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Aus: Ausgabe vom 13.03.2019, Seite 2 / Inland
Die Stimme erheben

»Zensur fordern wir eben gerade nicht«

Initiative »Verlage gegen rechts« bei Leipziger Buchmesse präsent. Politische Debatte erwünscht, Verbote nicht. Ein Gespräch mit Jim Baker
Interview: Oliver Rast
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Teilnehmer einer Demonstration der Initiative »Verlage gegen rechts« auf dem Leipziger Augustusplatz (14.3.2018)

Die Kampagne »Verlage gegen rechts« wird wieder auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse präsent sein. Warum?

Die Initiative ist ad hoc auf der Leipziger Buchmesse 2016 entstanden. Einige unabhängige Verlage fanden sich im selben Gang wie das Magazin Compact und meinten, das könne nicht angehen. Wir linken Verlage müssten unbedingt ein Zeichen setzen, dass wir solche – in unseren Augen reaktionäre – Inhalte nicht widerstandslos hinnehmen. Daraus hat sich eine Spontanaktion gebildet, sprich: ein Flash-Mob jeden Tag von ca. fünf bis zehn Minuten. Im Laufe der Woche gewann die Aktion immer mehr Zulauf, am letzten Messetag blockierten ca. 150 Menschen den Stand friedlich.

Wer trägt diese Initiative?

Nach der Messe haben einige von uns gedacht: Eigentlich sollten wir das bei jeder Messe veranstalten. Einfach zeigen, dass das Büchermachen durchaus eine politische Handlung ist und dass wir Verlagsmenschen uns mit unseren Inhalten positionieren können und müssen. So entstand das Aktionsbündnis »Verlage gegen rechts«. In der Zwischenzeit haben mehr als 80 Verlage und 200 Einzelpersonen aus der Branche unsere Petition unterschrieben. Das sind fast ausschließlich Kleinverlage sowie Verlage, die sich als dezidiert links begreifen. Bedauerlicherweise ist es uns kaum gelungen, größere Verlage für unsere Arbeit zu gewinnen.

Wie reagieren die Leitungen der Buchmessen in Leipzig und in Frankfurt am Main auf Ihre Initiative?

Die beiden Messen reagieren völlig unterschiedlich. Während in Leipzig eine enge und kollegiale Kooperation mit der Messeleitung aufgebaut werden konnte, begegnet uns in Frankfurt eher Gleichgültigkeit. Zwar hatte die Messeleitung dort »nichts gegen« unsere Initiative und kündigte zunächst auch eine Kooperation an, doch eine aktive Unterstützung unserer Arbeit kam leider nicht zustande.

Warum werden diese rechten Verlage überhaupt zugelassen?

Rechtlich gesehen, darf man Verlage nur dann ausschließen, wenn sie gegen Gesetze verstoßen haben. Meines Wissens ist das aber nicht der Fall, daher haben die jeweiligen Messeleitungen kaum eine Handhabe, zumal ein Ausschluss meiner Meinung nach in einer vielfältigen Verlagslandschaft, wie wir sie in Deutschland zum Glück haben, sowieso ein fatales Signal wäre.

Steigt das Publikumsinteresse an Buchtiteln rechter Verlage?

Das ist schwer zu sagen. Es lässt sich kaum überprüfen, wieviel von dem Publikumsauflauf bei Ständen rechter Verlage auf den Messen der medialen Aufmerksamkeit geschuldet ist und wieviel echtem Leserinteresse.

Wie steht es um die Meinungsfreiheit auf den Buchmessen? Wollen Sie als progressive Verleger, die gerne für eine offene Debattenkultur streiten, zur Zensur greifen?

»Zensur« ist natürlich ein sehr explosiver Begriff. Nein, Zensur fordern wir eben gerade nicht. Doch genauso wie jeder Verlag das Recht hat, sein Profil so zu gestalten, wie er es für richtig hält, so beanspruchen wir für uns das Recht, unsere Stimme gegen Inhalte zu erheben, die wir als Bedrohung für ein inklusives, pluralistisches und menschenwürdiges Zusammenleben in der Gesellschaft erachten.

Das Zensurverbot gilt dann auch für rechte Titel im Buchhandel?

Als gelernter Buchhändler werde ich einen Teufel tun, Kollegen und Kolleginnen vorzuschreiben, wie sie ihr Sortiment zusammenstellen. Das Überleben unabhängiger Buchhandlungen ist eh schwierig genug. Denn grundsätzlich müssen alle, die am Markt aktiv sind, überlegen, wie sie ihre Existenz sichern. In meinen Augen ist es aber naiv, zu glauben, dass man sich mit den verbreiteten Inhalten, Autoren, Themen und Titeln politisch nicht positioniert.

Sie veranstalten auf der Leipziger Buchmesse wieder ein kritisches Begleitprogramm. Insgesamt plant »Verlage gegen rechts« 14 Diskussionsrunden – welche zum Beispiel?

Ein Themenschwerpunkt ist die Wirkung von Sprache. Am Messesamstag diskutieren beispielsweise die Ärztin Kristina Hänel, die Lektorin Lena Luczak und die Aktivistin Tina Reis, wie über Schwangerschaftsabbrüche geschrieben und publiziert werden kann, trotz des geltenden Informationsverbots. Fatma Aydemir, Luise F. Pusch und Mohamed Amjahid stellen auf einem weiteren Panel ihre Perspektive auf Macht durch Sprache vor. Und Anne Roth und Viet Hoang sprechen über digitale Gewalt und wie durch diese unser Publikationsverhalten beeinflusst wird. Also: Auch dieses Jahr ist das Programm vielversprechend.

Jim Baker ist Gründer und Leiter des Querverlags

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