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Aus: Ausgabe vom 14.03.2019, Seite 10 / Feuilleton
Ästhetik

Der schöne Vor-Schein

Oder das Unsichtbare sichtbar machen: Die diesjährige Hans-Heinz-Holz-Tagung in Wien
Von Corinna Koch
Those Were the Days: Hans Heinz Holz (2007)
Those Were the Days: Hans Heinz Holz (2007)

Die fünfte Hans-Heinz-Holz-Tagung fand am vergangenen Wochenende in den Räumlichkeiten der Universität Wien statt. Die Veranstalterin, die Gesellschaft für dialektische Philosophie (GfdP), stellte sie unter das Motto: »Realismus als ästhetisches Prinzip«.

Der GfdP-Vorsitzende Andreas Hüllinghorst betonte eingangs die Bedeutsamkeit der Ästhetik im Werk von Hans Heinz Holz, die nicht losgelöst von der Philosophie betrachtet werden könne. Was in der Philosophie nur abstrakt-theoretisch ausdrückbar sei, benötige ein sinnliches Gegenstück, das Holz in der Kunst erblicke. Realismus sei dementsprechend auch kein historischer Stil, sondern ein methodisches Prinzip, die Strukturen der Wirklichkeit zu erhellen.

In einem Streitgespräch loteten die Philosophen Jörg Zimmer und Thomas Metscher einige »Grundprobleme der Ästhetik« aus. Einig waren sie sich darin, dass eine ästhetische Theorie die »Gattungspezifik der Künste« zu untersuchen und dabei ideologiekritisch vorzugehen habe. Denn gerade Kunstwerken seien ihre ideologischen Produktionsbedingungen eingeschrieben, aber auch ein utopischer Gehalt eigen. Uneinigkeit herrschte über die Methode. Während Zimmer für eine weitreichende Aufnahme des kulturgeschichtlichen Erbes plädierte, warnte Metscher davor, die Kritik hierbei zu vernachlässigen.

Der Schriftsteller Dietmar Dath schlug in dieselbe Kerbe. Kunstwerke taugten nur dann zur Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen, wenn sie gelungen seien. Dafür müsse die Kunstproduktion sich an der Mimesis orientieren – inklusive einer abstrakten, die Verhältnisse abbildet. Eine ästhetische Theorie habe als Partnerin der Künste Gelungenheitskriterien zu entwickeln, die einerseits die gesellschaftlichen Ressourcen der Kunstproduktion berücksichtige. Zum anderen solle der Anteil der Kunst an der gesamtgesellschaftlichen Bedürfnisbefriedigung analysiert werden.

Dass die ästhetische Vernunft nur ihre Plausibilität bewahrt, wenn die konkrete Kunstpraxis sich komplementär zu ihr verhält, demonstrierte die Künstlerin Anna Artaker mit ihrem Projekt »The Pencil of Nature«. Darin setzt sie sich mit der Technik des Naturselbstdrucks des britischen Fotografen William H. F. Talbot (1800–1877) auseinander. Ihre »Galvanoplastiken«, Produkte der zweimaligen galvanoplastischen Abformung botanischer Fotogramme von Talbot, verbinden die Vergangenheit mit der Gegenwart, indem die Unikate Talbots originalgetreu in einer industriellen Serie reproduziert werden. In Anlehnung an Walter Benjamins Begriff des dialektischen Bildes unterstrich Artaker, dass vor allem die Beschaffenheit des Mediums über die Wirklichkeitsbezüge des Menschen entscheide.

Die folgenden Beiträge thematisierten Holz’ Ästhetik im Verhältnis zu der von Ernst Bloch und der von Georg Lukács, mit denen Holz tief verbunden war. Doris Zeilinger zeigte, dass der Kommunismus entgegen aller platten Utopie für Bloch eine gesellschaftliche und keine ästhetische Aufgabe sei. Die Kunst könne aber »Lineamente« bzw. den Vor-Schein einer solchen Gesellschaftsordnung zeigen, in der weder der Mensch noch die Natur unter das Kapital subsumiert würden. Blochs Interesse galt daher der Landschaftsmalerei als möglichem ästhetischen Ausdruck einer gelungenen Mensch-Natur-Einheit. Darin unterscheide er sich von seinem Jugendfreund Lukács. Diesem gehe es eher um eine systematische Ästhetik, in der die Kunst auf ihre gesellschaftlichen Voraussetzungen zurückgeführt wird, wie Daniel Göcht ausführte. Zentral sei hierbei die Theorie der Mimesis, denn die Kunst thematisiere vor allem den gesellschaftlich bedingten Stoffwechsel des Menschen mit der Natur, und zwar in einer den Rezipienten ansprechenden Form. Holz knüpfte an Lukács’ Gedanken an, habe ihn aber in entscheidenden Punkten korrigiert. Das liege vor allem daran, dass Holz die Ästhetik enger an die Entwicklung der Wissenschaften binde, wie Kristin Bönicke darlegte. Beide gehen von einer Einheit von Form und Inhalt aus, legen aber unterschiedliche Schwerpunkte. Während Lukács die Wissenschaft funktionell begreife und die Kunst auf die ideelle Widerspiegelung menschlicher Verhältnisse festlege, sei die Kunst bei Holz dazu angehalten, die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaften zu versinnlichen. Dieser Schulterschluss sei aber durch die Inwertsetzung der Kunstwerke im Spätkapitalismus torpediert und blockiere deren emanzipatives Potential.

Über alle Unterschiede hinweg orientieren sich die Ästhetiken von Holz, Lukács und Bloch vor allem an der Philosophie Hegels. Ob das noch zeitgemäß ist, wurde nicht offen infrage gestellt. Doch kam in allen Beiträgen und Debatten immer wieder der Gedanke einer mehrwertigen Ästhetik auf, welche nicht mehr ausschließlich auf der Kunst, sondern auf der theoretischen Summe aller ästhetischen Beziehungen einer Gesellschaft fuße. Dass die genannten ästhetischen Theorien hierbei eine tragende Rolle spielen werden, kann nach dieser Tagung als ausgemacht gelten.

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