste. Doch den vereinten republikanischen Kräften gelang es, die Verbindung nach Valencia zu verteidigen.

An die Kämpfe im Jarama-Tal erinnert seit 17 Jahren ein kleines Museum in Morata. Die meisten Ausstellungsstücke sind Funde aus der Umgebung. Goyo Salcedo hat sie zusammengetragen. Er kennt sich hier aus, wohnt von klein auf in Morata. Viele Jahre hatte er in der Zementfabrik gearbeitet, bis er eine Staublunge bekam. Jetzt ist er Rentner. »Als Kind ging Goyo mit seinem Vater auf die Felder, um Metall zu sammeln«, erzählt mir Olga. »Das Eisen, das sie dort fanden, haben sie verkauft. Seine Mutter war an Tuberkulose gestorben, der Vater musste seine drei kleinen Kinder irgendwie durchbringen. Später, als junger Mann, fragte sich Goyo natürlich, wie das viele Metall in das Jarama-Tal gekommen war.«

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Waffen, Kriegsausrüstung und persönliches Schicksal: Goyo verbindet in seinem Museum alles miteinander

»Er wusste nichts vom Krieg?« frage ich ungläubig.

»Von wem sollte er es erfahren? In Spanien nach dem Krieg gab es die größte Dunkelheit und Stille. Alles, was geschehen war, wurde verdrängt. Die Leute, die es erlebt hatten, schwiegen aus Angst. Die Gewinner, die Franquisten, waren immer noch da und hatten kein Interesse, darüber zu reden. So entstand eine unheimliche Lücke, die leider fast bis heute besteht. Man weiß wenig über die Wahrheit des Krieges. Und so ging es Goyo auch. Er war kein politisch erzogenes Kind. Aber er hat diesen angeborenen Klasseninstinkt. Er ist ein Kind aus armem Elternhaus und fragte sich, wie es kommt, dass einige so viel haben und andere nichts.«

Goyos Fundstücke sind Patronen, kleine Kugeln und Blechbüchsen mit Aufschriften in verschiedenen Sprachen. »Aber er machte auch schreckliche Funde«, erinnert sich Olga. »Einmal war er mit einem Metalldetektor unterwegs. Er fand eine Schnalle von einem Gürtel und als er weiter grub, entdeckte er in der Erde den halben Körper eines Menschen. Das alles hat ihn sehr bewegt und mitgenommen.«

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Der Verdrängung entgegenstellen: Der Sammler und Museumsbesitzer Gregorio Salcedo auf dem früheren Schlachtfeld

Goyo hatte nach einer Weile so viele Gegenstände gesammelt, dass seine Wohnung übervoll war. Außerdem bekam er Schwierigkeiten mit der Polizei. Sie verlangte, dass er die explosiven Objekte aus seinem Haus entfernt. In dieser Situation half Pilar, die Besitzerin des Restaurants »El Cid«. Sie bot dem Sammler einen Raum in einem Nebengelass ihres Innenhofes an. Dort hatte Pilar bereits ein ethnologisches Museum eingerichtet. Zu sehen sind bäuerliches Handwerkszeug, alte Pferdekarren und typische Kleidung aus der Umgebung von Morata. Nebenan brachte Goyo seine Funde unter. Manchmal verkaufte er einige Stücke auf dem Flohmarkt und stattete mit dem Geld den Raum besser aus. Gäste, die am Wochenende ins »El Cid« kamen, konnten nun neben dem ethnologischen Museum auch die Sammlung zum Krieg besichtigen.

Ein Höhepunkt für das Museum war das Treffen der Internationalen Brigaden im Jahre 2006, als sich der Beginn des Krieges zum 70. Mal jährte. Interbrigadisten und deren Angehörige kamen aus vielen Ländern der Welt nach Spanien. Auf einem Hügel über dem Jarama-Tal wurde ein von Martin Chirino geschaffenes Denkmal enthüllt. Der Künstler gilt als einer der wichtigsten spanischen Bildhauer, er verstarb am vergangenen Montag 94jährig. Die Skulptur stellt zwei miteinander verbundene Hände dar. »Chirino hatte die Hoffnung, dass sich die beiden verfeindeten Lager, die sich im Krieg bekämpft hatten, eines Tages annähern. Bis heute ist das nicht passiert«, meint Olga. »Die Interbrigadisten sind zum Denkmal hinaufgegangen. Viele der ehemaligen Kämpfer waren ja schon sehr alt. Aber die gehen konnten, sind gegangen. Es kamen auch viele junge Sympathisanten zu unserer großen Kundgebung. Von dort sind alle ins Restaurant »El Cid« gefahren. Wir haben gegessen, gesungen und gefeiert. Goyo hat die Gäste durch das Museum geführt. Seitdem kommen jedes Jahr Angehörige und Freunde von ehemaligen Kämpfern aus Nord- und Südamerika, aus Europa und Asien. Sie wollen das Museum sehen und die Orte besuchen, an denen die Männer ihrer Familien gekämpft haben. Jedes Jahr im Februar halten wir so die Erinnerung an die damalige Schlacht im Jarama-Tal lebendig.«

Wie sich das Museum finanziert, frage ich Olga. »Unterstützung für das Museum kommt von den Angehörigen eines ehemaligen Interbrigadisten aus Deutschland, Fritz Eikemeier, der an der Jarama-Front gekämpft hat. Dessen Familie überreichte Goyo eine Geldspende und schickt zweimal im Jahr eine finanzielle Unterstützung.«

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Haben das Interesse an einem neuen Museum für Goyos Objekte entfacht: Hier beispielhaft die Entwürfe der Studierenden Lennard Dose (links) und Lisa Hock (rechts)

Nach und nach wurde aus der Sammlung ein richtiges Museum. Mit Hilfe moderner Technik können sich die Besucher über den Spanienkrieg informieren. Auch eine Dokumentation aller Ausstellungsgegenstände wurde erstellt. Goyo schuf die lebensgroße Figur eines Kämpfers aus Eisen, die im Eingang zum Museum steht. Pilar, die Chefin des Restaurants, habe Goyo versichert, dass sein Museum weiterhin eine sichere Bleibe bei ihr habe, erklärt mir Olga, »aber eine schriftliche Regelung darüber gibt es nicht«. Pilar ist eine alte Frau, deren Kinder das Restaurant nicht weiterführen wollen. »Was soll werden, fragt sich Goyo jedes Mal, wenn es Unstimmigkeiten zwischen den beiden gibt, so wie heute.«

Seit Tagen seien die Museumsflyer verschwunden, beklagt er sich, als wir in Morata ankommen. Während wir noch mit Pilar reden, tauchen die Flyer plötzlich auf. Man hätte sie wegen einer Großreinigung des Restaurants in die privaten Räume geschafft und dort vergessen. Goyo ist besorgt. Zum Museum gehören viele wertvolle Gegenstände, die sich im Gepäck der Soldaten befanden: riesige Kanonen und kleine Gewehrkugeln, auch kleine Tintenfässer, die er an der Front gefunden hat. Der Krieg dauerte drei Jahre. Es gibt auch Ohrringe, die die Soldaten als Andenken bei sich trugen – Funde von großem emotionalem Wert. Am liebsten würde Goyo alle Gegenstände einpacken und wieder zu sich nach Hause holen.

Bei den letzten Wahlen bekam das Rathaus von Morata eine sozialistisch-kommunistische Regierung: Ein Abgeordneter ist von Izquierda Unida, und der Bürgermeister ist Sozialist. Als die beiden Volksvertreter von Goyos Schwierigkeiten mit dem Restaurant hörten, haben sie ihn beruhigt und gesagt: »Das Museum gehört zu Morata und wir finden einen Platz dafür.« Der Bürgermeister stellte einen alten Pferdestall aus dem 18. Jahrhundert zur Verfügung. Allerdings stand das Gebäude seit Jahrzehnten leer, die Wände sind undicht geworden und der Putz fällt ab. Geld für die Sanierung hatte die Stadt nicht. Der Umzug des Museums rückte damit in weite Ferne.

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Im Januar 2018 bekam Olga den Anruf einer Freundin aus Berlin. Martina Abri ist Professorin an der Fachhochschule für Architektur in Potsdam und suchte für ihre Studenten ein Objekt in Madrid, das sich für eine Masterarbeit eignet. Olga erzählte ihr von dem denkmalgeschützten Pferdestall in Morata, und so kam alles in Bewegung. Abri machte sich mit ihren Studenten vor Ort ein Bild von dem Objekt und seiner Lage. Dann begannen sie mit der Vermessung des Pferdestalles. Für angehende Architekten bietet so ein altes denkmalgeschütztes Gebäude sehr viele Möglichkeiten. Goyo zeigte den Studenten auch das Museum. Gemeinsam gingen sie hinaus auf das ehemalige Schlachtfeld, und Olga übersetzte die spanische Geschichtsstunde.

Im September 2018 verteidigten die Studenten vor der Prüfungskommission in Potsdam ihre Entwürfe und hatten Olga dazu eingeladen. »Das waren berührende Momente.« Ein Student habe den Vorschlag gemacht, an der Straße nach Morata Totems aufzustellen, die aus dem gleichen Material gefertigt sein sollen wie das Denkmal auf dem Hügel. Zeichen, die den Besucher zum Museum hinführen. Ein anderer Student habe von den 13 jungen Mädchen und Frauen gehört – Kommunistinnen, Sozialistinnen und Anarchistinnen –, die kurz nach dem Ende der Kampfhandlungen am 5. August 1939 von einem franquistischen Erschießungskommando hingerichtet wurden. »Er fand es schrecklich, dass sie sterben mussten, weil sie eine eigene Meinung hatten. Alle Anwesenden waren ergriffen von dem Gedanken einer Hommage an die ermordeten Mädchen.«

Für Olga, deren Vater im Spanischen Krieg gekämpft hat, ist es eine lebendige Fortsetzung der Geschichte. Sie sagt: »1936 kamen junge Männer und Frauen nach Spanien und wollten helfen, die Demokratie zu verteidigen. 2018 kamen junge Männer und Frauen nach Spanien, um mit ihren Entwürfen für das Museum die Erinnerung an den Krieg zu verteidigen.«

Der Aufenthalt der Studenten in Morata hat viel bewirkt. Olga meint, dass anfangs ja alles sehr utopisch gewesen sei. Das Rathaus von Madrid würde zwar von linken Politikern und Demokraten geleitet, aber die Stadtverwaltung, die obere Behörde der Provinz Madrid, gehöre nach wie vor den PP-Leuten, also rechten Kräften. »Die geben kein Geld für so ein Museum aus.« Seit ein Sozialist die Regierung Spaniens übernommen hat, verfügt der Stadtbaurat von Morata über ein größeres Budget und wird einen umfangreichen Teil davon für den Umbau des Pferdestalles zur Verfügung stellen. Das Bürgerkriegsmuseum wird eines Tages an einem wunderschönen zentralen Platz in Morata de Tajuña eröffnet werden. Und Goyo? Noch glaubt er nicht so recht an diese Vision. Doch wenn sie gelingt, ist er glücklich. Das Museum ist sein Lebenswerk.

Olga Garcia Domingues ist die Tochter des spanischen Kämpfers Adolfo Garcia Prieto und lebte, nachdem der Vater aus dem Franco-Gefängnis in Burgos entlassen wurde, mit ihren Eltern in Ostberlin. Olga studierte dort Medizin und praktizierte als Gynäkologin. Seit September 1989 lebt und arbeitet sie in Madrid.

Renate Drommer ist Autorin und Journalistin und lebt in Berlin.

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