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Aus: Ausgabe vom 11.03.2019, Seite 10 / Feuilleton
Ich such die DDR

Palast beging Republikflucht

Gesprächsbedarf Ost: Ein Politspektakel im Haus der Berliner Festspiele
Von Matthias Krauß
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»Eine Farce muss ja nichts Schlechtes sein«: Haus der Berliner Festspiele

Jede weltgeschichtliche Tatsache ereignet sich einmal als Tragödie und das andere Mal als Farce, das trifft nun auch auf den Palast der Republik zu. Elf Jahre nachdem der letzte Stein aus seiner Grundmauer gerissen wurde, ist er in Wilmersdorf für kurze Zeit neu entstanden. Das Haus der (West-)Berliner Festspiele wurde fürs vergangene Wochenende zum kleinen Bruder des Volkspalastes umgestaltet. Markantestes Zeichen: die Bronzefolien auf dem Fenstern, die dem Gebäude tatsächlich einen Hauch von »Erichs Lampenladen« verliehen. Und eine Farce muss ja nichts Schlechtes sein, sie soll unterhalten, und es gibt gute Unterhaltung.

These – Antithese – Synthese. Soweit ist der geistige Hintergrund dieser aufwendigen Aktion auch brav marxistisch inspiriert. Das, was der originale Palast der Republik geistig und politisch verkörperte, ist mit ihm in den Staub der Geschichte gesunken. Die danach einsetzende offizielle Gegendarstellung, die interessengelenkte »Aufarbeitung«, wirft mehr Fragen über die DDR auf als sie beantwortet. So ging es den Künstlern und Programmgestaltern um neue Perspektiven beim Rückblick. Festspielintendant Thomas Oberender sah in dem Rahmen keinen Anlass für Nostalgie oder Ostalgie, sondern das Angebot, über Ost und West zu sprechen; darüber, wie die Geschichte für heute produktiv gemacht werden könne.

Buchautor Bernhard Schlink (»Der Vorleser«) erinnerte in einer Diskussionsrunde daran, dass die Reformbewegung in der DDR eine Verfassung für das Land geplant hatte, in der die Errungenschaften der »friedlichen Revolution« gleichsam abgesichert werden sollten. So wollten die Bürgerrechtler in die deutsch-deutschen Verhandlungen gehen. Unter anderem sollten das Recht auf Arbeit, auf Wohnen und würdiges Sterben ins Grundgesetz. Daraus wurde bekanntlich nichts, die DDR durfte dem Geltungsbereich des Grundgesetzes beitreten, geregelt in einem »Einigungs«-Vertrag, der angesichts der Machtverhältnisse nur den Charakter des Diktats tragen konnte. Das Recht auf Arbeit und das Recht auf Wohnen haben es zwar in die brandenburgische Landesverfassung geschafft, doch haben sie dort eine eher täuschende Funktion. Denn es sind eben keine Individualrechte, sondern wolkige »Staatsziele«, die im Einzelfall zu gar nichts verpflichten.

Was bei der Eröffnung des Politspektakels am Freitag abend im neuen Wilmersdorfer »Palast« über die Bühne ging, wurde im Deutschlandfunk Kultur als schlichte Kapitalismuskritik und »Kommunismusverklärung« abgetan. Immerhin konnte die einstige brandenburgische Ausländerbeauftragte Almuth Berger darauf hinweisen, wie rasch sich vor 30 Jahren die Losung »Wir sind ein Volk« mit den Parolen »Ausländer raus«, »Deutschland den Deutschen« gemischt hatte. Zum Programm, das auch Lesungen und künstlerische Darbietungen enthielt, gehörte ein Gespräch mit der französischen Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy.
Auf dem Grund des Stadtschlosses, das im Krieg schwer zerstört und 1950 abgerissen worden war, errichtete die DDR Mitte der 70er den Palast. Er war Sitz der Volkskammer und Ort großer und kleiner Kulturveranstaltungen. Das war weltweit einmalig: Kneipen und Bowlingbahnen unter einem Dach mit dem höchsten Parlament des Landes.

Nach der »Wende« wurde das völlig intakte Gebäude für asbestverseucht erklärt und schließlich geschleift. Heute steht dort eine Rekonstruktion des Schlosses, das Humboldt-Forum. Über den richtigen Umgang mit Architektur und Geschichte wird weiter debattiert. »Ich finde falsch, dass das alte Preußenschloss abgerissen wurde. Und ich finde auch falsch, dass später der Palast der Republik abgerissen wurde«, sagte Intendant Oberender gegenüber dpa. »Heute wäre er im Stadtzentrum von Berlin ein Gebäude, das eine schwierige Geschichte wachhalten könnte.«
30 Jahre nach dem Mauerfall sieht er wachsenden Gesprächsbedarf. »Wir müssen anfangen, die Sicht der Ostdeutschen ernst zu nehmen«, meint er. Es gehe nicht um eine Verklärung der DDR oder Helmut Kohls, sondern darum, »ein realistischeres Bild der Revolution und der Langzeitfolgen des Einheitsvertrages für die Ostdeutschen zu zeigen«.

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