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Aus: Ausgabe vom 16.03.2019, Seite 2 / Inland
Reaktionäres Rollback

»Bewegung hat mit ›Lebensschutz‹ nichts zu tun«

Bündnis mobilisiert gegen den rechten »1.000-Kreuze-Marsch« in Münster. Ein Gespräch mit Hannes Draeger
Interview: Markus Bernhardt
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Mit dem Kreuz unterwegs: »Marsch für das Leben« in Berlin (22.9.2018)

Am kommenden Sonnabend findet in Münster erneut der sogenannte 1.000-Kreuze-Marsch statt. Was hat man sich darunter vorzustellen? Wer sind die Organisatoren und Unterstützer?

Es handelt sich dabei um einen Marsch radikaler Abtreibungsgegner. Sie sprechen Frauen das Recht ab, sich selbstbestimmt für oder gegen einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden zu können. Dahinter steckt die Organisation »Euro Pro Life« aus Bayern, das Flaggschiff dieser »Lebensschützer«-Bewegung in Deutschland: Ein Sammelsurium aus ultrakonservativen und christlich-fundamentalistischen Gruppen. AfD-Mitglieder und Nazischläger waren in der Vergangenheit ebenfalls gern gesehene Teilnehmer dieser Aufmärsche. Mit »Lebensschutz« hat diese Bewegung rein gar nichts zu tun: Sie trifft man weder auf den »Seebrücke«-Demonstrationen zur Unterstützung der Seenotrettung im Mittelmeer noch bei Blockadeaktionen deutscher Rüstungskonzerne an. Ihnen geht es einzig und allein darum, Frauen zu bevormunden und Ärztinnen und Ärzte zu terrorisieren, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen.

Und diese Personen marschieren tatsächlich mit weißen Kreuzen auf?

Die weißen Kreuze sollen symbolisch für abgetriebene Föten in Deutschland stehen. Begleitet wird der Marsch mit propagandistischen Fötenbildern aus der 16. oder 18. Woche der Schwangerschaft, um den Fötus möglichst »lebendig« erscheinen zu lassen. Das ist bewusst irreführend. Wenn Frauen sich gegen die Fortsetzung einer Schwangerschaft entscheiden, erfolgt der Abbruch in fast allen Fällen vor der 12. Woche. Betroffene Frauen sollen mit den weißen Kreuzen und den Schockbildern unter »Mordverdacht« gestellt werden. Das ist einfach nur widerlich.

Wie verhält sich die katholische Kirche, die im als konservativ geltenden Münsterland ja noch immer über nicht unerheblichen Einfluss verfügt, gegenüber den christlichen Fundamentalisten?

Ich kenne viele bekennende Christinnen und Christen, die sich diesem obskuren Aufmarsch am kommenden Samstag entgegenstellen werden. Der Arbeitskreis Befreiungstheologie in Münster wird auf unserer Kundgebung einen Redebeitrag halten. Die andere Seite: Der Münsteraner Bischof Genn ist auf der Linie der Abtreibungsgegner unterwegs. Kurz vor dem irischen Referendum warnte er öffentlich vor einer Lockerung des Abtreibungsverbots in Irland. Es half nichts: 66 Prozent des katholisch geprägten Irlands stimmten im Referendum für die Abschaffung des Abtreibungsverbotes.

Aufgrund der aktuellen Debatten um den Paragraphen 219 a StGB, der die Werbung für Abtreibung verbietet, ist das Thema Schwangerschaftsabbruch aktuell in aller Munde. Ist die zu beobachtende gesellschaftliche Polarisierung in Fragen von Frauenrechten, Feminismus und der Frage des Selbstbestimmungsrechts der Frau über ihren Körper auch ein Grund dafür, dass Gleichberechtigungsgegner zunehmend Anhänger finden?

Der gesellschaftliche Rechtsruck und der Aufstieg der AfD sind ein guter Nährboden für die Abtreibungsgegner, um neue Anhänger zu gewinnen. In Münster ist es uns gelungen, die AfD mittels Massenprotesten vom Rest der Bevölkerung zu isolieren. Anders als in manch anderen Städten stagniert bei uns die Teilnehmerzahl des »1.000-Kreuze-Marsches«. Gleichzeitig ist überall zu beobachten, dass die zunehmende Polarisierung eine Generation junger Gegenkräfte auf den Plan ruft. Anfang des Jahres gingen bundesweit in über 30 Städten Tausende gegen den faulen Kompromiss der großen Koalition auf die Straße, den Naziparagraphen 219 a beizubehalten. Aber trotzdem ist doch in der Gleichstellungspolitik ein reaktionäres Rollback zu beobachten.
Die Beibehaltung des Paragraphen 219 a ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich die CDU von der AfD und der Bild treiben lässt. Und die SPD macht mit.

Das »Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung« ruft zu Protesten gegen die Provokation der Fundamentalisten auf. Welche Inhalte wollen Sie diesen Leuten entgegenstellen?

Wir werden mit einem breiten zivilgesellschaftlichen Bündnis deutlich machen, dass Frauen das Recht haben, selbst über ihren Körper zu bestimmen und dass in Münster kein Platz für Frauenfeindlichkeit ist.

Hannes Draeger ist Mitglied des Kreisvorstandes der Partei Die Linke in Münster und aktiv im Münsteraner Bündnis für sexuelle ­Selbstbestimmung

Demonstration: 16. März, 13:30 Uhr, Hauptbahnhof Münster

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