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Aus: Ausgabe vom 12.03.2019, Seite 5 / Inland
Bildung

Hartz-IV-Bezieher werden abgeschrieben

Studie: Staat gibt weniger Geld für Qualifizierung von Erwerbslosen aus
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Jobcenter als Sackgasse: Hartz-IV-Bezieher werden kaum Weiterbildungsmöglichkeiten gewährt

Der Staat vernachlässigt einer Studie zufolge die Weiterbildung von Erwerbslosen. »Weiterbildung war zu lange das Stiefkind der öffentlichen Bildungsfinanzierung und erreicht noch immer nicht diejenigen, die besonders auf Unterstützung angewiesen sind«, kritisierte Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung, am Montag.

Der Studie zufolge werden pro Jahr rund 26,9 Milliarden Euro für Weiterbildungen ausgegeben. Der Großteil – knapp 20,6 Milliarden Euro – wird demnach privat finanziert, durch Betriebe oder die Teilnehmenden selbst. Nur 6,3 Milliarden Euro bringt die öffentliche Hand für Weiterbildungen auf. Im Jahr 1995 wendete der Staat mit 11,1 Milliarden Euro noch knapp doppelt soviel für Volkshochschulen, Abendschulen oder Meister-Bafög auf. Die Angaben beziehen sich auf Daten bis 2015.

Seit dem Tiefpunkt 2012 gab es der Untersuchung zufolge zuletzt wieder einen Anstieg der öffentlichen Mittel für Weiterbildung von damals noch 4,9 Milliarden Euro auf nun 6,3 Milliarden Euro. Diese kommen demnach vor allem den Beziehern von Arbeitslosengeld I zugute, adressieren aber nur selten Geringqualifizierte oder diejenigen, die auf Hartz IV angewiesen sind. Insgesamt gibt es in Deutschland allein 4,6 Millionen Geringqualifizierte ohne abgeschlossene Berufsausbildung.

Während Unternehmen mehr Geld in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter investierten, sanken die Aufwendungen von Privatleuten. So stiegen die Ausgaben der Betriebe seit 2012 um 4,7 Prozent auf 11,1 Milliarden Euro im Jahr, die privaten Weiterbildungskosten sanken hingegen um 14 Prozent auf 9,5 Milliarden Euro.

Laut der Stiftung besuchten in den vergangenen zwölf Monaten 12,2 Prozent der Bevölkerung eine Weiterbildung. Bei von Armut gefährdeten Menschen waren es nur 7,7 Prozent und bei Menschen ohne formalen Berufsabschluss nur noch 5,6 Prozent.

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann sagte dem Handelsblatt, Politik und Unternehmer müssten »Geld zur Verfügung stellen«, und zwar nicht zuletzt für Qualifizierung, um den Beschäftigten »eine Brücke in die neue Arbeitswelt zu bauen«. Auch der Tarifvorstand der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), Ralf Sikorski, forderte in derselben Zeitung ein größeres staatliches Engagement. Beschäftigte müssten für die Anforderungen und Berufsfelder der Zukunft weiter qualifiziert werden, bevor sie arbeitslos werden. Gerade kleinere Firmen benötigten Unterstützung etwa durch die Arbeitsagentur. (AFP/jW)

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Wiebke Priehn: Mehr als zynisch Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung als unkommentierter Aufhänger, um soziale Missstände zu thematisieren, die man tagtäglich, auch ohne B-Stiftung, in seinem persönlichen Umfeld erlebt? Als Stichwor...

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