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Aus: Ausgabe vom 16.03.2019, Seite 15 / Geschichte
VR China

Mittelalter beendet

Vor 60 Jahren floh der Dalai Lama aus China. Er konnte die Modernisierung Tibets nicht aufhalten
Von Sebastian Carlens
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»Tief beeindruckt von Mao Zedongs außergewöhnlicher Persönlichkeit«. Dalai Lama mit Mao, 13. Oktober 1954, Beijing

Manchmal ergreifen auch Boddhisattvas ganz irdisch die Flucht. Der 14. Dalai Lama, der von seinen Anhängern als eine solche buddhistische Heiligkeit verehrt wird, hat sich vor 60 Jahren, am 17. März 1959, aus seiner Heimat Tibet ins benachbarte Indien abgesetzt. Der Anführer der buddhistischen »Gelbmützen«, mit bürgerlichem Namen Tenzin Gyatso (Ehrentitel: »Wunscherfüllendes Juwel«, »Ozean der Weisheit«, oder, schlichter: »Seine Heiligkeit«), war 1953 als Sohn einer kinderreichen Bauernfamilie geboren worden. Sein Leben wie das seiner Familie sollte sich grundlegend ändern, als er als Kleinkind von einer Mönchsdelegation entdeckt wurde: Als Wiedergeburt des verstorbenen 13. Dalai Lama, eines der höchsten Würdenträger im damaligen Tibet.

1940 wurde der nunmehr Viereinhalbjährige in Lhasa, der Hauptstadt Tibets, inthronisiert. Tibet, ein Bestandteil Chinas seit vielen hundert Jahren, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts gänzlich unter die Fuchtel eines theokratischen Feudalregimes geraten. Im Jahre 1894 gelang es dem erwähnten 13. Dalai Lama mit Schützenhilfe der britischen Imperialisten, den chinesischen Statthalter aus Lhasa zu vertreiben. 1911 stürzte die bürgerlich-demokratische Revolution die letzte chinesische (Qing-) Dynastie, in den darauf folgenden Revolutions- und Bürgerkriegswirren ergriff der 13. Dalai Lama die Initiative: 1913 erklärte er Tibet für unabhängig.

Sehr weit her war es damit nicht. Kein anderes Land der Welt erkannte den neuen Staat an; auch fehlte die chinesische Unterschrift auf dem Unabhängigkeitsdokument. In Tibet entstand eines der barbarischsten Systeme, das die Erde kannte: 95 Prozent der Bevölkerung waren Analphabeten, regelmäßige Kindesentführungen frischten den Bestand an Mönchen auf. Der Bevölkerung waren alle Segnungen der Moderne unbekannt. Angefangen beim Fehlen westlicher Medizin, das eigentlich harmlose Krankheiten zur tödlichen Bedrohung machte, glich Tibet einem Reich, das im grauer Vorzeit stehen geblieben war. Leibeigenschaft, gar Sklaverei gehörten zum Alltagsbild. Im krassen Gegensatz zur unbeschreiblichen Armut der Bevölkerung lebt die Elite des Landes, der buddhistische Klerus und die Aristokratie aus Lhasa. Im »Potala«, dem damaligen Sitz des Dalai Lama, wurde ein ungeheurer Goldschatz, über Jahrhunderte der Bevölkerung abgetrotzt, verwahrt.

Am 1. Oktober 1949 rief Mao Zedong nach dem Sieg im Bürgerkrieg die Volksrepublik China aus. Die geschlagenen Nationalisten der Guomindang zogen sich nach Taiwan zurück; neben dieser Insel und den Kleinkolonien Hongkong und Macao war nun Tibet das einzige Territorium des Landes, das noch nicht befreit war. Es konnte 1950/51 durch einen nahezu unblutigen Einmarsch der Volksbefreiungsarmee zurückerobert werden, anschließend kam es zur Absetzung des probritischen Regenten Dhagza. Statt seiner wurde der 16jährige Dalai Lama, wiewohl inthronisiert, doch bis dahin nicht an den Regierungsgeschäften beteiligt, vorzeitig eingesetzt. Der Fall Tibets versetzte die Theokratenclique in Lhasa in Furcht: Überstürzt und mit dem Gold im Gepäck verließen die »Gelbmützen«-Anführer die Hauptstadt und flohen in Richtung indische Grenze. Man wollte die neuen Herren zunächst in Ruhe beobachten. Rasch kehrten die Würdenträger jedoch zurück; eine dauerhafte Flucht hätte die Aufgabe aller Besitztümer bedeutet.

Diese Überlegung schien gerechtfertigt: Die chinesische Regierung setzte ein 17-Punkte-Abkommen auf, das unter Berücksichtigung der besonderen Zustände in Tibet nur die Leibeigenschaft in die Geschichtsbücher verbannte. Der Klerus und seine Klöster, der Adel und seine Landgüter blieben unangetastet. Die Soldaten mit dem roten Stern an der Mütze kamen in friedlicher Absicht und hatten nicht vor, den Dalai Lama abzusetzen. Doch die Boten der neuen Zeit lösten eine Eigendynamik aus: Die Bauern legten Gebetsmühle und Büßergewand ab und hinterfragten die Herrschaftsmuster, die Nachrichten der wirtschaftlichen Erfolge aus anderen Teilen Chinas gelangten auch nach Tibet. Der Einmarsch der Volksbefreiungsarmee beendete das Mittelalter. Selbst der Dalai Lama hielt es noch ganze neun Jahre gut mit den neuen Herrschern aus – er wurde gar als Vizepräsident in den Nationalen Volkskongress (das chinesische Parlament) gewählt. Die chinesische Zentralregierung handelte nach dem Prinzip der Selbstbefreiung und gestattete weitgehende Autonomie, insbesondere in Fragen Freiheit der Religionsausübung und Verwaltung. Die Volksrepublik übernahm nicht einmal die tibetische Polizei, sondern nur die militärische Präsenz an den Außengrenzen.

Das 17-Punkte-Abkommen wurde schließlich 1959 einseitig durch die tibetische Feudalkaste gebrochen, was zu ihrer Absetzung und durchgreifenden demokratischen Reformen (wie einer Landreform) führte. Die alten Herrscher konnten sich selbst mit den nur minimalen Verlusten nach 1950 nicht abfinden, und insbesondere die Großgrundbesitzer rebellierten gegen das Ende der Leibeigenschaft. Für den seit dem vierten Lebensjahr von selbstherrlichen Mönchen in strenger Klausur erzogenen Dalai Lama, der vom Alltagsleben nichts und vom Rest der Welt höchstens durch den Mund des (damals in Tibet als Privatlehrer des Dalai Lama wirkenden) SA- und SS-Mannes Heinrich Harrer erfahren hatte, musste es schwer sein, die alten Denk- und Verhaltensmuster abzulegen. Die gesellschaftlichen Ursachen reichen freilich tiefer. Zwei seiner älteren Brüder (durch den Aufstieg Gyatsos war die ganze Familie in die Aristokratie aufgerückt) nahmen bereits im Jahr 1956 mit der CIA Kontakt auf. Ab 1958 wurde eine von dem Geheimdienst in den USA trainierte Truppe von 400 Guerillakämpfern im nepalesischen Berggebiet stationiert, das überwiegend von Tibetern besiedelt ist. Dort wurden weitere ethnische Tibeter rekrutiert, von der CIA gedrillt und bewaffnet. Sie konnten »den Chinesen mehrere Male erheblichen Schaden zufügen«, wie der Dalai Lama nicht ohne Genugtuung in seiner Autobiographie feststellte.

Der bis dahin zaudernde »Gelbmützen«-Anführer konnte von seinen Angehörigen mit dem Gerücht, die Chinesen wollten ihn kidnappen, zur Beteiligung am Aufstand überredet werden. Die Rebellion wurde niedergeschlagen und die Rebellenarmee entwaffnet, soweit sie nicht ins sichere Ausland entkam. Mit ihnen, den geschlagenen alten Kräften Tibets, floh der Dalai Lama erneut und endgültig. Sein heutiges Refugium heißt Dharamsala und liegt im Bundesstaat Himachal Pradesh, Indien. Dieses ihm 1960 zur Verfügung gestellte Gebiet war früher ein britischer Garnisonsstützpunkt und bis zur Ankunft des Dalai Lama und seines Gefolges eine Art Geisterstadt – nun hielt die sogenannte »Exilregierung Tibet« Einzug, um nicht nur eine geistige, sondern auch eine ganz weltliche Herrschaft über einige tausend freiwillig exilierte Tibeter und eher unfreiwillig dort lebende Inder anzutreten. Sie währt, von keinem Land der Welt anerkannt, bis heute.

1. Das tibetische Volk soll sich zusammenschließen und die imperialistischen Angreifer aus Tibet vertreiben; das tibetische Volk soll in die große Völkerfamilie des Mutterlandes der Volksrepublik China zurückkehren. (…)

3. In Übereinstimmung mit der Politik gegenüber den nationalen Minderheiten (…) hat das tibetische Volk das Recht zur Ausübung nationalen territorialen Autonomie unter der geeinten Führung der Zentralen Volksregierung.

4. Die Zentralbehörden werden das bestehende politische System in Tibet unverändert lassen. Die Zentralbehörden werden außerdem den bestehenden Status, die Funktionen und Befugnisse des Dalai Lama nicht antasten. Die Beamten der verschiedenen Rangstufen sollen ihre Ämter ausüben wie bisher. (…)

7. Die Politik der religiösen Glaubensfreiheit (…) soll wirksam werden. Religion, Sitten und Gebräuche des tibetischen Volkes sollen respektiert und die Lamaklöster geschützt werden. Die Zentralbehörden werden den Klöstern unverändert ihre Einkünfte belassen. (…)

9. Die Sprache in Wort und Schrift sowie das Schulwesen der tibetischen Nationalität sollen in Übereinstimmung mit den heutigen Bedingungen in Tibet Schritt für Schritt entwickelt werden. (…)

11. Hinsichtlich verschiedener Reformen in Tibet werden die Zentralbehörden keinen Zwang ausüben. Es bleibt der lokalen Regierung in Tibet überlassen, Reformen selbständig durchzuführen, und wenn im Volk Reformwünsche laut werden, sollen sie durch Beratung mit den maßgeblichen Personen in Tibet erfüllt werden. (…)

Peking, am 23. Mai 1951

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