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Aus: Ausgabe vom 16.03.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Ersatzanführer

Arnold Schölzel
Von Arnold Schölzel
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Der Außenpolitikchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) ist zufrieden. Unter dem Titel »In der Verantwortung« heißt es in der Unterzeile eines Leitartikels von Klaus-Dieter Frankenberger am Dienstag: Deutschland »hat an Einfluss gewonnen. Ein Grund, selbstgefällig zu werden, ist das nicht«. Übersetzt heißt das: Der Weg zu einem deutschen »Platz an der Sonne« wird diesmal etwas länger als früher.

Also bitte sanft reden, auch wenn »wir« bereits zum »Ankerland« und in die »Klasse einer großen Mittelmacht« aufgestiegen sind. Frankenberger weiß, was angebracht ist. Der Leipziger Publizistikwissenschaftler Uwe Krüger zählte ihn 2013 in seinem Buch »Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alphajournalisten« zu jenen führenden Repräsentanten des Zeitungsgewerbes, die immer denselben Leuten bei immer denselben Gelegenheiten begegnen, was als Synonym für die sogenannte Elite verstanden werden darf.

Frankenberger ist Prophet. Und hat seinen Lesern Schönes mitzuteilen: »Blickt man im dreißigsten Jahr des Falls der Mauer zurück, wird man nicht behaupten können, die Aufforderung, mehr Verantwortung zu übernehmen, sei gänzlich auf taube Ohren gestoßen.« Anders gesagt: Von deutschem Boden konnte endlich wieder Krieg ausgehen. Der »desolate Zustand der Bundeswehr«, so der FAZ-Stratege, sei zwar »ein Skandal« und »die Deutschen mögen auch erst spät an Konfliktschauplätzen auftauchen«, aber das gelte auch für andere. Insgesamt aber hat die Bundesrepublik einen großen Schritt gemacht: »Doch wer hätte sich vor zwanzig Jahren vorstellen können, dass Soldaten der Bundeswehr einmal in Mali im Einsatz sein oder kurdische Kämpfer im Nordirak ausbilden würden? Und noch immer ist ein starkes Kontingent in Afghanistan präsent – mehr als 17 Jahre nach ›9/11‹.« Frankenberger nennt das eine »Lernkurve«, die »vor dem Hintergrund der deutschen Vergangenheit und einer unverändert großen Interventionsskepsis in der Bevölkerung nicht kleingeredet werden sollte«.

Es ist nur ein kleiner Wermutstropfen, dass die militärische Volksunterrichtung, die Befreiung der Deutschen von ihren Zweifeln am Nutzen des Bombardierens und Besetzens fremder Länder, noch nicht vollends gelungen ist. Aber Frankenberger und seine Kollegen »Alphajournalisten« haben das Klassenziel weiter fest im Auge. Die Hauptsache ist: Deutsche Truppen sind im Krieg bei abnehmender Aufregung in der Bevölkerung. Das war vor genau 20 Jahren, bei Beginn des NATO-Angriffs, noch anders. Und fast sieben Jahre ist es her, dass der damals gerade von SPD und Grünen zum Bundespräsidenten gewählte Kriegspfaffe Joachim Gauck mäkelte, die deutsche Gesellschaft sei »glückssüchtig«, ein Haufen von Friedensjunkies gewissermaßen, die ungern an neue deutsche Kriegsversehrte und noch viel weniger gern daran dächten, »dass es wieder deutsche Gefallene gibt«.

Frankenberger meint offenbar, das habe sich geändert, zumal die deutsche Kriegsbereitschaft im Ausland gewürdigt wird. Er zitiert wohlwollend den früheren Außenminister Polens, Radek Sikorski, der 2011 Deutschland die unentbehrliche Nation in Europa nannte. Frankenberger: Das »ist die Aufforderung zu fortwährendem Engagement der Deutschen – in Europa und jenseits davon«. Und: »In der neuen Ungemütlichkeit muss Deutschland sich zu behaupten lernen und umsichtig seine Interessen wahren – ob es den Titel Ersatzanführer des Westens akzeptiert oder nicht.«

Oder auch: Und morgen die ganze Welt.

Der Weg zu einem deutschen »Platz an der Sonne« wird diesmal etwas länger als früher und daher kein Triumph, kein provozierendes Gehabe mit »Es-ist-erreicht-Schnurrbart« oder anderen Auffälligkeiten im Gesicht.

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