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Aus: Ausgabe vom 16.03.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Hungersnot oder Auswanderung

Karl Marx äußerte sich 1853 in einem Zeitungsartikel zur »großen erzwungenen Emigration« aus England, Schottland und Irland
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»Nicht der Mangel an Produktivkräften schafft heute den Bevölkerungsüberschuss, sondern die Zunahme an Produktivkräften. Nicht die Bevölkerung drückt auf die Produktivkraft, sondern die Produktivkraft drückt auf die Bevölkerung« – »Verabschiedung irischer Auswanderer«, Bild von Mary Frances Cusack, 1868

Das Amt für koloniale Emigration gibt folgende Zahlen über die Emigration aus England, Schottland und Irland nach allen Teilen der Welt für die Zeit vom 1. Januar 1847 bis 30. Juni 1852: (Im Originaltext folgt eine Tabelle, aus der sich ergibt: Insgesamt 1.618.376 Personen, davon 1.200.436 aus Irland, 82.610 aus Schottland und 335.330 aus England, jW) (...)

Demnach gehören vier Fünftel der gesamten Emigration der keltischen Bevölkerung Irlands, des schottischen Hochlands und der schottischen Inseln an. Zu dieser Auswanderung bemerkt der Londoner Economist: »Sie ist die Folge des Zusammenbruchs des Gesellschaftssystems, das sich auf Zwergwirtschaft und Kartoffelbau gründet.« Er fügt hinzu: »Die Abwanderung des überflüssigen Teils der Bevölkerung aus Irland und dem schottischen Hochland ist eine unerlässliche Vorbedingung für alle Arten von Verbesserungen ... Die Einkünfte Irlands haben keineswegs unter der Hungersnot von 1846/47 gelitten, und auch nicht unter der seitherigen Auswanderung. Im Gegenteil, seine Nettoeinnahmen betrugen 1851 4.281.999 Pfund Sterling, waren also um etwa 184.000 Pfund Sterling höher als 1843.«

Erst treibe man also die Bevölkerung eines Landes in die Armut, und wenn dann nichts mehr aus ihr herauszuschinden ist, wenn sie dem Lande zur Last fällt, so jage man sie fort und errechne die Summe der Nettoeinnahmen! Das ist auch der Grundsatz, den (David) Ricardo (1772–1823, führender Vertreter der klassischen Nationalökonomie, jW) in seinem gefeierten Werke, den »Principles of Political Economy« (»Grundsätze der politischen Ökonomie«, 1817) niedergelegt hat. Wenn der jährliche Profit eines Kapitalisten 2.000 Pfund Sterling beträgt, so kümmert es ihn wenig, ob er hundert oder tausend Arbeiter beschäftigt. »Ist das wirkliche Einkommen der Nation dem nicht ähnlich?« fragt Ricardo. Wenn das wirkliche Reineinkommen einer Nation, Grundrente und Profit, dasselbe bleibt, dann ist es egal, ob es von zehn oder von zwölf Millionen Einwohnern herstammt. (Jean Charles Léonard Simonde de) Sismondi (1773–1842, Schweizer Ökonom, jW) antwortet darauf in seinen »Nouveaux principes d’économie politique« (»Neue Grundsätze der politischen Ökonomie«, 1819, jW), dass nach dieser Ansicht dann der englischen Nation gar nichts daran zu liegen brauchte, wenn die ganze Bevölkerung verschwände und der König (damals gab es keine Königin, sondern einen König) allein mitten auf der Insel bliebe, vorausgesetzt, dass eine automatische Maschinerie es ihm ermöglichte, dieselben Nettoeinkünfte zu erzielen, die heute eine Bevölkerung von zwanzig Millionen hervorbringt. (...)

In den alten Staaten, in Griechenland und Rom, bildete die erzwungene Emigration, die die Form der periodischen Errichtung von Kolonien annahm, ein regelrechtes Glied in der gesellschaftlichen Struktur. Das ganze System dieser Staaten war auf einer bestimmten Beschränkung der Bevölkerungszahl aufgebaut, die nicht überschritten werden durfte, sollte nicht der Bestand der antiken Zivilisation selbst gefährdet werden. Warum aber verhielt sich das so? Weil die Anwendung der Naturwissenschaft in der materiellen Produktion ihnen gänzlich unbekannt war. Um zivilisiert zu bleiben, mussten sie ihrer wenige bleiben. Sonst hätten sie sich jener schweren körperlichen Plackerei unterwerfen müssen, die den freien Bürger in einen Sklaven verwandelte. Mangel an Produktivkraft machte die Bürgerschaft abhängig von einem gegebenen Zahlenverhältnis, an dem nicht gerührt werden durfte. Das einzige Gegenmittel war daher die zwangsweise Emigration.

Dieser selbe Druck der Bevölkerung auf die Produktivkräfte trieb einst die Barbaren aus den Hochebenen Asiens zum Einfall in die Alte Welt. Es wirkte hier dieselbe Ursache, wenn auch in anderer Form. Um Barbaren zu bleiben, mussten sie ihrer wenige bleiben. Sie waren Hirten- und Jägervölker, kriegführende Stämme, deren Produktionsweise für jedes einzelne Individuum weite Landstriche erforderte, wie dies heute noch bei den Indianerstämmen in Nordamerika der Fall ist. Nahmen sie an Zahl zu, so beschnitt einer das Produktionsgebiet des andern. Daher war die überschüssige Bevölkerung gezwungen, sich auf jene großen abenteuerlichen Wanderungen zu begehen, die zur Bildung der Völker des alten und modernen Europa führten.

Ganz anders aber steht es mit der großen erzwungenen Emigration unserer Tage. Nicht der Mangel an Produktivkräften schafft heute den Bevölkerungsüberschuss, sondern die Zunahme an Produktivkräften verlangt eine Verringerung der Bevölkerung und beseitigt den Überschuss durch Hungersnot oder durch Auswanderung. Nicht die Bevölkerung drückt auf die Produktivkraft, sondern die Produktivkraft drückt auf die Bevölkerung.

Karl Marx: Erzwungene Emigration – Kossuth und Mazzini – Die Flüchtlingsfrage – Wahlbestechung in England – Mr. Cobden. In: New York Daily Tribune, 22. März 1853. Hier zitiert nach: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke (MEW), Band 8. Dietz Verlag, Berlin 1960, Seiten 541–544

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