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Aus: Ausgabe vom 12.03.2019, Seite 6 / Ausland
Myanmar

Frauentag in Myanmar

»Balance for better«: Bündnis setzt in Metropole Yongan Zeichen
Von Thomas Berger, Yangon
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Friedensnobelpreisträgerin aber keine Feministin: Verkauf von T-Shirts mit dem Bild von Aung San Suu Kyi in Hopong (6.9.2015)

Mit einem Tag Verspätung haben am Sonnabend zahlreiche Aktivistinnen und Aktivisten in Yangon im Maha Bandoola Park neben dem zweitwichtigsten buddhistischen Heiligtum der Wirtschaftsmetropole den Internationalen Frauentag gefeiert. Organisiert wurde die Veranstaltung, auf der es gesellschaftspolitische Reden, Kulturdarbietungen und etliche Infostände gab, von der International Women’s Day Working Group. Ihr gehörten mehr als 40 Gruppen an – darunter international tätige NGOs wie Oxfam und Ärzte ohne Grenzen, kleine Vereine und Stiftungen aus Myanmar, zudem Dachverbände und Netzwerke wie National Network of Rural Women, Women’s League of Burma und auch gewerkschaftliche Gruppierungen.

In Myanmar, in dem fast ein halbes Jahrhundert direkt oder indirekt das Militär herrschte und erst vor wenigen Jahren Versuche einer »Demokratisierung« einsetzten, kann die organisierte Frauenrechtsbewegung auf keine große Tradition zurückblicken, auch wenn es einzelne Vorkämpferinnen gegeben hat. Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, die heute als Staatsrätin faktisch die Regierung leitet, mag zwar insgesamt trotz mancher Enttäuschungen für einige Vorbild sein, sie ist aber keine Feministin. Nach wie vor ist der multiethnische Staat zwischen Süd- und Südostasien eine zutiefst patriarchalisch geprägte Gesellschaft, vor allem in den ländlichen Regionen. In den wenigen urbanen Zentren ändert sich aber langsam etwas, die Metropole Yangon ist in vielerlei Hinsicht Vorreiter.

Ganz offen konnte am Sonnabend an einem Stand beispielsweise auch das »Regenbogenbündnis« mit Organisationen wie Rainbow Six und LGBT Group agieren. Zumindest hier war das Interesse an den Sorgen und Forderungen der LGBTIQ-Community groß, im Alltag haben ihre Vertreterinnen und Vertreter es sonst alles andere als leicht. Traditionelle Rollenbilder herrschen trotz Reformen weiter vor. Das gilt in gleicher Weise für fehlende Genderparität in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft, den Mangel an gleichen Bildungschancen für Mädchen und viele weitere Punkte, die an den Ständen thematisiert wurden. Es gibt jedoch viele Projekte, selbst im ländlichen Raum, die Hoffnung auf Wandel machen.

Nicht nur in Yangon gibt es junge Frauen, die mit althergebrachten Rollenbildern gebrochen haben, gegen arrangierte Eheschließungen aufbegehren, eigene Unternehmen gründen. Zudem wird eine stärkere aktive Beteiligung von Frauen am nationalen Dialog und Friedensprozess eingefordert. Frauen sind zwar oft die Hauptleidtragenden der noch immer nicht beigelegten bewaffneten Konflikte zwischen Armee (Tatmadaw) und diversen aufständischen Gruppen ethnischer Minderheiten, aber in den Delegationen, die Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen führen, sind sie kaum bis gar nicht vertreten. »Balance for better«, der Slogan der Frauentagsaktion in Yangon, hat alle diese Forderungen und Initiativen ausdrücklich mit einbezogen – von der gesamtgesellschaftlichen Zukunftsgestaltung bis hin zu den vielen einzelnen Fragen des Alltags.

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