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Aus: Ausgabe vom 13.03.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Dann greift der Bulle ein

»Beale Street« – Barry Jenkins’ bemerkenswerte Verfilmung von James Baldwins Roman
Von Peer Schmitt
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Unauffällig sein reicht nicht – Regisseur Barry Jenkins, Kiki Layne und Stephen James am Set

Weiß auf schwarzem Grund. Absatz für Absatz erscheinen die Worte des kurzen Vorworts, das James Baldwin für die deutsche Ausgabe seines 1974 erschienenen Romans »If Beale Street Could Talk« (dt.: »Beale Street Blues«) verfasst hatte, auf der Leinwand: »Die Beale Street ist eine Straße in New Orleans, wo mein Vater, wo Louis Armstrong und der Jazz geboren wurden. Jeder in Amerika geborene Schwarze ist in einem Schwarzen-Viertel irgendeiner amerikanischen Stadt geboren, sei es in Jackson, Mississippi oder Harlem, New York. Die Beale Street ist unser Erbe. Dieser Roman handelt von der Möglichkeit und der Unmöglichkeit, von der absoluten Notwendigkeit, diesem Erbe Ausdruck zu verleihen. Die Beale Street ist eine laute Straße. Es bleibt dem Leser überlassen, im Schlagen der Trommeln eine Bedeutung zu erkennen.«

Baldwins Worte bleiben als einleitender Rahmen von Barry Jenkins’ Romanverfilmung (vom Originaltext um einen das N-Wort enthaltenden Halbsatz gekürzt) so stehen, bevor sie wieder verschwinden, zuletzt der Name des 1987 gestorbenen Verfassers, um schließlich einer ausgiebigen Farborgie Platz zu machen. Blühende Bäume im Frühling und das strahlende Gelb und Marineblau der sich überstilisiert ergänzenden Kleidung des Paares, dessen Nähe zueinander in der beinahe wortlosen, von der getragenen Filmmusik von Nicholes Britell dominierten Eröffnungssequenz choreographiert wird. Unzertrennlich sollen und werden sie sein. Obwohl es sich um die Geschichte der gewaltsamen Trennung eines Paares handelt. »Wir wollten heiraten, aber dann kam er ins Gefängnis« – so sagt es die Ich-Erzählerin im Roman.

»Ich wünsche es keinem, dass er den, den er liebt, durch eine Glasscheibe ansehen muss«, ist der erste Satz der Ich-Erzählerin aus dem Off, der die Eröffnungssequenz abschließt und zugleich zur nächsten, einer Gefängnisbesuchsszene überleitet. Der Satz ist wörtlich aus dem Roman übernommen, ist also gleichsam die Stimme James Baldwins als Stimme der weiblichen Hälfte des Paares, Tish Rivers (KiKi Layne). Eine neunzehnjährige Frau, die schwanger ist und in der Parfümabteilung eines Kaufhauses arbeitet. Der Kindsvater und Verlobte Fonny Hunt (Stephan James) ist Aushilfskoch und Hobbybildhauer. Sie wollen eine Familie gründen und suchen eine gemeinsame Wohnung, die sie, wie durch ein Wunder, sogar finden.

Tish und Fonny leben den Alltag einer »schwarzen« Boheme, die sich noch nicht radikalisiert hat und ein schlichtes Familienleben führen möchte. Die Umstände jedoch machen diese »Normalität« unmöglich. Das ist eine der grundsätzlichen Beobachtungen James Baldwins: Man kann noch so harmlos, bescheiden und unscheinbar sein, wirklich nicht mehr wollen, als abends um die Ecke unbehelligt Gemüse, Bier und Zigaretten kaufen – und es wird trotzdem zu einer existentiellen Herausforderung. Wenn man »schwarz« ist im New York der frühen 70er. Dann nämlich reicht es nicht, unauffällig zu sein. Jede deiner Gesten ist Ausdruck einer Gefährdung, selbst wenn es dir gelingt, dich über die Umstände dieser Gefährdung lustig zu machen: »Komisch, woran du dich festhältst, um den Terror zu überstehen, wenn du vom Terror umgeben bist.«

Fonny sitzt – unschuldig – im Gefängnis. Er wartet auf seinen Prozess, weil er beschuldigt wird, eine puertoricanische Frau (Emiliy Rios) vergewaltigt zu haben. Die Anschuldigungen der schwer traumatisierten Frau werden bekräftigt durch die Aussage eines rassistischen weißen Streifenpolizisten (Ed Skrein). Die Aussage des Polizisten hat eine Vorgeschichte, sie wurzelt in einer Auseinandersetzung in einem Lebensmittelgeschäft, in dem Tisch von einem Weißen mit sexuellen und rassistischen Anzüglichkeiten belästigt wird. Ihr Verlobter verprügelt den Typen. Dann greift der Bulle ein.

Es ist eine exemplarische Szene des Ausagierens von Männlichkeit als Machtdemonstration. Da ist die »weiße« Polizeiuniform-Männlichkeit, der die »schwarze« Männlichkeit mit der Intention, »die Frau zu beschützen« gedemütigt ausgeliefert ist, während sich im Handlungsraum der Körper der Frau als Schutzschild zwischen »ihren Mann« und die allmächtige uniformierte Männlichkeit stellt. Das ganze Elend einer rassistischen patriarchalen Struktur in einem Bild.

Innerhalb dieses Gewaltzusammenhangs kann selbstverständlich niemand irgend jemand vor irgend etwas beschützen. So wenig, wie es den Familien des Paares gelingen wird, die Unschuld des Angeklagten zu beweisen, obgleich ihre Anstrengungen sie bis zu den Bordellquartieren von Puerto Rico führen.

Jenkins hat Baldwins Wort vom Erbe, dessen Ausdruck absolute Notwendigkeit hat, sehr ernst genommen. Die Musik von Nina Simone, Miles Davis und John Coltrane hilft ihm, diese Ernsthaftigkeit zu vermitteln. Alles atmet die schwere Klassizität eines weit mehr als lediglich literarischen Erbes. Die Verfilmung ächzt ein wenig unter dem Gewicht dieses Erbes.

»Beale Street«, Regie: Barry Jenkins, USA 2018, 119 Min., bereits angelaufen

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