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Aus: Ausgabe vom 12.03.2019, Seite 2 / Kapital & Arbeit
Hoher Organisationsgrad

»Du kannst Teil der Lösung oder Teil des Problems sein«

Belegschaft von Teigwaren Riesa setzt Betriebsratsgründung durch und kämpft für Tarifvertrag. Ein Gespräch mit Daniel Zielke
Interview: Susanne Knütter
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Tarif gibt's nur aktiv, findet auch die Belegschaft des Kartoffelverarbeiters Pfanni in Stavenhagen (5.3.2019)

Auf der Streikkonferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung wurde dem Kampf bei Teigwaren Riesa eine politische Qualität bescheinigt. Warum?

Unsere Fabrik ist Marktführer im Osten. Trotzdem liegen wir zwei Euro unter dem Lohnniveau von Erfurter Teigwaren und Möwe-Teigwaren. Außerdem sind wir in einer Unternehmensgruppe. Zwei Standorte sind in Süddeutschland. Unsere Fabrik ist in Ostdeutschland, und wir haben im Schnitt über fünf Euro weniger Stundenlohn. Aber wir waren gewerkschaftlich ziemlich schnell ziemlich erfolgreich. Andere Gewerkschaften und der DGB überlegen nun, wie sie unseren Fall auf andere Betriebe im Osten übertragen können.

Wie lange sind Sie bereits in der Gewerkschaft?

Seit April 2018. Wir hatten da schon einen Plan.

Wie sah der aus?

Es gibt viele offene Stellen, die mit Leiharbeitern besetzt sind. Das führt zu Unzufriedenheit der festen Mitarbeiter, weil jede Woche jemand neues eingearbeitet werden muss und die Qualität der Arbeit darunter leidet. Der zweite Punkt betraf die unterirdischen Löhne. Zwischen 10,50 und 11,50 Euro pro Stunde. Bei der Geschäftsführung gebettelt hatten wir schon oft, und nichts hatte sich verändert. Wir sind zu dem Schluss gekommen, einen Betriebsrat zu gründen. Nach einem Treffen mit dem Gewerkschaftssekretär hatten wir die Betriebsratswahl relativ kurzfristig eingeleitet. Innerhalb von drei Monaten gab es einen Betriebsrat, für den der Kündigungsschutz galt. Damit hatten wir erst einmal eine Basis.

Gab es Probleme?

Wir haben uns organisiert. Nach kurzer Zeit gab es einen Organisationsgrad von ca. 60 Prozent. Der Gewerkschaftssekretär hat die Geschäftsführung daraufhin zu Tarifverhandlungen aufgefordert. Dem wurde nicht stattgegeben. Dann waren wir zweimal auf der Straße und haben gestreikt. Ich wurde daraufhin für vier Wochen ausgesperrt. Damit hatte ich aber nur in meiner Funktion im Vertrieb Hausverbot. In meiner Funktion als Betriebsratsvorsitzender hatte ich kein Hausverbot und war somit jeden Tag da und hatte in diesen vier Wochen viel Zeit für Betriebsratsarbeit.

Wie ist es Ihnen gelungen, die Leute zu organisieren?

Wir haben jetzt einen Organisationsgrad von ca. 90 Prozent bei 150 Festbeschäftigten. Das ist das Ergebnis von ungefähr acht Monaten. Wir haben die Leute aktiv angesprochen und sie vor die Wahl gestellt: Du kannst Teil der Lösung oder du kannst Teil des Problems sein. Du kannst dich selbst für eine Seite entscheiden. Du kannst, wie die letzten Jahre, deinen Frust an deinen Kollegen auslassen oder an deiner Frau und deiner Familie zu Hause – was natürlich nicht toll ist – oder etwas ändern. Aber wir müssen jetzt handeln und nicht irgendwann. Danach sind immer mehr Kollegen in die Gewerkschaft eingetreten. Und dann hatten wir auch die Kraft: Wenn wir streiken, steht alles still!

Wie oft haben Sie wie lange gestreikt?

Wir haben bisher fünfmal gestreikt. Einmal zwei Stunden, einmal vier Stunden, dreimal über 24 Stunden. Es waren ein paar Streiks nötig, um zu zeigen, es gibt hier keinen anderen Ausweg! Es gibt eine Lösung, die heißt Tarifvertrag!

Gibt es jetzt einen Tarifvertrag?

Es gibt momentan einen vorläufigen. Das heißt, wir hatten die erste Verhandlungsrunde. Das Resultat ist erst einmal eine Lohnerhöhung von sieben Prozent für alle Angestellten. Die Verpflichtung, an weiteren Verhandlungen teilzunehmen, und die Erklärung des ernsthaften Willens, einen Tarifvertrag abzuschließen, haben wir schriftlich. Wir wollten nach der ersten Verhandlungsrunde nicht ohne ein Zwischenergebnis gehen. Um den Kollegen zu zeigen, es tut sich was. Im März geht es in die nächsten Runden.

Was sind die Forderungen?

Unsere langfristige Forderung ist Angleichung an das Lohnniveau unserer Schwesterfirmen.

Wie ist die Kooperation mit den anderen Standorten?

Die anderen beiden Standorte sind nicht organisiert. Dort hat weder die Gewerkschaft einen Fuß in der Tür, noch haben die einen Betriebsrat. Wir sind da die Vorreiter.

Was bedeutet politische Gewerkschaftsarbeit für Sie?

Alles, was mit Politik zu tun hat, ist in der Gewerkschaftsarbeit und im Unternehmen außen vor. Zum jetzigen Zeitpunkt hat Politik absolut nichts in unserem Vorhaben zu suchen. Wir wollen die Arbeitsbedingungen verbessern. Das ist unsere Basis. Vielleicht verändert sich das noch, und wir müssen als Gewerkschaft eine Meinung entwickeln – als Betriebsrat muss man ja immer neutral bleiben.

Daniel Zielke ist Betriebsratsvorsitzender bei Teigwaren Riesa

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